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Eine Million Arbeitslose mehr - Wie die Arbeitslosenzahl schöngerechnet wird

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Der Arbeitsmarkt entwickelt sich freundlich. Seit Jahren sinkt die Zahl der Arbeitslosen. Doch viele Arbeitslose werden gar nicht mitgezählt.

Die Zahl der Arbeitslosen ist im Oktober auf 2,39 Millionen Arbeitslose gesunken. Viel mehr Menschen seien arbeitslos, kritisieren Sozialverbände.

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Heute war es wieder so weit. In Nürnberg hatten die Chefs der Bundesagentur für Arbeit ihren großen Auftritt. Sie traten vor die Presse und gaben ihre jüngsten Zahlen für den deutschen Arbeitsmarkt bekannt, Stand Oktober 2017. Erstmals seit der Wiedervereinigung waren weniger als 2,4 Millionen Menschen arbeitslos - 2,389 Millionen Frauen und Männer hatten keinen Job. Es ist die Zahl der registrierten Arbeitslosen. Im Vormonat September waren noch 2,45 Millionen Menschen in Deutschland als arbeitslos registriert. Die Entwicklung klingt doch gut.

Diese Zahl wird über alle Medien, von Nachrichtenagenturen über Internetseiten bis zu Zeitungen, Radio und Fernsehsendern, in die Öffentlichkeit hinausposaunt. "Ein Stück Volksverdummung", nennt das Professor Heinz-Josef Bontrup, Wirtschaftswissenschaftler mit Schwerpunkt Arbeitsökonomie an der Westfälischen Hochschule in Recklinghausen. "Die Arbeitslosenzahlen auf Basis der registrierten Arbeitslosenzahlen sind ganz klar schöngerechnet. Die wirkliche Zahl der Arbeitslosen ist im Land deutlich höher", kritisiert er. Und damit hat er Recht.

Nicht arbeitslos, sondern unterbeschäftigt

Im Sozialgesetzbuch ist genau geregelt, wer als arbeitslos zu gelten hat. Dazu zählen Menschen, die sich bei der Arbeitsagentur arbeitslos gemeldet haben, die gar nicht oder weniger als 15 Stunden pro Woche arbeiten und einen sozialversicherungspflichtigen Job suchen. Das traf im September eigentlich auf knapp 3,4 Millionen Menschen zu, fast eine Million mehr. Doch diese knappe Million wird aus der offiziellen Arbeitslosenzahl herausgerechnet.

Dabei handelt es sich um die Gruppe der so genannten Unterbeschäftigten. Darunter fallen zum Beispiel Arbeitslose, die gerade an einer Weiterbildungs- oder Umschulungsmaßnahme teilnehmen, die von Fremdfirmen vermittelt werden oder zum Zeitpunkt der Erfassung krank sind. Auch Hartz-IV-Empfänger über 58 Jahre und 1-Euro-Jobber werden nicht als arbeitslos registriert, sondern als unterbeschäftigt. Dabei ist offensichtlich, dass die Menschen keine Arbeit haben.

Eigentlich eine Million mehr arbeitslos als angegeben

Siebzehn Mal wurde in den vergangenen Jahrzehnten die Methodik zur Erfassung der Arbeitslosen geändert, fast jedes Mal ist die Arbeitslosenzahl danach gesunken. Für die jeweils verantwortliche Regierung eine schöne Sache, niedrigere Zahlen lassen sich einfach besser verkaufen. "Die herrschende Politik hat natürlich kein Interesse daran, dass die echten Arbeitslosenzahlen ausgewiesen werden. Sie sind natürlich ein Makel für Politik, weil es dokumentiert, dass Politik nicht in der Lage ist, die bestehende Massenarbeitslosigkeit, die wir seit 40 Jahren in unserem Land haben, durch wirtschaftspolitische Maßnahmen zu verändern", konstatiert Arbeitsökonom Bontrup. Er appelliert an die Politik, die Arbeitslosenzahlen richtig auszuweisen und Rechentricks sein zu lassen.

3,4 Millionen Menschen waren also im September arbeitslos, auch wenn nicht alle als arbeitslos gelten. Und auch das ist leider noch nicht alles. Es gibt noch die so genannte stille Reserve. Das sind Menschen, die sich entmutigt vom Arbeitsmarkt zurückgezogen und die Hoffnung auf eine Vermittlung aufgegeben haben. Oder Menschen, die bisher nicht gearbeitet haben und keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Die stille Reserve lässt sich nur schätzen, aktuell sollen es 134.000 Menschen sein. Wenn man das alles zusammenzählt, waren im September über 3,53 Millionen Menschen arbeitslos. Deutlich mehr als die 2,45 Millionen, die offiziell als arbeitslos bezeichnet werden.

Alle Daten bei der Bundesagentur für Arbeit abrufbar

Darüber hinaus gibt es noch viel mehr Menschen in Deutschland, die Arbeitslosengeld beziehen. Neben dem Arbeitslosengeld I ist das vor allem das Arbeitslosengeld II, besser bekannt als Hartz-IV. 4,34 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter haben im September Hartz-IV-Leistungen bekommen. Das sind über 30.000 mehr als im September des Vorjahres. Das klingt dann schon weniger gut - trotz brummender Wirtschaft und sinkender Arbeitslosenzahlen.

Eines kann man der Bundesarbeitsagentur aber nicht vorwerfen: dass sie Heimlichtuerei betreibe. Im Gegenteil, die Zahl der Unterbeschäftigten und alle anderen relevanten Daten werden offen kommuniziert und sind frei verfügbar, jederzeit auf den Seiten der BA abrufbar. Man muss nur einmal genauer hinschauen.

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