Sie sind hier:

Lieferengpässe für Arzneimittel - Wenn Apotheken die Medikamente ausgehen

Datum:

Medikamente zur Krebstherapie - nicht lieferbar. Selbst Schmerzmittel wie Ibuprofen sind in Apotheken häufig nicht mehr auf Lager. Wie kommt es zu den Engpässen?

Die Liste wird von Tag zu Tag länger: 284 Arzneimittel können derzeit in Deutschland nicht geliefert werden. Allein seit Anfang der vergangenen Woche sind 36 Medikamente mit 18 Wirkstoffen hinzugekommen. Ob das tatsächlich alle sind, darf bezweifelt werden, denn die Meldungen der Hersteller an das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind freiwillig. Fehlende Impfstoffe sind da noch nicht mitgezählt.

Es gibt kaum einen medizinischen Bereich, der nicht von den Lieferengpässen betroffen ist:

  • Medikamente gegen Bluthochdruck
  • Arzneien zur Senkung des Cholesterinspiegels
  • Schmerzmittel
  • Psychopharmaka
  • Antibiotika
  • Tropfen gegen erhöhten Augeninnendruck
  • die Pille danach
  • Krebsmittel
  • Asthma-Inhalationssprays
Es wird eher schlechter als besser.
Frank Eickmann, Landesapothekerverband Baden-Württemberg

"Wir sind jetzt bald seit zwei Jahren in der Situation, dass wir zunehmend mehr Medikamente nicht mehr bekommen", sagt Frank Eickmann vom Landesapothekerverband Baden-Württemberg: "Und es wird eher schlechter als besser." Inzwischen sei auch die klassische Lagerware betroffen. Die Apothekenbetriebsordnung schreibt vor, dass Apotheken Arzneimittel für den durchschnittlichen Bedarf von ein bis zwei Wochen, Großhändler für vier Wochen vorrätig halten. "Das ist derzeit nicht leistbar", sagt Eickmann.

Wie Apotheker bei Versorgungslücken handeln

Ist ein Medikament auf herkömmlichem Weg nicht lieferbar, setzt der Apotheker es auf seine sogenannte Defektliste. Eickmann zufolge führen Apotheken derzeit im Schnitt rund 200 Arzneimittel auf dieser Liste: "Das ist eine gigantische Größe für eine Standardapotheke, in guten Zeiten wie noch vor drei Jahren sind die Listen etwa zwei bis fünf Posten lang."

Steht ein Medikament auf der Defektliste, ist der Einsatz des Apothekers gefragt:

  • Haben die Hersteller selbst oder auf Auslandsware spezialisierte Großhändler noch Ware?
  • Gibt es irgendwo kleine Mengen an Restposten?

Trifft das nicht zu, muss der Pharmazeut versuchen, eine Versorgungsalternative zu finden:

  • Welches Medikament mit dem gleichen Wirkstoff ist verfügbar?
  • Gibt es das benötigte Medikament vielleicht in einer anderen Dosierung?
  • Oder muss der Arzt auf einen anderen Wirkstoff zurückgreifen?

Die Bundesvereinigung Deutscher Apotheker meldet, dass die Mehrheit der Apotheker inzwischen mehr als zehn Prozent ihrer Arbeitszeit darauf verwendet, bei Engpässen gemeinsam mit Ärzten, Großhändlern und Patienten nach Lösungen zu suchen. Und selbst wenn ein Alternativwirkstoff gefunden ist: Bis der in den gleichen Mengen hergestellt werden kann wie der eigentlich nötige Wirkstoff, vergehen viele Monate, mitunter Jahre.

Medikament nicht auf Lager - wie Apotheken vorgehen:

Warum kommt es überhaupt zu Versorgungslücken?

Die Ursachen von Lieferengpässen sind vielfältig. Einer der Hauptgründe ist, dass in Deutschland und Europa nahezu keine Wirkstoffe mehr produziert werden. Die Pharmafirmen kaufen die Substanzen bei wenigen Herstellungsstätten in Asien, vor allem China und Indien. Läuft dort in einem Unternehmen etwas schief, weil es zum Beispiel Verunreinigungen bei der Produktion gibt, sind die Auswirkungen massiv.

Es kommt zu Produktions- und Lieferverzögerungen, die sich auf die gesamte globale Lieferkette auswirken. Weil viele Pharmafirmen beim gleichen Produzenten einkaufen, sind dann auch unterschiedliche Medikamente mit dem gleichen Wirkstoff betroffen.

Die Wahl des Wirkstoffherstellers ist eine freie unternehmerische Entscheidung der pharmazeutischen Unternehmen.
Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums

"Die Wahl des Wirkstoffherstellers ist eine freie unternehmerische Entscheidung der pharmazeutischen Unternehmen", sagt eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums, "Lieferengpässe lassen sich daher nicht alleine durch gesetzliche Maßnahmen ausschließen."

Wie die Bundesregierung gegensteuern will

Hinzu kommt, dass Pharmafirmen nicht verpflichtet sind, ihre Ware in Deutschland zu verkaufen. Bekommen sie für ein Antibiotikum in Kanada oder Großbritannien mehr Cent pro Packung, machen sie auch gern Geschäfte mit ausländischen Abnehmern. 

Geplante Gesetzesinitiativen gegen Engpässe:

Die Bundesregierung hat die Brisanz der aktuellen Situation erkannt und will Lieferengpässe von Medikamenten künftig vermeiden. "Patienten erwarten zu Recht, dass sie dringend notwendige Medikamente unverzüglich bekommen. Arzneimittelversorgung ist Grundversorgung. Hier muss Staat funktionieren", sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, "deswegen wird der Bund bei der Verteilung von Medikamenten stärker eingreifen als bisher. Und wir werden auf internationaler Ebene nach Lösungen suchen, damit wieder Arzneimittel in Europa hergestellt werden."

Unterschied: Lieferengpass und Versorgungsengpass

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.