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Belastete Gesundheit - Mörderische Abgase und Statistik-Tücken

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Fast 6.000 vorzeitige Todesfälle durch Stickstoffdioxid - das will eine neue Studie des Umweltbundesamtes (UBA) ermittelt haben. Und dabei hat man noch vorsichtig gerechnet.

Das Umweltbundesamt hat berechnet, dass in Deutschland etwa 6000 Menschen durch Stickoxide ums Leben kommen. Deutlich gesundheitsschädlicher seien allerdings Feinstäube, warnen Experten.

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Gefühlt steht Deutschland kurz vor dem Totalkollaps durch Autoabgase. Immer neue Todesfallzahlen kurbeln die Debatte an. Jetzt legt das Umweltbundesamt (UBA) dazu eine neue Studie vor.  Maria Krautzberger ist Präsidentin des Umweltbundesamtes und sie hat heute Vormittag zur Pressekonferenz geladen. Im Angebot: Neue Berechnungen zur Anzahl vorzeitiger Todesfälle, ausgelöst allein durch die Belastung mit dem Reizgas Stickstoffdioxid (NO2).

Etliche Gesundheitsbelastungen

Danach führt die NO2-Konzentration zu erheblichen Gesundheitsbelastungen in Deutschland. Für das Jahr 2014 weist die Studie knapp 6.000 vorzeitige Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus, die auf Langzeitbelastungen mit Stickstoffdioxid zurückgeführt werden können. Bezogen sei das nur auf die sogenannte Hintergrundbelastung in Stadt und in ländlichen Gebieten, die Spitzenbelastungen aus dem Verkehr der ‚hot spots‘ wie am Stuttgart Neckartor seien noch nicht einmal eingerechnet. Also sind die echten Todeszahlen wahrscheinlich viel höher, so das Umweltbundesamt.

"Wir sind in dem Projekt vorsichtig vorgegangen, das heißt wir haben nur gesundheitliche Auswirkungen berücksichtig, die mit hoher wissenschaftlicher Gewissheit auf die Belastung mit NO2 zurückzuführen sind", sagt Maria Krautzberger. "Hohe Gewissheit bedeutet, dass eine ausreichende Anzahl von epidemiologischen Studien die gesundheitlichen Effekte belegen. Wir versuchen mit unseren Modellen uns der Realität anzunähern. Da Modelle jedoch nie exakt die Realität abbilden können, haben wir in der Studie auch die Unsicherheiten der Ergebnisse transparent dargestellt."

Studie nicht unumstritten

In der Tat: Das UBA selbst macht gewisse Einschränkungen. Epidemiologische Studien dienen  dazu, die Verteilung von Krankheiten in der Bevölkerung zu beschreiben und die Ursachen der Entstehung von Erkrankungen zu analysieren. Sie ermöglichten aber keine Aussagen über ursächliche Beziehungen, bestätigt das UBA.  Jedoch  lieferten sie zahlreiche konsistente Ergebnisse über statistische Zusammenhänge zwischen negativen gesundheitlichen Auswirkungen und NO2-Belastungen. Dabei sei ein Nachteil der Methode, dass die Ergebnisse stark von den verwendeten Eingangsdaten abhingen.

Professor Hans Drexler ist Ordinarius für Arbeits- und Sozialmedizin an der Universität Nürnberg-Erlangen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin. Im Gegensatz zur UBA-Studie sieht er keine einseitigen Wirkungszusammenhänge. "Ich würde die Studie erstmal dahingehend prüfen, ob man eine Kausalität ableiten kann. Ich glaube, dass die Langzeiteffekte nicht mit NO2 erklärbar sind, sondern mit Feinstaub oder dem ganzen Mix aus Feinstaub, Ozon und chemischen Belastungen, die am Feinstaub anhaften", sagt Professor Drexler.

Begünstigung von Krankheiten wie Dibates mellitus

Gemäß der UBA-Studie gibt es noch weitere Zusammenhänge, nämlich die Begünstigung von Krankheiten wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Schlaganfall, Asthma und der chronischen obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). Beispielsweise gingen so im Jahr 2014 acht Prozent der bestehenden Diabetes-mellitus-Erkrankungen auf NO2 in der Außenluft zurück, bei Asthma seien es sogar rund 14 Prozent, was in etwa 439.000 Krankheitsfällen entspricht.

Derartige hochgerechnete Fallzahlen haben für den Statistiker und Wirtschaftsprofessor Walter Krämer von der TU Dortmund keine seriöse methodische Basis. "Die Zahl der an einem Risiko verstorbenen Personen sagt über dessen Gefährlichkeit überhaupt nichts aus. Sie kann unter anderem auch deswegen steigen, weil andere Risiken ausfallen, zum Beispiel die Krebsrate sinkt", meint der Statistikkritiker. "Viele Grenzwerte sind politisch und nicht wissenschaftlich begründet und haben mit wahrer Gefährdung nichts zu tun", so legt Krämer gegenüber dem ZDF noch nach.

Dreckigste Kreuzung Deutschlands

Immerhin ist bei allen Experten unstrittig, dass NO2 gesundheitsschädigend wirken kann, insbesondere bei dauerhafter Exposition. Deshalb ist es richtig, die Luft so sauber wie möglich zu machen. Und ist offenbar in Gang gekommen,  sogar auch an der vielzitierten "dreckigsten Kreuzung Deutschlands", dem Stuttgarter Neckartor. Das jedenfalls ist einer kaum beachteten Pressmeldung der Landeshauptstadt Stuttgart vom 2. Januar 2018 zu entnehmen.

So liegen die Stickstoffdioxid-Werte für 2017 unter denen des Vorjahres. Es wurden  nur drei NO2-Überschreitungsstunden am Neckartor gemessen (bezogen auf den Maximalwert von 200 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft). 18 Stunden sind laut EU-Richtlinie erlaubt. Im Jahr 2016 wurden insgesamt 35, 2015 noch 61 Überschreitungsstunden gemessen. Verbesserungen gibt es auch beim kritischen NO2-Jahresmittelwert von höchstens 40 Mikrogramm: Dieser betrug für 2017 am Neckartor 73 Mikrogramm und liegt damit deutlich unter dem Wert aus 2016 von 82 Mikrogramm.

Fahrverbote in einzelnen Städten wahrscheinlich

Das passt ganz gut zu anderen Daten aus der neuen UBA-Studie. Denn im Zeitverlauf von 2007 bis 2014 sinkt die Anzahl der vorzeitigen Todesfälle aufgrund von NO2-Langzeitbelastung von 7.832 auf 5.966. Einer anderen Statistik des UBA zufolge, diesmal auf Messdaten beruhend, ging die Luftbelastung bei fast allen Schadstoffen (außer Ammoniak) von 1990 bis 2015 teils sehr deutlich zurück, beim Stickstoffdioxid um 60 Prozent.

Maria Krautzberger bestätigt diesen Trend: "Die Stickstoffdioxid-Belastung sinkt stetig, das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Die Grenzwerte werden immer noch in vielen Städten nicht eingehalten. Mittlerweile sind viele Schritte unternommen worden, um die Luft in den Städten besser zu machen. Für viele Städte wird das aber nicht reichen, um schnell die Belastung zu senken." Das heißt übersetzt: Fahrverbote sind nach wie vor möglich und in einzelnen Städten sogar wahrscheinlich.

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