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Literaturpreis für "Nichts, was uns passiert"

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ZDF zeichnet Debütroman aus - Literaturpreis für "Nichts, was uns passiert"

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Zwei flüchtige Bekannte haben Sex. Einvernehmlich, sagt der eine. Vergewaltigung, sagt die andere. In ihrem Debütroman rekonstruiert Bettina Wilpert, was danach passiert.

Archiv: zerwühlte Bettdecke
Was ist in Jonas' Bett passiert? Die Wahrheit in "Nicht, was uns passiert" ist schwer zu greifen.
Quelle: imago

Sommer 2014. Deutschland im WM-Fieber. Anna, gerade fertig mit dem Studium, und Jonas, ein Doktorand, kennen sich flüchtig von der Uni. Auf einer Party treffen sie sich wieder, betrinken sich besinnungslos. Dann kommt es zum Geschlechtsverkehr. Einvernehmlich, sagt Jonas. Vergewaltigung, sagt Anna. Was hat sich in Jonas' Bett zugetragen? Das versucht der Roman "Nichts, was uns passiert" von Bettina Wilpert, der mit dem diesjährigen aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet wird, zu rekonstruieren.

"Es ist eben nicht so eindeutig", sagt Wilpert, "und meistens sind es ja Leute, die man kennt. Dann ist es vielleicht noch weniger eindeutig. Das klassische Bild: Der böse Mann, der aus dem Gebüsch springt, das passiert ja nicht, sondern es sind Grauzonen."

Wahrheit schwer zu greifen

Eine Vergewaltigung? "Nichts, was uns passiert", denkt Anna, nicht im Studentenmilieu, nicht unter Linken, nicht durch einen Freund. Und doch:

Sie registrierte zuerst nicht, was passierte. Als sie es merkte, wehrte sie sich, aber er war stärker, drückte sie an den Handgelenken in die Matratze. Er drang in sie ein. Irgendwann gab sie den Widerstand auf, es hatte keinen Sinn, sie war zu betrunken, und er war größer und stärker. Hauptsache, es ging schnell vorbei. Jonas sagte, dass es einvernehmlicher Sex war. Schließlich benutzte er ein Kondom. Sie wehrte sich nicht.
Auszug aus: "Nichts, was uns passiert"

Ist Jonas ein Vergewaltiger? Oder Anna eine Lügnerin? Die Wahrheit ist schwer zu greifen. Gibt es überhaupt eine Wahrheit? Für Wilpert ist das gar nicht die entscheidende Frage. Sie interessiert vielmehr: Wie nehmen Menschen Situationen unterschiedlich wahr?

Buch zeigt gesellschaftlichen Umgang mit sexueller Gewalt

"Nichts, was uns passiert" ist ein eigenwilliges Debüt - ein Roman fast wie ein Gerichtsprotokoll. Spricht da ein Reporter? Oder eine Staatsanwältin? Jedenfalls wird der Fall über Zeugenaussagen rekonstruiert: die von Anna und Jonas, die von Freunden, Familie, Kollegen. Und mit jedem neuen Zeugen verschiebt sich die Perspektive auf das Geschehen und somit auch die des Lesers: Dass Jonas einer von den korrekten Typen ist, sagt Hannes. Dass sie Jonas feministisch erzogen haben. Dass der Umgang mit Alkohol das Problem ist, sagt Micha. Dass sie diesen Jonas gern psychisch zermürben würde.

Dokumentarisch im Stil, souverän in der Dramaturgie - Wilpert zeigt auch, wie sich das soziale Umfeld von Anna und Jonas verändert: Wie geht unsere Gesellschaft mit sexueller Gewalt um?

Was #MeToo noch leisten muss

Was #MeToo aus Wilperts Sicht verändert hat, ist, dass Frauen, die sagen, sie hätten sexuelle Gewalt erfahren, jetzt eher geglaubt wird als vorher. Es gibt jetzt also eine Sprache für die Betroffenen. Aber: "Es müsste jetzt auch noch eine Sprache für die Täter geben und deswegen muss diese Debatte auch immer noch weitergehen. Eine Sprache für die Täter heißt: Auseinandersetzung vor allem von Männern mit Männlichkeit, mit toxischer Männlichkeit, eine Reflektion darüber, was man selber möchte und was andere Leute möchten."

Wilpert gibt einem drängenden Thema unserer Zeit eine literarische Stimme - und das angenehm nüchtern und ohne Partei zu ergreifen.

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