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Atomkonflikt mit Nordkorea - "Amerika traue ich alles zu, auch Präventivschläge"

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Mit ihrer scharfen Rhetorik heizen die USA und Nordkorea den derzeit gefährlichsten Konflikt der Welt weiter an. Im heute.de-Interview spricht der Politologe Josef Braml über die Schlüsselrolle Chinas und weshalb eine US-Militäraktion Südkorea "in existenzielle Gefahr" bringen würde.

Verbales Wettrüsten zwischen den USA und Nordkorea. US-Präsident Trump droht Pjöngjang im Falle weiterer Provokationen mit einer Reaktion aus „Feuer und Zorn“. Nordkoreas Konter: Man erwäge, die US-Insel Guam im Westpazifik anzugreifen.

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heute.de: Nordkorea kann inzwischen offenbar Langstreckenraketen mit Atomsprengköpfen bestücken. US-Präsident Donald Trump hatte das zuvor als "rote Linie" bezeichnet, die nicht überschritten werden dürfe. Welche nichtmilitärischen Optionen bleiben den USA jetzt noch?

Josef Braml: Die USA haben schon seit Längerem keine wirklich guten Optionen mehr - sonst wäre die Situation nicht so eskaliert. Was bleibt: Drohen mit dem Einsatz von Militär, um es dann nicht einsetzen zu müssen. Fraglich dabei, ob sich der nordkoreanische Führer Kim Jong Un davon beeindrucken lässt. Ich habe da Zweifel. Die zweite nichtmilitärische Option spielen die USA schon über China, das Land, das wirklichen Druck auf Pjöngjang aufbauen kann, weil Nordkorea in jeder Hinsicht völlig von China abhängig ist. Darin sehe ich aber auch eine Gefahr.

heute.de: Worin besteht diese?

Braml: Die Amerikaner und die Chinesen könnten wieder direkt aneinandergeraten. Bislang hat Trump von härteren Maßnahmen im Handels- und Währungsbereich gegenüber China abgesehen und China auch nicht länger als Währungsmanipulator gebrandmarkt, in der Hoffnung, dass im Gegenzug Peking mehr Druck auf Nordkorea ausüben würde. Wenn Trump jetzt aber meint, die Chinesen machten nicht, was aus seiner Sicht nötig wäre, dann ist der direkte Konflikt mit den Chinesen wieder da.

heute.de: China hat aber doch selbst ein starkes Interesse daran, eine Eskalation des Konflikts auf der koreanischen Halbinsel zu vermeiden. Kommt Trump Peking also nicht entgegen?

Braml: Es stimmt, dass China keine weitere Eskalation des Konflikts will. Auf der anderen Seite fürchtet China, dass Nordkorea durch zu viel Druck implodiert und der Staat auseinanderfällt. Das gäbe sehr viele Flüchtlinge, die China destabilisieren könnten. Ein anderes Albtraumszenario der Chinesen: Ein vereintes Korea vor der eigenen Haustür, das stark von den USA beeinflusst sein würde. Das wäre für China nicht hinnehmbar. Deshalb tun sich die Chinesen so schwer.

heute.de: Trump drohte Nordkorea nun mit "Feuer, Wut und Macht, wie die Welt es so noch nicht gesehen hat". Pjöngjang reagierte mit weiterer Provokation. Wer bewahrt jetzt kühlen Kopf, um den möglichen Beginn eines Atomkrieges zu verhindern?

Braml: Hoffentlich der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte, also Trump selbst. Er sitzt letztlich am Drücker. Immerhin: Er ist umgeben von hochrangigen Militärs mit Sachverstand wie etwa seinem neuen Stabschef im Weißen Haus, John Kelly, dem Nationalen Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster und Verteidigungsminister James Mattis, die es hoffentlich schaffen, Trump zu mäßigen. Denn jede US-Militäraktion gegen Nordkorea würde Südkorea in existenzielle Gefahr bringen: Die Hauptstadt Seoul ist nur einen Steinwurf von Nordkorea entfernt - da braucht das Regime nicht mal Langstreckenraketen, um eine Metropole mit zehn Millionen Einwohnern ins Chaos zu stürzen.

heute.de: US-Außenminister Rex Tillerson hatte jüngst noch versöhnliche Worte an Pjöngjang gerichtet. Fehlt der US-Regierung eine klare Strategie oder sehen wir ein ausgeklügeltes Rollenspiel?

Braml: Das ist das klassische "good cop, bad cop"-Spiel vom guten und bösen Polizisten. Im Idealfall kann Washington seinem Kontrahenten so ja glaubhaft machen, dass es einerseits militärisch zu allem bereit sei, andererseits aber auch gern weiterverhandeln würde, insofern die andere Seite einlenkt und abrüstet. Ich denke, es war auch kein Zufall, dass Trump im April auf Syrien draufgehauen hat - gerade, als Chinas Staatschef zu Gast in den USA war. Das war das erste Signal an Nordkorea, dass Trump zu militärischer Gewalt greift, wenn sie ihm nötig erscheint. Das zweite Signal war, dass das US-Militär die "Mutter aller Bomben", wie sie von Fachleuten genannt wird, über Afghanistan abgeworfen hat. Diese Bombe hat dort solch einen Krater gerissen, der deutlich gemacht hat, dass die USA nicht mal Atomsprengköpfe brauchen, um unterirdische Nuklearanlagen in Nordkorea unschädlich zu machen.

heute.de: Nordkorea fordert, dass die USA ihre "rücksichtslosen militärischen Provokationen" einstellen, um den Konflikt zu entschärfen. Was können Sie dieser Sichtweise abgewinnen?

Braml: Durch Nordkoreas Provokationen und Drohgebärden fühlt sich ja zunächst vor allem Südkorea bedroht. Die Manöver der Südkoreaner und deren Schutzmacht USA sind eine Reaktion darauf. Der Konflikt hat sich aber vor allem so zugespitzt, weil sich Amerika inzwischen selbst bedroht sieht durch Nordkoreas Langstreckenraketen und nukleare Fähigkeiten. Um diese Gefahr nicht weiter wachsen zu lassen, traue ich Amerika alles zu, auch Präventivschläge.

heute.de: Die USA fühlen sich von Nordkorea bedroht - und umgekehrt. Die Hoffnung, eine militärische Eskalation zu verhindern, ruht nun also vor allem auf China?

Braml: Ja, dem Land kommt eine Schlüsselrolle zu. Ohne China gibt es keine diplomatische Lösung des Konflikts.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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