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Arzneimittel in Kosmetika - Wimpern-Serum geht unter die Haut

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Wimpern-Seren machen die Wimpern dichter und länger. Diesen Effekt haben sie, weil sie ein Arzneimittel enthalten. Die deutsche Kosmetik-Kommission möchte die Seren verbieten.

Frau blickt in die Kamera
Schöne Wimpern sind begehrt.
Quelle: Photocase

Lange Klimperwimpern sind angesagt. Doch sie sollen möglichst natürlich aussehen, nicht wie angeklebte Fächer. Ein Serum, das die Wimpern wachsen lässt, scheint da die perfekte Alternative zu sein. Das ist ein flüssiges Gel, das wie Eyeliner mit dem Pinsel aufgetragen wird. Doch es wirkt nur, weil es Prostaglandin-Analoga enthält. Das sind Medikamente, die normalerweise als Therapie bei Grünem Star (Glaukom) eingesetzt werden. Wie wirken Prostaglandin-Analoga an den Wimpern?

Unbenannte Nebenwirkungen

Das Wimpern-Serum wird zwar auf die Haut aufgetragen, aber es wirkt hauptsächlich unter der Haut. Der Wirkstoff erreicht die Haarwurzeln der Wimpern und die Blutgefäße unter der Haut. An den sogenannten Haar-Follikeln aktiviert er Rezeptoren. Es werden Botenstoffe ausgeschüttet, die den Wimpern das Signal geben: Jetzt wachsen.

Normalerweise wachsen die Wimpern in einem eigenen Rhythmus. Etwa fünf bis acht Wochen im Jahr sind sie in der Wachstumsphase. Dann wachsen sie pro Tag rund 0,15 mm. Durch Prostaglandin-Analoga wird die Wachstumsphase verlängert, sodass die Wimpern dichter und länger werden. Das ist eine Nebenwirkung der Medikamente. Kosmetik-Firmen nutzen sie für ihre Produkte. Dabei haben Prostaglandin-Analoga noch weitere Nebenwirkungen.

Auge
Normalerweise wachsen die Wimpern in einem eigenen Rhythmus. Etwa fünf bis acht Wochen im Jahr sind sie in der Wachstumsphase.
Quelle: imago/Westend61

Sie können die Augen reizen, zu Entzündungen führen oder zu dunklen Verfärbungen. Sie wirken sich nämlich auf die Melanin-Produktion aus. Melanin ist ein Pigmentstoff, ein Farbstoff. Er färbt unter anderem Haut, Haare und Augen. Prostaglandin-Analoga haben die Eigenschaft, dass dort, wo sie benutzt werden, mehr Melanin produziert wird. Bei Patienten, die das Medikament als Augentropfen nehmen, färben sich die Wimpern dunkler und manchmal die Haut ums Auge. Dieser Effekt lässt nach, wenn die Tropfen abgesetzt werden.

Es kann sich aber auch die Regenbogenhaut, die Iris des Auges, verfärben. Das ist die Augenfarbe. Wenn sich die Augenfarbe verändert, ist das meistens irreversibel und bleibt für immer. In seltenen Fällen (weniger als ein Prozent) kann der Wirkstoff zudem Asthma-Anfälle auslösen oder die Netzhaut und Hornhaut am Auge langfristig beschädigen.

Bundesamt untersuchte Wimpernhaarwuchsmittel

Auf den Wimpern-Seren, die Prostaglandin-Analoga enthalten, steht oft nur: "Bei Auftreten von Nebenwirkungen die Anwendung abbrechen". Auf mögliche irreversible Folgen wird meistens nicht hingewiesen.

In einem Projekt des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wurden vor zwei Jahren acht Wimpernhaarwuchsmittel untersucht, die online gekauft wurden. Sie enthielten Prostaglandin-Analoga in einer Konzentration von 0,0006 bis 0,02 Prozent. Zum Vergleich: In den Augentropfen, die als Medikament eingesetzt werden, ist die Konzentration 0,005 Prozent (Beispiel Latanoprost).

Frau benutzt Augentropfen
In den Augentropfen, die als Medikament eingesetzt werden, ist die Konzentration des Wirkstoffs 0,005 Prozent (Beispiel Latanoprost). (Symbolbild)
Quelle: imago/blickwinkel

Für die Tropfen gibt es eine eindeutige Anleitung zur Anwendung: ein Tropfen pro Auge am Tag. Auf den Verpackungen der Wimpern-Seren steht meistens nur die Information "täglich". Laut Hersteller sollten dann ab vier bis sechs Wochen längere Wimpern zu sehen sein. In den Inhaltsstoffen kann nachgeguckt werden, ob ein Wimpern-Serum Prostaglandin-Analoga enthält. Sie sind meist an der Silbe "prost" zu erkennen. Aber wie gefährlich ist ein Serum mit diesen Stoffen?

