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Kontaminierte Luft - "Fume Events": Dicke Luft im Flugzeug

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"Fume Events" stehen im Verdacht, Flugzeug-Crews und Passagieren die Luft zu vergiften. Jetzt hat die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen geantwortet. Darin gibt sie zu, dass es immer häufiger zu Zwischenfällen kommt. Klare Meldestandards gibt es weiterhin nicht.

Ein Airbus A319 von Germanwings ist gerade im Landeanflug auf den Flughafen Köln-Bonn. Es ist kurz nach 21 Uhr, als Flug 753 endlich sein Ziel erreicht. Zuvor hatten die 144 Passagiere schon drei Stunden in Wien warten müssen, bis ihr enteister Flieger endlich abheben konnte – der Schneefall in Köln war zu stark. Beim Eindrehen auf den Queranflug nehmen dann beide Piloten einen deutlichen Geruch wahr. Der Co-Pilot sagt, ihm sei "kotzübel", Arme und Beine fühlen sich taub an. Der steuernde Pilot verspürt ein starkes Kribbeln, bekommt schlagartig einen Tunnelblick und ein starkes Schwindelgefühl. Beide entscheiden sich dafür, die Sauerstoffmasken aufzusetzen und erklären im Endanflug eine Luftnotlage.

Auffällige Blutwerte

Das ist keine Fiktion, sondern ein reales Ereignis. Geschehen am 19. Dezember 2010. Später stufte die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) die Landung als "schwere Störung" ein. Die Quelle des Geruchs wurde trotz intensiver Suche nie gefunden, allerdings waren die Blutwerte der Piloten auffällig.

Solche "Fume Events" werden bei allen Airlines bekannt. Erst kürzlich musste ein Flieger von Stuttgart nach Barcelona in Lyon notlanden, nachdem die Piloten eine Luftnotlage wegen eines brandartigen Geruchs erklärt hatten. Das bestätigte Germanwings heute.de. Auch in diesem Fall war die Ursache unklar.

Die Bundesregierung geht in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage von 55 Zwischenfällen allein im letzten Jahr aus. 2013 waren es noch 66. Spitzenreiter war die Boeing 757 mit 20 gemeldeten "Fume- oder Smell-Events" im Jahr 2014. Betrieben werden in Deutschland derzeit 13 Maschinen dieses Typs vom Ferienflieger Condor. Neun Meldungen gab es beim Airbus A320 und acht beim Airbus A321, der bei fast allen Fluggesellschaften zum Einsatz kommt. Insgesamt habe es einer BFU-Studie zufolge 663 gemeldete "Fume-Events" zwischen 2006 und 2013 gegeben.

Neue technische Lösungen gefordert

Fast alle derzeit eingesetzten Passagiermaschinen arbeiten mit dem sogenannten Zapfluftverfahren für die Kabinenluft. Es gilt bei Airlines und Herstellern als effizient und sicher. Boeing hat seinen Dreamliner 787 aber mit einen anderen Sauerstoffsystem ausgestattet. Auch Liebherr arbeitet für den A320Neo an einem neuen Luftansaugverfahren. "Leider habe ich den Eindruck, dass die Aufsichtsbehörden das Problem nur verwalten und keinen Druck auf die Airlines und Flugzeugbauer ausüben. Vor vier Jahren noch haben wir eine Übergangslösung gefordert, um die Industrie zu unterstützen. Hier kommt mir aber eindeutig zu wenig", sagt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Markus Tressel.

Auch die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) fordert, dass die Politik Druck auf die Hersteller macht: "Die Bundesregierung ist bei Airbus beteiligt. Sie soll auf den Konzern einwirken, dass Konstruktionen kommen, die kontaminierte Luft ausschließen", sagt VC-Sprecher Jörg Handwerg. "Man spielt auf Zeit. Jetzt soll eine Studie der Europäischen Agentur für Flugsicherheit das untersuchen. Die Problematik ist klar: Es kümmert sich keiner darum, die Zulassungskriterien für Flugzeuge durchzusetzen, die es gibt."

Unklare Regelungen

Indirekt hat die Bundesregierung mit Hinweis auf die BFU-Studie das Problem selbst erklärt. Das Ergebnis: "Es besteht kein standardisiertes Erfassungs- und Meldesystem für Fume Events." Momentan liegt es im Ermessen der Piloten, wie sie vorgehen. Nur wenn sie Sauerstoffmasken aufsetzen, müssen die Vorfälle gemeldet werden. Eine Untersuchung bleibt dann aber trotzdem schwierig, weil sich die schwer nachweisbaren Luftbestandteile mit dem Öffnen der Kabinentür oder der Cockpit-Fenster verflüchtigen.

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