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Habgier - Riesenbetrug mit falschen Krebsmedikamenten

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Ein Apotheker soll in rund 62.000 Fällen Infusionen für Krebs-Chemotherapien zu niedrig dosiert haben - aus Habgier. Heute hat in Essen der Prozess gegen ihn begonnen.

Ein Apotheker aus Bottrop soll gepanschte Krebsmedikamente verkauft und bei den Krankenkassen voll abgerechnet haben. Betroffen sind wohl über 1000 Patienten.

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Heike Benedetti und ihre Freundin Petra Janßen müssen mit der Ungewissheit leben. Beide waren 2014 an Brustkrebs erkrankt und lernten sich in einer Arztpraxis kennen, in der sie mehrmals im Monat die Infusionen für ihre Chemotherapie erhielten. Die Praxis bezog die Infusionen aus der benachbarten Apotheke in Bottrop, deren ehemaliger Besitzer nun unter Anklage steht. "Es war ein Schock, als ich erfahren habe, dass ich zum Kreis der Patienten gehöre, denen gepanschte Krebsmedikamente verabreicht wurden", erzählt sie.

"Alle Hoffnung hängt an der Chemotherapie, an dem richtigen Medikamentenmix, der den Krebs besiegen soll", pflichtet auch Freundin Petra Janßen bei. Wenn dann die Nachricht komme, dass alles gestreckt sei, ziehe das einem erst einmal komplett den Boden unter den Füßen weg. Beide haben Glück. Ihre Werte sind stabil. Der Krebs ist nicht wiedergekommen. "Doch von den zehn Krebspatientinnen, die sich 2014 in der Arztpraxis kennen gelernt hatten, sind mittlerweile fünf verstorben", sagt Heike Benedetti, "möglicherweise würden sie mit den richtigen Medikamenten noch leben."

Beweisführung extrem kompliziert

Laut Ermittlungen sind bundesweit mehrere tausend Patienten betroffen. Fast 40 Arztpraxen und Kliniken in ganz Deutschland sind in den vergangenen fünf Jahren von dem Apotheker beliefert worden, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen. Im Nachhinein lässt sich kaum noch feststellen, welche Wirkstoffe in den individuell hergestellten Infusionen enthalten waren - oder ob sie komplett gestreckt waren, etwa mit Salzlösung. Die Beweisführung ist extrem kompliziert. "Der Nachweis einer Körperverletzung oder gar eines Tötungsdeliktes setzt voraus, dass genau dieser Patient von einer Mindermenge betroffen ist und dass es ihm deswegen hinterher schlechter ergangen ist", sagt die Essener Staatsanwältin Anette Milk.

Nur in 27 Fällen lautet die Anklage deswegen auf versuchter Körperverletzung. Denn nur in diesen Fällen kann die Staatsanwaltschaft beweisen, dass Peter S. die Medikamente selbst zubereitet hat. Neben dem Vorwurf versuchter Körperverletzung ist der Apotheker auch wegen gewerbsmäßigen Betrugs an Krankenkassen angeklagt. Denn denen stellte Peter S. die gepanschten Zytostatika zum vollen Preis in Rechnung. Dabei soll ein Schaden von rund 50 Millionen entstanden sein, so die Staatsanwaltschaft.

Die exorbitant hohen Gewinne der Bottroper Apotheke haben den Skandal letztlich ans Tageslicht gebracht. Ein Mitarbeiter der Apotheke war skeptisch geworden, hatte die eingekauften und verarbeiteten Medikamente mit den Mengen verglichen, die abgerechnet wurden. Bei der anschließenden Razzia der Behörden konnten zumindest die gepanschten 27 Krebs-Infusionen im Labor der Apotheke sichergestellt werden.

Bessere Qualitätskontrolle gefordert

Warum konnte der angeklagte Peter S. jahrelang Krebsmedikamente panschen, ohne aufzufallen? Rund 300 Apotheken in Deutschland besitzen die Lizenz, Zytostatika herzustellen. Die Anforderungen sind hoch: Es handelt sich um sogenannte Reinraumlabore mit höchsten Hygiene-Auflagen. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, die keine Fehler erlaubt, sagt Stephan Bade, der in Wuppertal ein solches Reinraumlabor betreibt. "Wir kontrollieren die Herstellung nach dem Vier-Augen-Prinzip oder mit Hilfe EDV-gestützter Produktionsprozesse", erklärt Bade. Im Großen und Ganzen eine Vertrauensangelegenheit. Denn Kontrollen sind zwar vorgesehen - finden aber nur selten statt - und wenn doch, nur angekündigt. Geprüft werden technische Ausrüstung, Hygiene und Prüfkontrolle, erklärt die zuständige Bezirksregierung.

Das reiche bei Weitem nicht aus, kritisiert Eugen Brysch von der Stiftung Patientenschutz. "Wir brauchen eine Qualitätskontrolle, die mindestens einmal im Vierteljahr stattfindet und auch unangekündigt ist", fordert er. Der zuständige NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hat bereits reagiert und schärfere Kontrollen angekündigt. Nach dem jüngsten Erlass dürfen Infusionen, die betroffenen Patienten aus gesundheitlichen Gründen nicht verabreicht werden konnten und als "Rückläufer" gelten, kontrolliert werden. Doch die Untersuchungen sind aufwendig und teuer. Wer die Kosten dafür trägt, ist noch nicht abschließend geklärt. Geht es nach Gesundheitsministerium, sollen die Apotheken bezahlen. Doch dort regt sich Protest. Denn je nach Infusion können schnell mehrere tausend Euro zusammenkommen.

Für die bundesweit rund 3.700 Menschen, die die gepanschten Krebsmedikamente aus Bottrop erhalten haben, sind diese Fragen sowieso unerheblich. Viele von ihnen wissen noch immer nicht, ob sie möglicherweise unwirksame Medikamente erhalten haben. "Wie viele Ärzte ihre Patienten informiert haben ist noch völlig unklar", bestätigt Staatsanwältin Anette Milk. Sie müssen weiter leben mit der Ungewissheit.

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