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Grenze zu Kolumbien - Venezolaner auf der Flucht nach vorn

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In der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta spielt sich täglich ein kleines Flüchtlingsdrama ab: Hunderte Venezolaner überqueren die Grenze auf der Suche nach Devisen, Arbeit, einer neuen Zukunft - oder manchmal auch nur für ein paar Stunden, um eine warme Mahlzeit zu bekommen.

Die Lage in Venezuela spitzt sich zu. Die Versorgungskrise geht ins dritte Jahr. Schulden steigen, Öleinnahmen fallen. Proteste greifen um sich. Weltspitze ist nur noch die Inflation.

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In Windeseile schwärmen die Kofferträger aus. Mit ihren spartanischen, aber effektiven Eisenkarren sind sie schnell zur Stelle, wenn von der der anderen Seite der Brücke "Simón Bolívar" wieder eine Familie mit viel Gepäck ankommt. Die Kofferträger von Cúcuta, der kolumbianischen Grenzstadt, profitieren von der schweren innenpolitischen Krise in Venezuela. Dort an der Grenzbrücke, die Cúcuta mit der gegenüberliegenden Stadt San Cristóbal verbindet, herrscht derzeit Hochbetrieb.

Viele kommen, um zu bleiben

Zu Dutzenden überqueren die Venezolaner derzeit im Stundentakt die Grenze nach Kolumbien. Wie viele es tatsächlich sind, die im Nachbarland ihr Glück suchen, darüber gibt es unterschiedliche Zahlen. Kolumbiens Regierung veröffentlichte jüngst eine Statistik, wonach sich in den letzten sechs Jahren 350.000 Venezolaner im Land angesiedelt haben. Allein in den vergangenen Wochen stellte die kolumbianische Regierung rund 55.000 Übergangsvisa für Neuankömmlinge aus. Wie viele ohne gültige Aufenthaltspapiere in Kolumbien leben, ist ungewiss. "Adios Amigo, kehre bald zurück", steht auf einem Schild über der Grenzbrücke. Doch immer mehr Venezolaner kommen nicht nur für ein paar Stunden oder ein paar Tage, sie wollen ihrer Heimat dauerhaft den Rücken kehren.

"Es gibt in Venezuela keine Lebensmittel mehr zu kaufen, die Medikamente sind knapp. Und die Regierung behauptet, es gäbe keine Krise", sagt Fernanda Solomon. Sie ist mit ihrem Mann und ihrem sechsjährigen Sohn über die Grenze gekommen. Zwölf Stunden Anfahrt mit dem Bus aus Barquisimeto, einer Stadt im Norden des Landes.

"Mit Venezuela haben wir abgeschlossen"

Mitgebracht haben sie ein paar Kartons "Platanos", getrocknete Kochbananen, die wollen sie nun in San Cristóbal verkaufen. Geht alles gut, bekommen sie damit die rund 154.000 kolumbianischen Pesos (umgerechnet etwa 44 Euro) zusammen, die sie für die Bustickets nach Bogotá brauchen. Mit ihrem Preis von 1.000 Pesos pro Päckchen unterbieten sie die lokalen Anbieter, das sorgt für Ärger.

Doch die Solomons haben keine andere Wahl. "Für den Kleinen müssen wir nicht zahlen, wenn wir ihn auf den Schoß nehmen", sagt Solomon. In Bogotá wohnen Freunde, da können sie für ein paar Tage bleiben. In der kolumbianischen Hauptstadt hoffen sie auf Arbeit und eine neue Chance. "Mit Venezuela haben wir abgeschlossen", sagt Solomon. "Diese Regierung wird niemals abtreten."

Seit Monaten Unruhen mit vielen Toten

Seit Monaten rumort es in Venezuela. Zu Hunderttausenden gingen die Menschen seit April auf die Straße, um gegen die katastrophale Versorgungslage, die Kriminalität und gegen den sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro zu protestieren. Es kam zu blutigen Zusammenstößen, mehr als 100 Menschen starben.

Maduro ließ eine Verfassungsgebende Versammlung einberufen, die sich selbst alle politischen Kompetenzen übertragen hat. Somit haben die Sozialisten, die vor zwei Jahren bei den Parlamentswahlen abgewählt wurden, das Parlament entmachtet. Die Opposition befürchtet, Maduro werde eine Diktatur nach kommunistischem Vorbild errichten.

"Wir können nur weiterkochen"

"Seit der Einsetzung der Verfassungsgebenden Versammlung kommen täglich immer mehr Menschen", berichtet Padre Hugo Suarez Moreno. Der katholische Geistliche organisiert seit rund drei Monaten eine Armenspeisung für die venezolanischen Flüchtlinge. Dutzende freiwillige Helfer, dazu Spenden der lokalen Unternehmen machen das möglich. Inzwischen bereiten die fleißigen Hände der Gemeinde La Parada in Cúcuta mehr als 1.200 Mahlzeiten für die venezolanischen Grenzgänger vor. Der Andrang im Pfarrgemeindeheim ist so groß, dass die Menschen nur noch in Gruppen vorgelassen werden.

"Mit Beginn der Demonstrationen begann die Zahl der Menschen zu steigen, die täglich über die Grenze kamen", berichtet Suarez Moreno. Seine Gemeinde reagierte: "Anfangs waren es ein paar Dutzend, dann waren es Hunderte, inzwischen sind es täglich über 1.000 Menschen." Aus der wöchentlichen Suppenküche ist eine tägliche Einrichtung geworden, die Helfer arbeiten bis zur Erschöpfung.

Inzwischen macht sich Unruhe in Cúcuta breit, weil sich unter den Flüchtlingsstrom auch  Schmuggler und Kriminelle mischen. "Die Menschen sind besorgt." Wie es nun weitergehen soll, weiß Suarez Moreno nicht. "Wir können nur weiterkochen. Der Rest liegt in der Hand Gottes. Aber ich befürchte, das alles ist erst der Anfang."

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