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Einziger Wunsch: Gefühl von Sicherheit

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Syrische Flüchtlinge - Einziger Wunsch: Gefühl von Sicherheit

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Ein Feuer hat Khatun Humeid alles genommen. Sie ist eine von 5,6 Millionen Syrern, die in benachbarten Staaten Schutz suchen. Experten warnen: "Ihre Lage wird immer schlimmer."  

Verbrannte Zelte im Lager Yammoune
Verbrannte Zelte im Lager Yammoune
Quelle: Lebanese Organization for Studies and Training (LOST)

Khatun Humeid schläft in einem Zelt, als mitten in der Nacht die Hölle über sie und ihre Familie hereinbricht. Es ist kurz vor Weihnachten im überfüllten Flüchtingscamp Yammoune nahe der berühmten Tempelanlage von Baalbek im Libanon, als ein defekter Ofen vier Uhr morgens ein Feuer entfacht, das insgesamt 25 Zelte völlig niederbrennt, Dutzende Menschen verletzt und einen Mann und ein Kind umbringt: Abed Moussa, 46, und Khatun Humeids Sohn, Wissam Issa, der gerade einmal sieben Jahre alt wird.

"Alles, was wir uns wünschten, war das Gefühl, sicher zu sein"

Alles, was wir uns wünschten, war das Gefühl, sicher zu sein.
Khatun Humeid, die in einem Feuer ihren Sohn Wissam Issa verloren hat

Nachrichtenagenturen berichteten - wenn überhaupt - nur in wenigen Sätzen über das Unglück. Zu häufig brechen im Winter Feuer in Flüchtlingsunterkünften aus. Traurige Normalität also. Für die junge Syrerin Khatun Humeid, 28, ist ihre Welt aber zusammengebrochen; sie steht noch immer unter Schock. "Nichts kann meinen Sohn ersetzen", sagt sie dem Helfer Mouhamad Amhaz, mit dem heute.de in Kontakt steht. "Alles, was wir uns wünschten, war das Gefühl, sicher zu sein", so Humeid.

Dieses Gefühl teilt sie mit 5,6 Millionen Menschen, die in den vergangenen Jahren vor den Schrecken des Krieges in Syriens Nachbarländer geflohen sind. Allein der Libanon mit seinen etwa 4,5 Millionen Einheimischen hat nach Informationen des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR) offiziell mehr als 950.000 Syrer aufgenommen. Ziad El Sayegh, Experte für Staatstätigkeit und Flüchtlinge, geht hingegen von bis zu 1,3 Millionen Syrern im Libanon aus. Fast alle lebten wie Humeid in elenden Verhältnissen.

Flüchtlingslager Yammoune
Katastrophale Zustände im Flüchtlingslager
Quelle: Lebanese Organization for Studies and Training (LOST)

Großteil syrischer Flüchtlinge lebt in "extremer Armut"

"30 Prozent der syrischen Flüchtlinge leben in den am dichtesten bevölkerten, ärmsten Stadtvierteln, wo auch Libanesen unter dem Mangel an Basis-Dienstleistungen des Staates leiden; 62 Prozent der Syrer im Libanon leben sogar in extremer Armut", berichtet El Sayegh im heute.de-Interview. Zwar versuchten der libanesische Staat, die UN und diverse Hilfsorganisationen die Flüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen, "allerdings können acht Jahre der Krise nicht durch humanitäre Interventionen dieser Art in den Griff bekommen werden", so El-Sayegh.

Aktuell sei immerhin der Zugang zu sauberem Wasser, Lebensmitteln und medizinischer Hilfe gesichert; zudem könnten Flüchtlingskinder öffentliche Schulen besuchen. Allerdings beschreibt El Sayegh die Lage als äußerst fragil. Ähnlich sieht es das UNHCR, das in der Region seit Jahren unterfinanziert ist und deshalb Geflüchteten nicht die Hilfe zukommen lassen kann, die sie bräuchten. Aktuell bittet die internationale Organisation seine Mitglieder um 5,5 Milliarden US-Dollar (circa 4,8 Milliarden Euro), um syrische Flüchtlinge im Libanon, in Jordanien und Ägypten sowie in der Türkei und im Irak mit dem Nötigsten versorgen zu können.

