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Trotz Solidaritätsbekundungen - Frankreichs Juden fühlen sich bedroht

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"Ca suffit". "Es reicht". Unter diesem Motto haben sich zehntausende Menschen gestern in Frankreich versammelt, wo antisemitische Vorfälle im letzten Jahr rasant angestiegen sind.

In Frankreich nimmt die Zahl der antisemitischen Strafzahlen weiter zu. Tausende Menschen haben sich gestern in Paris versammelt um dagegen zu demonstrieren.

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Das Wort "Juden" - in gelber Farbe und auf Deutsch - auf das Pariser Schaufenster der Imbisskette Bagelstein geschmiert. Hakenkreuze auf den Portraits der Holocaust-Überlebenden Simone Veil. Geschändete jüdische Friedhöfe. Bilder wie diese, von denen man dachte sie gehören in eine dunkle Vergangenheit, haben in den letzten Tagen in Frankreich die Runde gemacht.

Gleichzeitig veröffentlichte das Innenministerium die Zahlen der antisemitischen Vorfälle des Vorjahres. In den letzten Jahren waren die Zahlen rückläufig doch 2018 sind sie sprunghaft gestiegen von 311 auf 541, das sind 74 Prozent mehr. Als dann am Samstag noch Videos von einer Gelbwesten Demo auftauchten, am Rande derer der französische Philosoph Alain Finkielkraut als "dreckiger Zionist" beschimpft wurde, war das Mass voll.

Alain Finkielkraut verzichtet auf eigene juristische Schritte.
Der französische Philosoph Alain Finkielkraut wurde als "dreckiger Zionist" beschimpft, verzichtet aber auf eigene juristische Schritte.
Quelle: Christophe Petit Tesson/EPA/dpa

Große Solidarität mit der größten jüdschen Gemeinde Westeuropas

In Frankreich lebt die größte jüdische Gemeinde Westeuropas, mit fast 500.000 Mitgliedern. Ihre Vertreter forderten umgehende Maßnahmen zum Schutz der Juden und ein härteres Vorgehen gegen die Täter. Die Debatte, ob Anti-Zionismus und Antisemitismus gleichzustellen seien, entbrannte, auf sehr französische Art, sofort heftig. Und 14 politische Parteien riefen zu Demos gegen den Antisemitismus auf.

Über 20.000 Menschen versammelten sich am Dienstagabend auf dem Place de la République, um ihrer Betroffenheit und ihrem Widerstand Ausdruck zu verleihen. Darunter auch Premierminister Edouard Philippe, Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy und Francois Hollande. Auch in vielen Städten der Provinz wie Straßburg, Marseille oder Avignon demonstrierten Tausende ihre Solidarität. "Ca suffit", stand auf vielen Schildern.

Präsident Emmanuel Macron trat nicht in Erscheinung, aber auch er blieb nicht untätig. Auf Twitter versicherte er mehrmals, dass die Vorfälle nicht toleriert werden würden. Dienstagnachmittag besuchte er den jüdischen Friedhof im elsässischen Quatzenheim, wo dutzende Gräber geschändet worden waren. Abends legte er an der Shoah-Gedenkstätte in Paris Blumen nieder.

Ich erwarte Entscheidungen, starke Entscheidungen, die den nötigen Elektroschock provozieren, um den Antisemitismus in unserem Land zu bekämpfen.
Francis Kalifat, Präsident CRIF

Heute Abend wird er beim lange geplanten jährlichen Dinner des CRIF, des Dachverbands der jüdischen Vereinigungen Frankreichs, erwartet. "Null Toleranz", fordert dessen Präsident Francis Kalifat im Umgang mit den Tätern. "Ich erwarte Entscheidungen, starke Entscheidungen, die den nötigen Elektroschock provozieren, um den Antisemitismus in unserem Land zu bekämpfen", sagte er mehrfach.

Die Einen meinen, die anderen hätten mehr

Über den Grund oder die Gründe für diesen neuentfachten Antisemitismus streiten sich die Gemüter allerdings auch. "In manchen Milieus ist 'dreckiger Jude' ein oft verwendeter Ausdruck. Dreckiger Zionist, was auch ganz klar antisemitisch ist, auch. Aber warum melden sie sich jetzt zu Wort? Das liegt an einem wachsenden Hass bei denen, die denken, die anderen hätten alles und sie nichts", meint Thierry Roos, Stadtrat in Straßburg und Mitglied des Zentralrats der Juden.

"Sobald die Aufmerksamkeit, was Antisemitismus betrifft, nachlässt, nehmen die Vorfälle wieder zu. Genau das ist 2018 passiert und die Gelbwesten haben eine eh schon kritische Situation noch verschärft", analysiert seinerseits der Historiker Vincent Duclert.

"Gelbwestenbewegung ist nicht ganz unbeteiligt"

Einen Standpunkt, den die liberale Rabbinerin Delphine Horvilleur teilt: "Die Befreiung der Hassparolen, genauer gesagt der antisemitischen Parolen, sagt nichts über die Gelbwestenbewegung aus, aber sie ist daran nicht ganz unbeteiligt", schrieb sie letzte Woche in der Tageszeitung Libération.

Ein Loch das eine Sogwirkung hat und in das sich seit Wochen die heftigsten, antidemokratischen, extremistischen und antirepublikanischen Vertreter stürzen.
Delphine Horvilleur, Rabbinerin

Nach dem Beschmieren des Schaufensters von Bagelstein verglich sie das Phänomen mit dem Loch in diesem Gebäckstück: "Die Gelbwestenbewegung hat, wie jede Protestbewegung, einen politischen Platz geschaffen, ein Loch das eine Sogwirkung hat und in das sich seit Wochen die heftigsten, antidemokratischen, extremistischen und antirepublikanischen Vertreter stürzen".

Für Raphael, den das ZDF am Dienstag auf der Place de la République getroffen hat, liegt der Grund woanders: "Schuld daran ist der radikale Islam", sagte der junge Mann, der mit mehreren Freunden auf die Demo gekommen war. Sie hoffen, damit in Frankreich etwas zu verändern für die Juden. "Aber die Situation ist sehr schlimm, finde ich", sagte er bedrückt.

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