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Nobelpreisträger treffen Nachwuchs - "Die Chemie hat fast immer ihre Finger im Spiel"

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In Lindau am Bodensee treffen sich seit 1951 Nobelpreisträger mit Nachwuchswissenschaftlern. Beide Seiten profitieren voneinander. Der Chemiker Matthias Friedrich Groh, Jahrgang 1988, freut sich besonders auf einen ganz bestimmten Nobelpreisträger und erzählt im heute.de-Interview von seinen Erwartungen.

heute.de: Woran forschen Sie derzeit?

Matthias Friedrich Groh: Ich arbeite an der Entwicklung von Feststoff-Batterien. Batterien wie wir sie beispielsweise bei unseren Handys kennen, basieren fast immer auf flüssigen, brennbaren Ionen-Leitern. Wenn eine solche Batterie eine Fehlfunktion erleidet oder beschädigt wird, besteht immer die Gefahr, dass sie explodiert oder in Brand gerät.

heute.de: Das musste die Firma Samsung mit ihrem Gerät Galaxy Note 7 erleben. Wenn Sie mit ihren Forschungen erfolgreich sind, ist die Gefahr brennender Handys gebannt?

Groh: Die Idee ist, dass wir einen festen Stoff als Leiter einsetzen können, der nicht brennbar ist und auch nicht so giftige Stoffe freisetzt wie flüssige Leiter. Und die Speicherkapazität könnte größer werden.

heute.de: Stehen Sie bei Ihren Forschungen im Wettlauf mit Kollegen?

Groh: Wir stehen in Konkurrenz, aber wir helfen uns auch gegenseitig.

heute.de: Sie haben an der Technischen Universität in Dresden studiert und sind dort auch promoviert worden. Warum sind Sie ins englische Cambridge gegangen?

Groh: Es ist immer eine gute Idee, wenn man sich einer neuen Umgebung aussetzt, um neue Inspirationen zu bekommen. Außerdem ist es gute Tradition in der Wissenschaft, nach der Promotion die Universität zu wechseln, und Cambridge ist hier natürlich erste Wahl.

heute.de: Werden junge Naturwissenschaftler in Deutschland ausreichend gefördert?

Groh: Doktoranden werden von der Industrie und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Nach der Promotion hilft der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und die DFG. Die Probleme liegen im Akademischen Mittelbau, bei den Wissenschaftlern, die keine Professur haben können oder wollen. Dort gibt es zu wenige Stellen und Fördermöglichkeiten.

heute.de: Was war für Sie so faszinierend am Fach Chemie, dass Sie es studierten?

Groh: Schon Goethes Faust will erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das ist auch meine Motivation. Als Festkörper-Chemiker arbeite ich an vielen verschiedenen Materialien, die man einsetzen kann, um aktuelle Probleme zu lösen - beispielsweise die Suche nach nachhaltiger Energiespeicherung. Die Chemie hat bei fast allen Fragen unserer Zeit immer ihre Finger im Spiel.

heute.de: Was erhoffen Sie sich von dem Treffen mit den Nobelpreisträgern in Lindau?

Groh: Ich werde sehr viele interessante Menschen kennenlernen, die mich inspirieren werden. Möglicherweise arbeite ich mit einigen von ihnen künftig langfristig an wissenschaftlichen Fragestellungen.

heute.de: Sie haben sich als Gesprächspartner einen bestimmten Nobelpreisträger ausgesucht, den Israeli Dan Shechtman. Warum gerade ihn?

Groh: Sein wissenschaftliches Thema war bahnbrechend. Er entdeckte 1982 die sogenannten Quasikristalle, also Feststoffe, die sich durch eine besondere Ordnung der Atome auszeichnen. Kein Muster dieser Ordnung wiederholt sich. Man kann sich das als einen mit Fliesen ausgelegten Raum vorstellen. Die Kacheln sind alle wunderschön angeordnet, aber ich finde keine Stelle, wo ich ein Muster herausnehmen und an einer anderen Stelle wieder einsetzen könnte - wie wir es gewöhnlich von unseren Küchen und Bädern kennen. Das widersprach damals dem grundlegenden Verständnis in der Chemie. Dan Shechtman trieb seine Forschungen voran gegen den enormen Widerstand seiner Kollegen, darunter auch Nobelpreisträger.

heute.de: Es gibt eine zunehmende Skepsis gegenüber wissenschaftlich nachgewiesenen Erkenntnissen. Traurige Berühmtheit erlangte US-Präsident Donald Trump, als er behauptete, der Klimawandel sei eine Erfindung der Chinesen. Wie können Wissenschaftler ihre Glaubwürdigkeit wieder verbessern?

Groh: Wie haben zwei grundsätzliche Probleme. Das eine liegt in der Kommunikation begründet. Wissenschaftssprache und Umgangssprache haben häufig für das gleiche Wort eine unterschiedliche Deutung. Beispiele sind die Begriffe Theorie oder Beweis. Wir müssen in Zusammenarbeit mit Journalisten Übersetzungen von der Wissenschafts- in die Umgangssprache herstellen. Damit können wir Missverständnisse ausräumen. Und wir haben das gesellschaftliche Problem, dass sich einzelne Gruppen immer weiter voneinander entfernen. Damit gehen auch die Fragestellungen der jeweils anderen Gruppe, zu der man nicht gehört, verloren. Aus dem gesunden Misstrauen gegenüber Autoritäten ist eine Autoritätenfeindlichkeit geworden. Ich meine damit nicht nur den Wissenschaftler oder den Arzt, sondern auch den Bäcker gegenüber. Allen sollte ich vertrauen, dass Sie ihr Handwerk verstehen.

heute.de: Würden Sie gern selbst einmal den Nobelpreis bekommen?

Groh: Da würde ich natürlich nicht Nein sagen. Aber es gibt so viele Menschen auf der Erde, die bahnbrechende Erkenntnisse gewonnen haben, dass sie den Nobelpreis jetzt schon verdienen.

Das Interview führte Katharina Sperber.

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