Kirchlicher Helfer: Politische Interessen behindern humanitäre Hilfe

Als ein Spiegelbild des ganzen Konflikts in der Region wird auch die humanitäre Hilfe und der Wiederaufbau aus politischen Interessen behindert und blockiert.
Generalvikar Jochen Reidegeld, der sich mit der "Aktion Hoffnungsschimmer" engagiert

Denn der Einsatz privater oder kirchlicher Organisationen kann das Ausbleiben von Hilfen der Internationaler Gemeinschaft nicht kompensieren, bestätigt auch Jochen Reidegeld, stellvertretender Generalvikar des Bistums Münster, das sich seit Jahren mit der "Aktion Hoffnungsschimmer" im Nordirak schwerpunktmäßig im Sinjargebirge für geflüchtete Syrer engagiert. Mithilfe von Spendengeldern konnten dort zwar Schulen und einfache Hospitäler geschaffen werden. Doch: "Viele Geflüchtete leben immer noch wie vor vier Jahren in Zelten", berichtet Reidegeld.

Eine Rückkehr der Flüchtlinge in ihre syrischen Heimatdörfer werde unter anderem durch Minen der IS-Terrororganisation und eine völlig zerstörte Infrastruktur in Syrien behindert. "Als ein Spiegelbild des ganzen Konflikts in der Region wird auch die humanitäre Hilfe und der Wiederaufbau aus politischen Interessen behindert und blockiert", sagt Reidegeld. Denn nicht nur in Teilen Syriens, sondern auch im Nordirak herrsche Chaos. "Sinjar Stadt etwa liegt immer noch in Trümmern, darunter leiden vor allem die Jesiden", berichtet Reidegeld, der die Region gut kennt.  

Experte El Sayegh: Krise längst noch nicht überwunden

Der kirchliche Helfer appelliert vor allem an die politische Vernunft in der Region. "Was als erstes benötigt wird, sind nicht Hilfsgüter, sondern vielmehr die Bereitschaft, auch gegen politische Widerstände den Wiederaufbau dieser Region voranzutreiben." Es müsse endlich ein "nicht-militärischer Weg der Zukunftssicherung" gefunden werden, so Reidegeld. Ähnlich formuliert es der libanesische Experte Ziad El Sayegh, der einen Mangel an "vereinigter Politik zur Krisenbewältigung" konstatiert.

Zwar melden Syrien und sein Bündnispartner Russland eine wachsende Zahl von heimkehrenden Flüchtlingen – und auch die UN spricht davon, dass 2019 bis zu 250.000 Syrer in ihre Heimat zurückkehren könnten. El Sayegh aber ist sich sicher, dass die Krise längst noch nicht überwunden sei. Im Gegenteil: "Derzeit wird die Lage für Flüchtlinge in der Region immer schlimmer.

Deutsche "Orienthelfer" kümmern sich um Brandopfer

Im Yammoune hingegen sind die Menschen dabei, das Zeltcamp wiederaufzubauen. Menschen aus den umliegenden Dörfern haben den Flüchtlingsfamilien zunächst Decken, Lebensmittel und Öfen gespendet, berichtet der Hilfskoordinator Mouhamad Amhaz. Seine Organisation "LOST" ist aktuell damit beschäftigt, erste große Zelte, Duschen und Toiletten neu zu errichten. Die deutsche Partnerorganisation "Orienthelfer", die vom bayerischen Kabarettisten Christian Springer ins Leben gerufen wurde, sammelt derweil Spenden für neue Zelte und Erste-Hilfe-Pakete.

"Die Menschen dort haben wieder einmal alles verloren", sagt Springer im Gespräch mit heute.de. Er rechnet mit einem Bedarf von etwa 15.000 Euro, um den Brandopfern sichere Unterkünfte aufzubauen. "Das sollten wir schnellstmöglich schaffen, wir können die Familien doch nicht bei Minusgraden im Freien schlafen lassen."

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