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Archeogaming - Archäologische Spurensuche in Computerspielen

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Junge Archäologen erfinden ihr Fach neu: Beim Archaeogaming erforschen sie menschliche Spuren in Videospielen und leiten digitale Ausgrabungen - für viele die Archäologie der Zukunft.

Die weltgrößte Messe für Computerspiele lockt Besucher mit neuen Spielvarianten.

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Stellen Sie sich vor, 5.000 Menschen werden auf einer einsamen Insel ausgesetzt. Sie besiedeln die Insel, sie betreiben Handel miteinander, legen gemeinsam Gärten an. Eines Tages sind mit einem Mal alle 5.000 Menschen weg, als hätte eine Gottheit mit den Fingern geschnippt und die Sache beendet.

Erforschen, was Computerspieler hinterlassen

So erging es unlängst etwa 5.000 Videospielern, nur dass die Insel der virtuelle Planet "Galactic Hub“"im Videospiel "No Man's Sky" war. Die Spieler besiedelten in dem Videospiel den virtuellen Planeten, trieben Handel, legen gemeinsame Gärten an. Und dann schnippte keine Gottheit mit dem Finger - ein automatisches Update des Videospiels löschte ihre virtuellen Identitäten. Zurück blieb ein Planet, den die Spieler kultiviert hatten, inklusive der Gärten.

Und hier kommt Andrew Reinhard ins Spiel: Er ist Pionier des sogenannten Archeogamings, das heißt Reinhard erforscht archäologisch, was Computerspieler in ihren Spielen hinterlassen - wie die 5.000 auf dem Planeten Galactitc Hub, bevor das Update sie vom Planeten vertrieb. "Ich fühle mich ein bisschen wie Howard Carter sich gefühlt haben mag, als er das Grab des Pharaos Tutanchamun betrat", sagt der Archäologe.

Wie haben die Spieler gelebt?

Archeogaming ist eine neue Bewegung, wie eine blutjunge Zweigestelle der klassischen Archäologie. Dahinter stehen junge Archäologen, die das aus ihrer Sicht angestaubte Fach der Archäologie modernisieren wollen. Erste Universitäten haben Archaeogaming bereits auf den Lehrplan genommen und veranstalten internationale Fachkonferenzen dazu.

"Archaeogaming ist das Studium der Archäologie in und von Spielen", erklärt Andrew Reinhard, Doktorand der Archäologie an der Universität York. Spiele seien so alt wie die Menschheit, daher sei es wichtig, diese zu erforschen. Wie in der echten Welt achtet Reinhard als Archäologe darauf, den Ausgrabungsort möglichst nicht zu verändern. Deshalb baut er sein virtuelles Forschungslabor außerhalb in Sichtweite der verlassenen virtuellen Siedlung auf. Von hier aus sammelt er Screenshots der Landschaft und zurückgelassenen Gebäuden oder untersucht hinterlassene Artefakte, welche auf eine der drei Spielrassen hinweisen, die im Spiel ausgewählt werden. Wie ein klassischer Archäologe wertet er am Ende des Tages das gefundene Material mit wissenschaftlichen Methoden aus und versucht zu verstehen, wie die Spieler hier gelebt haben.

Der Limes im Computerspiel

An der Universität Leiden haben Archäologie-Studenten mit ihren Professoren die Forschungsgruppe Value rund um das Thema Archaeogaming gegründet. Hier dreht sich alles um Archäologie und Videospiele: Regelmäßig treffen sich Studenten und Professoren, um gemeinsam historische Videospiele zu spielen und zu besprechen. Die Forschungsgruppe Value veranstaltet mit der Interactive-Pasts-Konferenz die größte Fachkonferenz zum Archaeogaming.

Das jüngste Projekt der Forschungsgruppe nennt sich RoMeincraft. "Für das Projekt haben wir virtuell im Spiel Minecraft einen Teil des römischen Limes und der Landschaft dieser Zeit um 200 n.Chr. nachgebaut. Auf Veranstaltungen erforschen wir gemeinsam mit Besuchern die virtuelle Welt", erklärt Csilla E. Ariese-Vandemeulebroucke, Doktorandin der Archäologie an der Universität Leiden.

Konkret haben die jungen Archäologen den römischen Grenzwall in der Provinz Südholland in den Niederlanden nach historischem Vorbild in Minecraft nachgebaut. Auf insgesamt zehn Veranstaltungen stellen sie Besuchern ihr Projekt vor: Die Veranstaltungen finden in jenen Städten und Dörfern statt, an denen der Grenzwall zur Zeit der Römer gestanden hat und der jetzt virtuell von den Besuchern erforscht werden kann. "Mit solchen Projekten können wir Menschen für Archäologie begeistern. Wenn die Besucher auf den Veranstaltungen an den virtuellen Dörfern mitbauen, dann werden sie selbst zu Archäologen“, erklärt Ariese-Vandemeulebroucke.

Nur eine kleine Facette

Klassische Archäologen sehen den Mehrwert des Archaeogamings, grenzen die Bewegung gleichzeitig aber auch ein. Die archäologischen Fächer müssten sich zweifellos intensiv mit den Herausforderungen und Möglichkeiten des digitalen Zeitalters beschäftigen, meint Marcel Danner vom Lehrstuhl für klassische Archäologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. "Archaeogaming stellt aber nur eine kleine Facette dieser inhaltlichen Auseinandersetzung dar, die zwar eine gewisse Breitenwirkung auch außerhalb des Faches erzielen kann, die Methoden des Faches meiner Ansicht nach aber nicht revolutionieren wird."

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