Arbeit und Privatleben: Grenzen verschwimmen

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AOK-Studie - Arbeit und Privatleben: Grenzen verschwimmen

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Auch mal von zu Hause arbeiten, sich seine Arbeit flexibel einteilen: Die Digitalisierung bietet solche Möglichkeiten zunehmend. Diese Flexibilität hat aber nicht nur Vorteile.

40 Prozent der Betriebe ermöglichen ihren Mitarbeitern Homeoffice. Eine Befragung der AOK ergab, dass es nicht nur Vorteile, sondern auch eine größere psychische Belastung birgt.

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Bei vielen Erwerbstätigen droht nämlich die Trennung von Arbeit und Privatleben zunehmend zu verschwinden. Das ist eine Erkenntnis des aktuellen AOK-Fehlzeiten-Reports.

Mit Blick auf die Flexibilisierung von Zeit und Ort der Arbeit konstatieren die Studienautoren, dass diese Flexibilisierung die Zufriedenheit der Beschäftigten erhöhen könne. Allerdings wirke der erhöhte Aufwand der Selbstorganisation und Abgrenzung von den Anforderungen des Betriebes negativ auf das Wohlbefinden und die Gesundheit.

Arbeitszeit nimmt zu

Arbeitsorte und -zeiten werden flexibler. Das zeigt sich an verschiedenen Kennzahlen, die die Studie präsentiert. Fast jeder fünfte Beschäftige hat mittlerweile einen (sehr) häufig wechselnden Arbeitsort, die tägliche Pendeldauer beträgt mittlerweile im Schnitt 51 Minuten.

Diese Werte haben sich im Vergleich zum Jahr 2011 erhöht - ebenso hat die tatsächlich geleistete durchschnittliche Wochenarbeitszeit zugenommen. Bemerkenswert ist im Rahmen dessen die Arbeitszeit der sogenannten Flex-Arbeitenden. Diese liegt über dem Durchschnitt und beträgt 43,5 Wochenstunden.

Dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen, zeigt sich unter anderem daran, dass 41,2 Prozent angeben, sie seien in den vergangenen vier Wochen von ihrem Arbeitgeber telefonisch oder per E-Mail außerhalb ihrer Arbeitszeit kontaktiert worden. Bei der Befragung 2011 waren es noch 34,1 Prozent.

Junge Beschäftigte werden öfter in ihrer Freizeit kontaktiert

Immer erreichbar sein - auch außerhalb der Dienstzeit: Dieser Stressfaktor ist bekannt, dennoch macht er vielen zu schaffen. Auffällig ist, dass diejenigen, die ausschließlich im Unternehmen arbeiten, vergleichsweise selten kontaktiert werden. Außerdem könnte ein Vergleich der Altersgruppen auf eine Entwicklung hindeuten: Junge Beschäftigte bis 29 Jahre wurden überdurchschnittlich oft in der Freizeit wegen beruflicher Belange kontaktiert.

Ein Drittel der Befragten gibt zudem an, das Gefühl zu haben, dass erwartet wird, in der Freizeit für Belange der Arbeit erreichbar zu sein. Auch hier bestätigen sich zwei Beobachtungen: Junge Beschäftigte sowie Arbeitnehmer, die nicht nur im Unternehmen arbeiten, sind besonders betroffen.

Eigene vier Wände verlieren Funktion als Rückzugsraum

Insgesamt kommen die Autoren zu der Erkenntnis, dass das Privatleben von Beschäftigten mit außerbetrieblichen Arbeitsorten flexibler sein muss. Hieraus ergibt sich die Schwierigkeit, die Grenzziehung zu managen. Das müsse von den Beschäftigten außerhalb des Betriebes verstärkt selbst übernommen werden. Abschalten wird somit schwieriger.

Vereinfacht könnte man bilanzieren: Freiheit erfordert Verantwortung und diese Verantwortung ist mit Aufwand verbunden. Die Autoren der Studie formulieren es so: "Dienstliche Probleme werden gedanklich weiterbearbeitet, befördert dadurch, dass man sich ja sozusagen noch am Arbeitsplatz befindet, wenn man zu Hause ist, weil dort die Arbeit jederzeit wieder aufgenommen werden könnte - etwas, was Inhouse-Arbeitenden oder Flex-Arbeitenden beim Kunden nicht möglich wäre."

