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Frühere US-Außenministerin Albright - Die Pflicht zum Widerstand gegen Trump

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Es ist ein denkwürdiger Auftritt auf dem Sicherheitsforum in Aspen: Die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright hält ein Plädoyer für einen Aufstand der Anständigen.

Madeleine Albright
Madeleine Albright
Quelle: ZDF

"Wir müssen beim Namen nennen, was vor sich geht. Wir können nicht sagen, das ist normal. Es ist nicht normal." Sie spricht die Worte leise, aber eindringlich. Die alte Dame ist unauffällig, klein, und doch von einer Größe, die den amerikanischen Präsidenten, über den sie spricht, so unendlich viel kleiner erscheinen lässt.

Die Geschichte ihres Lebens verleiht der 82-Jährigen die Autorität, ein Urteil zu fällen über Donald Trump, der Menschen auffordert, in ihre Heimat zurückzukehren, die ähnliches erlebt haben, wie sie selbst.

Als Kind flieht Madeleine Albright in die USA

Marie Jana Korbelová war gerade mal vier Jahre alt, als ihre Eltern ihren jüdischen Glauben ablegten, Katholiken wurden, aus Angst vor dem Nazi-Regime. 1941 verließ die Familie ihre Heimat, die Tschechoslowakei, zog nach London, kehrte aber nach dem Kriegsende nach Prag zurück.

Als die Kommunisten die Macht übernahmen, flohen sie ein zweites Mal, diesmal in die USA. Am 11. November 1948 sah die elfjährige Marie die Freiheitsstatue, bevor ihr Schiff in Ellis Island bei New York anlegte.

Nun sitzt das Mädchen von damals auf dem Podium des Aspen Security Forums. Heute heißt sie Madeleine Albright, und an ihrem dunkelblauen Blazer strahlt als übergroße Brosche die Krone der Freiheitsstatue; gleich darunter funkeln in Gold die ersten Worte der amerikanischen Verfassung: "We the people".

Plädoyer für einen Aufstand der Anständigen

Die langjährige US-Außenministerin hält ein glühendes Plädoyer für einen Aufstand der Anständigen gegen Donald Trump: "Wir haben einen Präsidenten, der unser Land spaltet und all jene entmenschlicht, deren Meinungen ihm nicht passen. Das ist gefährlich und falsch."

Als Flüchtling vor den Nazis und Kommunisten habe sie gelernt, dass in Amerika Freiheit geschätzt wurde und dass seine Ideale Menschen in aller Welt inspirierten.

"Die Zeit ist gekommen für uns alle, im gesamten politischen Spektrum, dieses stolze Erbe Amerikas zurückzugewinnen und Nein zu sagen zu Spaltung und Hass. Wir haben einen Präsidenten, der nicht für uns spricht. Deshalb müssen wir für uns selbst die Stimme erheben."

Das Gefühl, dass etwas zerbrochen ist

Es sind starke Worte, für die es stehende Ovationen gibt, von Demokraten und Republikanern im Publikum. Beim Sicherheitsforum in Aspen sind Repräsentanten aus Politik und Regierung, aus Rüstungs- und Technologieunternehmen, aus Bildungseinrichtungen und Medien versammelt, und die meisten haben das Gefühl, dass in diesen Tagen etwas zerbrochen ist in Amerika, auch wenn sie seit der Wahl von Donald Trump schon vieles erlebt haben, was die Nation aufgewühlt und polarisiert hat.

Während im Land noch diskutiert wird, ob man die Tweets des Präsidenten rassistisch nennen darf, zweifelt hier niemand mehr: Gewählte Volksvertreter zum Verlassen der USA aufzurufen, nicht gegenzuhalten, wenn der Mob "Schickt sie heim" grölt, das ist Rassismus, ohne Anstand und Würde.

Robert Kagan ist in seinem Herzen eigentlich ein strammer Konservativer, einst in den 90er Jahren Mitgründer des "Projekts für einen neues amerikanisches Jahrhundert", in dem er gemeinsam mit Dick Cheney und John Bolton dafür plädierte, den Schurkenstaaten Iran, Irak und Nordkorea militärisch den Garaus zu machen.

Aber während John Bolton dieses Ziel nun als Trumps Sicherheitsberater weiter propagiert, hat Kagan 2016 die republikanische Partei verlassen, weil er Donald Trump für einen Faschisten hält. In einem Kommentar für die Washington Post verteidigt er nun leidenschaftlich die vom Präsidenten angegriffenen und als "Squad", also "Schwadron", bezeichneten Kongressabgeordneten, obwohl er ihre politischen Überzeugungen verabscheut:

"Unsere Nation wird nicht untergraben durch irgendetwas, was die "Squad" sagt oder tut. Sie wird untergraben wenn wir nicht ankämpfen gegen diesen Angriff auf unsere universalen Prinzipien. Seid anderer Meinung als die "Squad", widerlegt sie, streitet mit ihr, stimmt gegen sie. Aber verteidigt sie auch, wie die Gründerväter es wollten. Die Essenz unserer Nation steht auf dem Spiel."

