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Antisemitismus in Berlin - Was tun, wenn israelische Flaggen brennen

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Antisemitismus ist in Deutschland tief verwurzelt. Besonders in muslimischen Communities in Berlin. Die "Kreuzberger Initiative gegen Anitisemitismus" macht dagegen mobil.

Berlin: Initiativen gegen Antisemitismus beziehen Stellung für Zusammenhalt und gegen Hass.

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Das Kiga-Büro befindet sich mitten in Kreuzberg. Haus und Eingangstür sind voller Graffitis. Das Schild der Initiative ist klein - die Aufgabe jedoch riesengroß. Dervis Hizarci begrüßt uns. Er kennt Kreuzberg wie seine Westentasche. Der gebürtige Berliner ist Sohn türkischer Einwanderer und Lehrer an einer Berliner Oberschule. Hier ist "Jude" schnell ein Schimpfwort. Der gläubige Muslim geht dagegen sofort vor. "Wenn das in meinem Unterricht passiert, wird interveniert. Es wird nach Gründen gesucht und dann dementsprechend gehandelt."

Antisemitismus in Berlin. Ein altes Problem, das immer neu auflebt. Unter muslimisch-arabischen Jugendlichen ist mit 15 bis 16 Prozent Zustimmung die Anfälligkeit für Judenfeindschaft um die Hälfte höher als unter gleichaltrigen deutschen Jugendlichen. Dort liegt sie bei acht bis zehn Prozent, so Juliana Wetzel, Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin.

Außenminister Gabriel zieht rote Linie

Devis Hizarci hat zwei Kinder, ist aktiver Fußballer. In seiner Freizeit engagiert er sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Kein einfaches Unterfangen in Kreuzberg oder Neukölln. In der muslimischen Community gilt es als selbstverständlich, Jaffa-Orangen zu boykottieren. Der Anteil derer, die Israel an allem Schuld erklären, wächst. Als US-Präsident Trump ankündigte, die Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, brannten in Berlin israelische Fahnen. Unerträglich findet das Dervis Hizarci. Dagegen muss man etwas tun. Jetzt bekam seine Kreuzberger Initiative hohen Besuch. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel wollte nur für eine halbe Stunde vorbeischauen. Er blieb zwei Stunden.

Im völlig überfüllten Kiga-Büro wurde klar: Es ist mächtig Druck im Kessel. Vereinsvorsitzender Demirel erklärte, es gebe unerträglicher Hass, das bringe jeden Demokraten zum Nachdenken. "Wir haben durchaus Erfolge." Aber das reiche nicht. Man müsse mehr machen. Ein syrischer Anwalt meinte, auch er wollte zu Demos gehen, ließ es aber, um nicht "mit den Idioten in einen Topf geworfen" zu werden. Eine muslimische Studentin berichtete, ihr jüdischer Freund trage die Kipa nur unter einer Mütze. Eine junge Filmemacherin beklagte sich, es gebe so viel Frust über das Unrecht im Nahost-Konflikt. Kritik müsse jedoch möglich sein, ohne gleich als Antisemitin gebrandmarkt zu werden.

Sigmar Gabriel hörte lange zu, äußerte Verständnis, zog aber in der Kreuzberger Gesprächsrunde unmissverständlich eine rote Linie: "Wir sind nicht irgendein Land. Wir sind  Deutschland. Sechs Millionen Juden sind durch Deutsche umgebracht worden. Wir haben eine ganz besondere Verantwortung. Die muss jeder kennen, der in diesem Land lebt." Sigmar Gabriel hörte lange zu, äußerte Verständnis, zog aber in der Kreuzberger Gesprächsrunde unmissverständlich eine rote Linie: "Wir sind nicht irgendein Land. Wir sind  Deutschland. Sechs Millionen Juden sind durch Deutsche umgebracht worden. Wir haben eine ganz besondere Verantwortung. Die muss jeder kennen, der in diesem Land lebt."

Moschee heißt Begegnungsstätte

Imam Mohamad Taha Sabri von der Neuköllner Dar-As-Salam Moschee akzeptiert diese deutsche historische Besonderheit. Eines sei ihm wichtig, betont er noch: "Wir haben verschiedene Juden, die zu uns gekommen sind und sie sind auch ganz herzlich willkommen bei uns. Es gibt kein Wenn und Aber. Moschee heißt Begegnungsstätte." Dass nicht alle anderen Imame so denken und handeln, weiß Taha Sabri. "Da brauchen wir Unterstützung."

Die zwei Stunden vergingen wie im Fluge. Natürlich konnte das Nahost-Problem nicht im Kreuzberger Hinterhof gelöst werden. Aber in einem Punkt herrschte Einigkeit: Wer israelische Fahnen verbrennt, verbrennt universelle Werte. Als Außenminister Gabriel das Büro mit seinem Begleittross wieder verlassen hat, sagt uns Dervis Hirzarci, der unermüdliche Lehrer aus Kreuzberg: "Ich bin auch in Zeiten dieser üblen Ausschreitung keiner, der sagt, dieser Kampf ist verloren. Ganz im Gegenteil. Es ist jetzt an der Zeit anzupacken und weiterzumachen, auch wenn es manchmal Überwindung kostet."

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