Das habe zur Folge, dass die eigenen vier Wände ihrer Funktion als Rückzugsraum von der Arbeit beraubt werden. Bei einigen Erwerbstätigen reist die Arbeit sogar mit: So geben insgesamt 17,6 Prozent der Befragten an, selbst im Urlaub manchmal an Probleme bei der Arbeit zu denken.

Rund ein Viertel handelt gegen ärztlichen Rat

Inwieweit wirkt sich all das nun auf Gesundheit und Wohlbefinden aus? Insgesamt ist knapp ein Viertel der befragten Erwerbstätigen in den letzten zwölf Monaten gegen ärztlichen Rat krank zur Arbeit gegangen.

Überdurchschnittlich oft handeln Flex-Arbeitende mit wechselnden Arbeitsorten gegen ärztlichen Rat (26,5 Prozent). Die Autoren vermuten, dass die Entscheidung für die eigene Gesundheit womöglich hinter dem Erwartungsdruck auf Seiten der Kunden und damit auch des Arbeitgebers zurückstehen müsse.

Flexibilität führt zu Beeinträchtigungen des psychischen Wohlbefindens

Der Fehlzeiten-Report 2019 untersuchte mit Blick auf die Auswirkungen der Flexibilisierung von Einsatzorten und -zeiten nicht nur Fragen zu Erkrankungen (wie Infektionserkrankungen oder Herz-Kreislaufbeschwerden), sondern auch zu Befindlichkeiten wie beispielsweise emotionaler Irritation (Wut, Ärger).

Hier kommt die Studie zu einem klaren Ergebnis: Flexibilität führt zu Beeinträchtigungen des psychischen Wohlbefindens. Die am häufigsten genannte Beeinträchtigung ist Erschöpfung. Von den Tele-Arbeitenden geben die meisten Beschäftigten an, unter Erschöpfung zu leiden (73,4 Prozent). Der Unterschied zwischen den Mobil-Arbeitenden und den Inhouse-Arbeitenden (66 Prozent) sei dabei deutlich und signifikant.

Auch bei weiteren Fragen nach emotionaler Irritation und psychischen Beeinträchtigungen wie Wut und Verärgerung, Lustlosigkeit, Selbstzweifeln und Niedergeschlagenheit oder Reizbarkeit geben die Tele-Arbeitenden jeweils am häufigsten an, darunter gelitten zu haben.

Anders sieht es bei der dritthäufigsten Beschwerde aus: den Rücken- und Gelenkbeschwerden, unter denen insgesamt 61,3 Prozent gelegentlich bis ständig leiden. Hier sehen die Autoren branchen- und berufsspezifische Belastungen, von denen die Berufsgruppen, die zuhause arbeiten können, weniger betroffen sind.

Zunehmende Entgrenzung von Arbeit und Privatleben

Insgesamt beschreibt die Studie eine zunehmende Entgrenzung von Arbeit und Privatleben und eine Auflösung des privaten Rückzugsraums. Ferner möchten Arbeitnehmer laut Studie keine starren Arbeitszeiten. Offenbar bringt Flexibilität mehr Qualität im Arbeits- und Privatleben: So könne zu Hause konzentrierter gearbeitet werden, sodass mehr Arbeit bewältigt wird. Besonders stark verwischen daher die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben bei den Tele-Arbeitenden.

Die Autoren beobachten im Vergleich zu Inhouse-Arbeitenden einerseits, wie die Flexibilisierung der Arbeitszeiten und Arbeitsorte die Zufriedenheit der Beschäftigten erhöht. Gleichwohl kann der erhöhte Aufwand der Selbstorganisation und der Abgrenzung von den Anforderungen des Betriebes negativ auf das Wohlbefinden und die Gesundheit einwirken. Dieser Spagat bleibt im Zeitalter der Digitalisierung und Flexibilisierung eine zentrale Herausforderung.

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