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IS-Attentäter mit marokkanischen Wurzeln - Marokko in Erklärungsnot

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Marokko gilt als "Insel der Stabilität" in einer von Unruhen geprägten Region. Umso mehr mag es verwundern, dass sich so viele junge Männer gerade aus diesem Land radikalisiert haben. Nach den jüngsten Anschlägen in Spanien sind auch Freunde und Angehörige fassungslos.

Der Amokfahrer von Barcelona ist nach Polizeiangaben tot. Erschossen von der Polizei. Der neuste Ermittlungsstand nach dem Attentat.

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Ob Brüssel, Paris oder nun Barcelona - wenn in europäischen Städten im Namen der Terrormiliz IS getötet wird, haben die Täter nicht selten marokkanische Wurzeln. Die meisten Mitglieder der Terrorzelle, die für die Attentate in der vergangenen Woche verantwortlich sein soll, lebten offenbar gut integriert in einer katalanischen Kleinstadt. Ihr Heimatland ist zudem von einer sehr toleranten Form des Islams geprägt. Warum sie trotzdem zu Extremisten wurden, ist vielen ein Rätsel.

"Was ist bloß mit euch passiert?"

"Was ist bloß mit euch passiert?", fragt Raquel Rull, die mehrere der Attentäter lange als Beratungslehrerin persönlich betreut hatte. "Ihr wart doch so jung, so lebensfroh und ihr hattet das ganze Leben noch vor euch", schrieb sie am Dienstag in einer verzweifelten Kolumne für die Regionalzeitung "La Vanguardia".

Nach intensiver Fahndung erschoss die spanische Polizei am Montag den 22-jährigen Marokkaner Younes Abouyaaqoub. Die Behörden gehen davon aus, dass er es war, der auf der Flaniermeile Las Ramblas in Barcelona mit einem Kleintransporter 13 Menschen tötete. Was genau ihn zu der Tat getrieben haben könnte, ist unklar. Sein Großvater betonte gegenüber der Zeitung "El País" aber, dass Younes seine Heimat schon als kleiner Junge verlassen habe. "Eines steht fest: Mein Enkel hat seine Ausbildung nicht hier erhalten. Er ging in Spanien zur Schule", sagte Aqbouch Abouyaaqoub.

Hin- und hergerissen zwischen zwei Identitäten

Der prominente marokkanische Islam-Experte Bilal Talidi sieht eine Vielzahl möglicher Gründe dafür, dass sich junge Männer aus dem nordafrikanischen Land in Europa radikalisieren: "die Hin- und Hergerissenheit zwischen zwei Identitäten und zwei Bildungskulturen, soziale Ausgrenzung, eine schwierige wirtschaftliche Lage und ein Abdriften in kriminelle Milieus".

Schätzungen zufolge haben sich in den vergangenen Jahren insgesamt etwa 1.600 Marokkaner dem IS angeschlossen. Bei der Rekrutierung wendet sich die sunnitische Terrormiliz offenbar bewusst nicht nur an religiöse Fanatiker, sondern gerade auch an säkular geprägte Muslime, die im Westen aufgewachsen und mit beiden Kulturen vertraut sind. So konnte der IS nicht nur Einwanderer aus Marokko anwerben. An den jüngsten Terroranschlägen in Europa waren auch Männer mit tunesischen, algerischen, pakistanischen und libyschen Wurzeln beteiligt.

Kampf gegen Extremismus hat in Marokko oberste Priorität

Für die marokkanische Regierung hat der Kampf gegen Extremismus oberste Priorität - nicht zuletzt, weil auch im Land selbst bereits mehrere verheerende Anschläge verübt wurden. Nach offiziellen Angaben haben die Sicherheitskräfte seit 2002 insgesamt 167 Terrorzellen ausgehoben und 341 Attentate verhindert. Zudem äußert König Mohammed VI. regelmäßig öffentlich Kritik an radikalen Auslegungen des Islams.

"Angesichts der Ausbreitung von engstirnigen Ansichten im Namen der Religion sollten alle - Muslime, Christen und Juden - eine gemeinsame Front bilden gegen Fanatismus, Hass und Abschottung in den verschiedensten Formen", sagte der Monarch im vergangenen Jahr in einer Rede. Die im Ausland lebenden Marokkaner forderte er auf, "den Werten ihrer Religion und ihrer säkularen Traditionen verbunden zu bleiben".

Religion allein hilft kriminellen Jugendlichen nicht

Seit den 70er Jahren bemüht sich die Regierung in Rabat direkt um die religiöse Betreuung der Auslandsmarokkaner, unter anderem durch die Ausbildung und Entsendung von Imamen. Allein im laufenden Jahr sind im Staatsbudget dafür 24,5 Millionen Dollar (20,8 Millionen Euro) vorgesehen. Der Islam-Experte Talidi warnt jedoch, dass dies nicht ausreiche. "Religiöse Strukturen sind keine echte Hilfe für Jugendliche mit kriminellem Hintergrund, die weder Orte der Predigt noch solche des Gebets aufsuchen", sagt er. Wichtig seien immer auch Ansprechpartner, die repräsentativ für die örtliche Gesellschaft stünden.

Youssef Gharbi, der im Parlament in Rabat eine für die Marokkaner im Ausland zuständige Kommission leitet, sieht eine der größten Herausforderungen darin, die auf Toleranz basierenden Werte der marokkanischen Gesellschaft auch gegenüber jungen Menschen zu vermitteln. "Ihre Ansichten bezüglich ihrer Identität und bezüglich des Islams sind verzerrt", sagt Gharbi. "Viele Jugendliche aus der dritten und vierten Generation von Marokkanern im Ausland kennen unser Land gar nicht mehr." Der Politiker fordert daher neue Initiativen, die über religiöse Aktivitäten hinausgehen. Dabei sollten die marokkanischen Behörden eng mit nichtstaatlichen Organisationen und Vertretern der Gesellschaften vor Ort zusammenarbeiten.

Auch die Beratungslehrerin Rull aus der katalanischen Kleinstadt Ripoll spricht sich in ihrem Zeitungsbeitrag für eine engere Zusammenarbeit über das Mittelmeer hinweg aus. Einen Tag nach dem Tod des mutmaßlichen Attentäters Abouyaaqoub hatte sie ansonsten jedoch mehr Fragen als Antworten. "Wie konnte das bloß sein, Younes?", schrieb sie. "Ich habe nie zuvor jemanden erlebt, der so verantwortungsbewusst war wie du."

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