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Mauerfall vor 28 Jahren - "Wir brauchen eine schonungslose Analyse"

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Vor 28 Jahren fiel die Mauer, 28 Jahre hat sie gestanden. Das Unverständnis zwischen Ost und West ist geblieben. "Uns fehlt eine gemeinsame Identität", sagt Sozialpsychologe Zick.

Berlin: Schriftzug "Ossi oder Wessi?"
Berlin: Schriftzug "Ossi oder Wessi?" Quelle: dpa

heute.de: Die Unterschiede zwischen Ost und West scheinen größer denn je. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Andreas Zick: Die Unterschiede werden nicht größer, sondern sichtbarer und lauter. Wenn wir die Unterschiede politisch, etwa an der Bundestagswahl, messen, dann haben wir einen Spalt, wo vorher ein Riss war. Wenn wir sie ökonomisch messen, dann haben wir Verarmung, die sich im Osten häuft. Bei der Werteorientierung haben wir eher eine Angleichung. Diese Unterschiede haben nun nach 28 Jahren rechtspopulistische Bewegungen an das große Thema Zuwanderung gehängt und diese laut und deutlich zur Sprache gebracht. Jetzt muss man sich fragen: Warum ist das so gekommen, wo es doch jetzt vielen Menschen besser geht als noch in der DDR?

heute.de: Und: Warum?

Zick: Es hat sich in unsere Gesellschaft immer stärker eingeschlichen, dass sich viele Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse fühlen. Natürlich nicht alle, aber die positiven Entwicklungen kommen nicht mehr so zur Sprache. Rückwanderung zum Beispiel oder die große Abwanderung der jungen, gebildeten Frauen ist gestoppt. Positives bleibt leise. Auch weil Rechtspopulisten laut und öffentlicher im Raum stehen.

heute.de: Also müsste man weniger über Flüchtlinge als über diese Unterschiede sprechen?

Zick: Nein, man muss noch viel mehr über Flüchtlinge reden! Aber man darf den Fokus nicht nur auf die Flüchtlingskrise lenken. Unsere Studien haben gezeigt, dass es die Sorge vor Überfremdung im Osten viel stärker gibt als im Westen. Im Ruhrgebiet können sie damit viel weniger Punkte machen. Im Osten gibt es seit der Wende die Perspektive: Es muss aufwärts gehen, warum dauert die Angleichung so lange? Die Flüchtlinge werden dann zusätzlich als Belastung gesehen. Dabei vergessen wir, dass gerade der Osten von der Zuwanderung profitieren würde. Man hätte viel mehr erklären müssen, dass die Flüchtlinge zwar erst einmal eine Belastung sind, aber ökonomisch nicht bremsen.

heute.de: Ist das ein Indiz dafür, dass wir die Probleme zu sehr mit der westdeutschen Brille diskutieren?

Zick: Ja. Seit der Einheit stecken wir in der Falle, dass wir die ost- und westdeutsche Brille gar nicht aufziehen wollen. Das müssen wir aber, wenn Menschen auf die Unterschiede ihrer Identität hinweisen. Wir haben es seit der Wende nicht geschafft, eine gemeinsame Identität zu entwickeln. Darüber müsste man reden und die unterschiedlichen Kulturen in Ost und West wirklich ernst nehmen. Und dann haben wir übersehen, dass die innerdeutsche Wanderungsbewegung Effekte hat. Wenn viele junge, begabte Menschen in westdeutsche Großstädte gehen, dann hat das in klein- und mittelstädtischen Regionen im Osten Auswirkungen. Das hat es den Rechtspopulisten einfach gemacht, und der Ton wurde schnell rau und ruppig.

heute.de: Warum ist der Ton so aggressiv?

Zick: Das geht schon seit längerem auf sehr geschickte Kampagnen zurück. Nach der Wende hat sich der Rechtsextremismus im Osten festgesetzt, und auch konservative und linke Parteien haben davon gesprochen: Der Staat muss stark sein! Es muss durchregiert werden! Das hat den Boden für populistische Kräfte bereitet, die dem Osten sehr erfolgreich vermittelt haben: Ihr seid ohnmächtig, die in Berlin haben die Kontrolle verloren. Und daraus wird: Jetzt sind wir wieder dran! Wir sind im Widerstand! Diese Mentalität hat sehr viele Menschen abgeholt.

"Man muss den Menschen zuhören, ihre Geschichte anhören und eben sagen, was sie Tolles geleistet haben", sagt Petra Köpping, SPD, Integrationsministerin in Sachsen, und fordert die Anerkennung der Leistungen der Ostdeutschen nach der Wende.

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heute.de: Statt über den angeblichen Kontrollverlust von Institutionen zu diskutieren, geht es immer nur ums Geld. Kanzlerin Merkel hat versprochen, dass der Osten finanziell seine Sonderrolle behalten soll.

Zick: Ja, wir haben zwei Schubladen: Ost und West. Die ständige Betonung der Differenz kann nicht die Lösung für die Überwindung sein. Die Frage ist: Wo sind die Gemeinsamkeiten? Wo ist ein Leitbild der Demokratie, das auf diese Differenz nicht mehr achtet?

heute.de: Das haben wir 28 Jahre danach aber immer noch nicht.

Zick: Bisher hat die Linke sehr erfolgreich an die Ostidentität appellieren können. Das funktioniert nicht mehr, weil auch den etablierten Parteien, salopp gesagt, das Volk um die Ohren fliegt. Die rufen nämlich: "Wir sind das Volk!" In dem Moment, als in Clausnitz die Polizei einen kleinen Jungen aus dem Bus mit Flüchtlingen rausholt, rufen die Menschen: "Wir sind das Volk!" Daran sieht man, worum es geht: Es müssen sich alle tatsächlich noch einmal hinsetzen. Demokratie ist nicht einfach da, sie kann auch nach Ostmanier nicht einfach von oben durchregiert werden. Politik muss vermitteln, nach welchen Prozessen sich unsere Gesellschaft verändert. Und da gibt es kein Konzept.

heute.de: Man dachte nach dem Mauerfall, wir nähern uns immer weiter an. Und jetzt das.

Zick: Der Crash ist da, und die AfD sitzt im Bundestag. Entweder wird das jetzt zu massiven Differenzen führen. Oder man beschäftigt sich mit den tatsächlich Leidtragenden dieser Entwicklung. Das sind nicht die Spitzenpolitiker, sondern immer Gruppen, gegenüber denen massive Vorurteile bestehen. Die Anzahl der Hasstaten haben im Osten extrem zugenommen. Eigentlich müsste man da mal eine Bremse suchen. Wenn es einmal so gerappelt hat, dann wäre das die Möglichkeit, umzudenken.

heute.de: Glauben Sie, das gelingt?

Zick: Die Hoffnung, dass die westlich geprägte Leistungsgesellschaft Wohlstand und damit Harmonie und Konsens erzeugt, funktioniert nicht. Wir brauchen eine schonungslose Analyse, wer die tatsächlichen Verlierer der Einheit sind. Und das sind nicht die Menschen, die in den Straßen am lautesten schreien.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

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