Trump wolle die liberale Weltordnung zerstören

In Aspen geht Kagan, der bei der Denkfabrik Brookings arbeitet, an diesem Nachmittag noch einen Schritt weiter. Der Präsident wolle die liberale Weltordnung zerstören.

Und dann vergleicht er die Politik Donald Trumps mit der Situation nach dem ersten Weltkrieg: "In den 20er Jahren kamen drei Dinge zusammen, ein Klima gegen Zuwanderung, ein Protektionismus und ein Isolationismus. Wir haben diese Anti-Zuwanderungs-Stimmung, wir haben Protektionismus, und beides geht Hand in Hand mit einem Rückzug Amerikas aus der Welt. Wenn dann noch ein Teil unserer Bevölkerung 'schickt sie nach Hause' skandiert, dann ist das keine Basis für eine erfolgreiche internationale Außenpolitik."

Ja, sogar diese Außenpolitik sei rassistisch geprägt, meinen einige der Podiumsteilnehmer und erinnern an Trumps Äußerungen zu den "Scheißloch-Ländern" in Afrika, den "Vergewaltigern" und "Drogendealern" aus Mexiko und seine Darstellung des Handelskrieges mit China als eine Art Kampf der Kulturen. "Trump injiziert das Rassenthema, wo immer er kann", ereifert sich Anne-Marie Slaughter, die Chefin der den Demokraten nahestehenden Denkfabrik New America.

Podium des Aspen Security Forums - Robert Kagan (2.v.r.) und Ann-Marie Slaughter (3.v.r.)
Podium des Aspen Security Forums: Robert Kagan (2.v.r.) und Ann-Marie Slaughter (3.v.r.).
Quelle: ZDF

In China sehe der Präsident in erster Linie "einen nicht-kaukasischen Widersacher. Das ist Bullshit, vor allem, wenn man sieht, was die USA ist." Nämlich eine multiethnische, vielfältige Nation, um die sich Madeleine Albright ernste Sorgen macht.

"Wer das Rechtssystem missachtet, muss angeprangert werden"

Nicht zuletzt, weil Trump offenbar größere Sympathien für autoritäre und diktatorische Anführer hat, als für Verbündete wie Angela Merkel, Theresa May und Emmanuel Macron. Auf die Frage des ZDF, ob das, was aus dem Weißen Haus kommt, wie eine Art Brandbeschleuniger für rechtsextremistische und faschistische Tendenzen in Europa wirkt, meint die ehemalige Diplomatin in undiplomatischer Klarheit: "Ich bin besorgt über seine Freundschaften und die vergleichbare Wortwahl, weil sich Menschen mit schlechten Ideen gegenseitig anstacheln können."

Deshalb sei es so wichtig, beim Namen zu nennen, was vor sich geht: "Wir haben einen Präsidenten, der glaubt, er stehe über dem Gesetz. Das müssen wir aussprechen. Wer das Rechtssystem missachtet, muss angeprangert werden. Wer denkt, dass die Presse der Staatsfeind ist, der muss angeprangert werden, denn die Demokratie braucht eine freie Presse."

"Eine Menge Federrupfen" im Gange

An einer Stelle zitiert die weise, alte Dame ausgerechnet das Musterexemplar eines Faschisten, um deutlich zu machen, wie gefährlich das Ganze werden kann. Der selbsternannte Führer Italiens Benito Mussolini habe einmal gesagt: "Wenn du einem Huhn immer nur eine Feder nach der anderen ausrupfst, dann merkt es keiner." Es sei gerade "eine Menge Federrupfen" nach diesem Rezept im Gange und das Huhn sei schon "ziemlich nackt".

Wohlgemerkt, Albright spielte dabei auf das Erstarken von Nationalismus, Nativismus und Rassismus in einer Reihe von Ländern an, nicht auf den amerikanischen Präsidenten im Besonderen. Auf die Frage, ob Trump ein Faschist sei, antwortet sie dann doch noch diplomatisch, zumindest ein wenig: "Ich nenne Donald Trump nicht einen Faschisten, aber ich glaube, er ist der am wenigsten demokratische Präsident in der modernen amerikanischen Geschichte." Mit anderen Worten: klein, fernab jener Größe, die den leisen und doch eindringlichen Worten von Madeleine Albright innewohnt.  

Elmar Theveßen ist Leiter des ZDF-Studios in Washington.

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