Arzt rät von künstlichen Wimpern als Alternative ab

Ich würde Verbrauchern nicht empfehlen, Wimpern-Seren zu nehmen
Jan Hengstler, Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie

"Ich würde Verbrauchern nicht empfehlen, Wimpern-Seren zu nehmen", sagt Prof. Jan Hengstler. Er ist Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie und leitet am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung den Forschungsbereich Toxikologie. Wegen der verschiedenen Nebenwirkungen rät er von den Seren ab und wünscht sich, dass verantwortungsvoll vor den Gefahren gewarnt wird. Die gefährlichen Nebenwirkungen kommen zwar nur selten vor, aber sie können eben vorkommen.

Dr. Iraklis Vastardis, Oberarzt an der Augenklinik des Johannes-Hospitals in Dortmund, erklärt: "Prostaglandin-Analoga sind Medikamente und nicht ganz ohne." Wenn die Wimpern-Seren nicht übertrieben genutzt werden, sieht er die Gesundheit des Auges jedoch nicht so sehr in Gefahr. Was er allerdings zu bedenken gibt: Prostagladin-Analoga, die in Kosmetikprodukten sind, unterliegen möglicherweise nicht den hohen Sicherheitsauflagen von Medikamenten. Und Prof. Hengstler gibt zu bedenken, dass auch Produkte die auf den Verpackungen als "natürlich" beschrieben werden, zum Beispiel Pflanzenöle, nicht unbedingt ungefährlich sind. Es sind zwar in der Natur vorkommende Stoffe, "aber auch Pflanzen haben viele für den Menschen giftige Substanzen hervorgebracht".

Wir Augenärzte sind keine Freunde von Fremdkörpern in der Nähe vom Auge, weil die immer Bakterien und Pilze anziehen können.
Dr. Iraklis Vastardis über künstliche Wimpern

Es gibt Wimpern-Seren ohne Prostaglandin-Analoga. Wirken sie dann noch? "Ich glaube nicht", sagt Dr. Vastardis. Aber vielleicht wirke dann der Placebo-Effekt. Künstliche Wimpern als Alternative hält er auf jeden Fall für keine gute Idee. Auch wenn sie nur oberflächlich aufgeklebt sind und nicht unter der Haut wirken. "Das sind Fremdkörper. Wir Augenärzte sind keine Freunde von Fremdkörpern in der Nähe vom Auge, weil die immer Bakterien und Pilze anziehen können."

Kosmetik-Kommission fordert Verbot

Das erste Wimpern-Serum mit Prostaglandin-Analoga kam 2008 auf den Markt. Mittlerweile gibt es über 20 unterschiedliche Seren. Trotz der bekannten Nebenwirkungen sind sie in Deutschland nicht verboten. In der EU-Verordnung über kosmetische Mittel heißt es allgemein: "Die auf dem Markt bereitgestellten kosmetischen Mittel müssen bei normaler oder vernünftigerweise vorhersehbarer Verwendung für die menschliche Gesundheit sicher sein."

Ob ein kosmetisches Mittel sicher ist, entscheidet das Bundesamt für Risikobewertung, das von der Kommission für Kosmetische Mittel beraten wird. Kosmetische Mittel sind nicht zulassungspflichtig. Zugelassen werden müssen nur bestimmte Zusatzstoffe, wie zum Beispiel Konservierungsstoffe. Es gelten nicht die strengen Bedingungen wie für die Zulassung von Medikamenten. Die Kosmetik-Kommission fordert, dass Wimpern-Seren mit Prostaglandin-Analoga in der EU verboten werden.

Was es aktuell in der EU gibt, ist eine Datenbank mit Warnhinweisen zu Produkten. Dort ist ein Wimpernserum, das das Prostaglandin-Analoga Bimatoprost enthält, gemeldet. Es wurde als gefährliches Kosmetikum eingestuft. Die Kosmetik-Kommission fordert, dass Substanzen, die so eine negative Bewertung bekommen, vom Markt genommen werden. In Kanada sind Prostalandin-Analoga in Kosmetika beispielsweise schon seit 2015 verboten.

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