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"Es war schrecklich, überall war Blut"

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Tote bei Luftangriff in Libyen - "Es war schrecklich, überall war Blut"

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Die Chance auf eine politische Lösung in Libyen geht gegen null. General Haftar kämpft um die Macht. Ein Angriff auf ein Migrantenlager trifft die Schwächsten, 40 Menschen sterben.

Flüchtling trägt seine Habseligkeiten durch die Trümmer
Nach einem Luftangriff auf ein Flüchtlingslager im libyschen Tadschura
Quelle: reuters

Den Anblick, den der Arzt Chalid Bin Attia aus dem Migrantenlager Tadschura bei Tripolis beschreibt, ist erschütternd. "Das Lager war zerstört, die Menschen weinten, waren in Panik", sagt der Mitarbeiter des libyschen Gesundheitsministeriums im Telefoninterview des BBC.

Wir haben sie [die Leichen] einfach mit Säcken abgedeckt.
Chalid Bin Attia, Arzt in Tadschura

"Das Licht war aus, wir konnten nicht viel sehen. Es war schrecklich, überall war Blut." Es war wohl ein Luftangriff, der das Lager tief in der Nacht zum Mittwoch erschüttert. Mindestens 40 Menschen sterben und mehr als 70 weitere werden verletzt. Der schlichte Bau, der einer einfachen Lagerhalle glich, liegt in Trümmern. Fotos zeigen schwarze Leichensäcke im Schutt. Krankenwagen hätten die Leichen zunächst nicht mitnehmen können, sagt Bin Attia. "Wir haben sie einfach mit Säcken abgedeckt."

Beobachter vermuten General Haftar hinter Angriff

Schnell vermuten Beobachter General Chalifa Haftar hinter der Attacke. Der Kriegsherr aus dem Osten kämpft um die Macht in Libyen und beherrscht schätzungsweise 70 bis 80 Prozent des Landes. Der Luftkrieg seiner selbst ernannten Libyschen Nationalarmee (LNA) gegen Tripolis kommt allerdings seit Monaten nicht voran. Vergangene Woche mussten Haftars Truppen in Gharian, rund 90 Kilometer südlich von Tripolis gelegen, sogar einen herben Rückschlag einstecken. Ist der Angriff auf das Lager die nächste Stufe der Eskalation in einer zunehmend aggressiven Militäroffensive?

In Tadschura trifft es nun die Schwächsten. Mehr als 600 Migranten unterschiedlicher Nationalitäten seien dort untergebracht, heißt es aus Regierungskreisen. In dem vom Angriff betroffenen Lagerteil waren rund 120 Migranten aus verschiedenen afrikanischen Ländern. Für Menschen aus bitterarmen Ländern wie dem Sudan, Eritrea und Somalia dient Libyen als Transitland auf dem lebensgefährlichen Weg nach Europa, den sie etwa wegen Krieg, Armut oder Verfolgung in ihrer Heimat antreten.

"Verblendet" und "größenwahnsinnig"

Haftars Truppen bestreiten, das Lager ins Visier genommen zu haben, und erklären, die LNA plane Angriffe "akribisch" und berücksichtige dabei auch den Schutz von Zivilisten. Der Präsidentschaftsrat in Tripolis macht dagegen Haftars Truppen verantwortlich. Er spricht von "Kriegsverbrechen" und "Genozid" und fordert eine unabhängige Untersuchung. Den Vorsitz im Rat hat Libyens Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch, der den Rückhalt der Vereinten Nationen genießt, über Tripolis hinaus aber kaum noch Einfluss hat.

Einer politischen Lösung scheint Haftar endgültig eine Absage erteilt zu haben. Statt die eigentlich für Mitte April geplante Nationalkonferenz abzuwarten, die Rahmenbedingungen für ein Ende des Konflikts schaffen sollte, hat der 75-Jährige einen Angriff auf die Hauptstadt angeordnet. Statt also in Verhandlungen oder Wahlen als stärkste Kraft des Landes hervorzugehen, will er die Macht im Land gewaltsam erobern. Das Magazin "Foreign Policy" beschrieb den ergrauten General zuletzt als "verblendet" und "größenwahnsinnig".

Blutiger Stellvertreterkonflikt mit vielen Interessen

Verblendet und größenwahnsinnig.
Magazin "Foreign Policy" über General Haftar

Die in der Frage gespaltenen Regierungen in Europa und den USA tragen zur libyschen Abwärtsspirale bei. Neben halbherzigen Forderungen nach einer Waffenruhe und einer Rückkehr zu politischen Gesprächen hat der Westen sich auf keine gemeinsame Libyen-Linie einigen können. Frankreich wurde vorgeworfen, Haftar stillschweigend unterstützt zu haben - auch wegen der großen Ölreserven im Land. Rom soll Paris etwa verdächtigt haben, sich einen größeren Anteil an den Energievorkommen in Libyen sichern zu wollen, wo der italienische Energiegigant ENI eine traditionell starke Stellung hat.

Ähnlich sprunghaft handeln die USA. Eigentlich hatte das Außen- und das Verteidigungsministerium Haftar dazu bewegen wollen, die Kämpfe einzustellen und seine Truppen zurückzuziehen. Doch dann stärkte US-Präsident Donald Trump dem General mit einem persönlichen Telefonat den Rücken und steuerte die diplomatischen Bemühungen in eine Sackgasse. Als Haftar Tripolis angriff, zog Washington seine Soldaten dort hastig zurück und überließ dem General das Feld. Der Willen, nach dem umstrittenen Militäreinsatz an der Seite von Frankreich und Großbritannien zum Sturz des Langzeitmachthabers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 erneut in Libyen einzugreifen, geht gegen null.

Und so tobt der Machtkampf weiter. Wie Syrien oder der Jemen wandelt sich der Konflikt schrittweise zum unlösbaren Stellvertreterkrieg. Haftar genießt den Rückhalt Ägyptens und der Vereinigten Arabischen Emirate, auch Russland mischt mit. Auf der anderen Seite stehen etwa Katar und die Türkei. Der Konflikt wird nun auch auf dem Rücken von Migranten und Flüchtlingen ausgetragen, deren einzige Rettung dieser Tage Hilfsorganisationen zu sein scheinen und Menschen wie die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete.

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