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Syrischer Volkskongress - "Assad im Amt zu halten, ist inakzeptabel"

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In Sotschi beginnt heute der "Syrische Volkskongress", es geht um die Zukunft des Bürgerkriegslandes. Die Menschen dort glauben nicht an eine Lösung - vor allem nicht mit Assad.

In Syrien sind bei Luftangriffen auf die Rebellenhochburg Idlib offenbar viele Menschen getötet worden. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte sprach von mehr als 150 Toten und Verletzten.
Zerstörtes Idlib
Quelle: reuters

"Hier sterben jeden Tag Menschen - Sotschi wird daran nichts ändern." Der Rettungssanitäter Bilal Makhzom ist in der umkämpften syrischen Großstadt Idlib im Dauereinsatz, um Leben zu retten. Oft vergebens. Makhzom macht sich keine Hoffnungen, dass der heute beginnende, von Russland initiierte "Kongress der Völker Syriens" in Sotschi Impulse setzen wird, um den Konflikt zu beenden, der seit fast sieben Jahren in Syrien wütet.

Kaum noch OP-Säle und Medikamente in Syrien

Makhzom befindet sich im Epizentrum einer Katastrophe: Eine seit Wochen andauernde Militäroffensive des Assad-Regimes bedroht nach Angaben des UN-Hochkommissars für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein, "die Sicherheit von Hunderttausenden Zivilisten". Mit den Folgen der Bodenangriffe und Bombardements ist Makhzom täglich konfrontiert.

"Wir haben es hier oft mit schwersten Verletzungen zu tun", sagt der Sanitäter im heute.de-Gespräch mit angeschlagener, rauer Stimme. Er schildert grausame Details, und meint: "Das Schlimmste ist, dass wir kaum noch Mittel haben, um den Opfern zu helfen." Kaum Medikamente, medizinisches Material und funktionsfähige Operationssäle.

"Sie killen uns"

Karte: Syrien - Aleppo-Idlib-Homs-Damaskus

Angriffe auf Wohngebiete, Schulen und eben auch Kliniken, medizinische Stützpunkte und Arzneilager sind in der Region Idlib vermehrt gemeldet worden in den vergangenen Wochen. "Statt Extremisten gezielt anzugreifen, nehmen Assad und die Russen Zivilisten ins Visier, sie killen uns", beklagt Makhzom. In der Region leben insgesamt 2,5 Millionen Menschen – fast jeder zweite ist ein Binnenflüchtling. Zehntausende von ihnen seien ohne ein Dach über dem Kopf den Angriffen schutzlos ausgeliefert.

"Wer das alltägliche Massaker mitansehen muss, glaubt nicht an aufrichtige Friedensverhandlungen unter einer Regie der Russen", sagt Makhzom. Zuletzt beklagte sogar die türkische Regierung, die nun in Sotschi mit am Verhandlungstisch sitzt, dass Russland das Assad-Regime in Idlib nicht stoppe. Der Hintergrund: Idlib gehört zu einer von vier "Deeskalationszonen" in Syrien, die Russland, Iran und die Türkei im Mai 2017 vereinbart hatten.

Heckenschützen zielen auch auf Frauen und Kinder

Doch nicht nur in dieser Deeskalationszone sind Zivilisten gefährdet. In der Region nördlich von Homs ist die Zahl der Angriffe Einwohnern zufolge zwar zurückgegangen, es gebe auch keine "echten Kämpfe" am Boden, wie der Lehrer Adnan Adahhik aus Talbisah berichtet, "aber Assads Leute verletzen die Waffenruhe täglich, indem sie Wohngebiete unter Beschuss nehmen".  

Vor Heckenschützen seien auch Frauen und Kinder nicht sicher. "Außerdem kommt es immer wieder zu sporadischen Scharmützeln zwischen Regierungstruppen und Oppositionskräften", berichtet Adahhik. Das alles geschehe vor den Augen der russischen Militärs, die eigentlich die Feuerpause überwachen sollten.

"Die Menschen glauben nicht an Russland"

"Die Menschen in unserer Gegend glauben nicht an Russland", sagt Addahik. Er ist sich sicher: "Russland erkauft sich mit Aktionen wie in Sotschi Zeit, um Assads Truppen weitere Bodengewinne zu ermöglichen." Sein Kollege Khaled Hemdan, der in der Stadt Rastan lebt, sieht es ähnlich: "Die russische Politik ist nach wie vor darauf gerichtet, Assad im Amt zu halten." Hemdan bezeichnet das als "inakzeptabel".

Er unterstützt deshalb die Politik großer Teile der syrischen Opposition, die eine Teilnahme an Verhandlungen in Sotschi ablehnen. "Mit Russland, Iran und Assad über eine Kapitulation der Opposition und verhandeln, das wäre reiner Selbstmord", so Hemdan. Er erinnert an die Folterpraktiken des Regimes, die seit Jahren dokumentiert und international bekannt sind: "Viele Oppositionelle würden die Gefängnisse nicht lebend verlassen."

Keine Kämpfe an Grenze zur Türkei

Wegen der unsicheren Lage in Homs ist der Techniker Ahmad R. mit seiner Familie vor einem Jahr nach Nordsyrien an die Grenze zur Türkei geflüchtet. "Allah sei Dank gibt es hier keine Kämpfe", berichtet er. Hoffnung, bald in sein altes Leben zurückkehren zu können, hegt er aber nicht: "Ich fürchte, es wird keinen Frieden geben in Syrien, solange Assad von Russland und Iran an der Macht gehalten wird."

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