Sie sind hier:

Deutsch-Türken zum Fall Özil - "Auf eine Geschichte reduziert"

Datum:

Nie wieder Nationalmannschaft - Mesut Özil ist raus. Kein stilles Ende: Das Thema schlägt hohe Wellen, nicht nur in der Politik. Wie sehen Deutsch-Türken den Fall? Zwei Beispiele.

Deutsch-türkisches Verhältnis
Deutsch-türkisches Verhältnis Quelle: dpa

"Gibt Özil jetzt endlich auch seinen deutschen Pass zurück?" Kaum ein soziales Medium, in dem dieser Satz so oder so ähnlich gerade nicht zu lesen ist. Sein Rücktritt - ein gefundenes Fressen für alle, die ohnehin kaum ein gutes Haar am Thema Einwanderung, Integration, Miteinander lassen wollen. Das war absehbar. Aber wie sehen es diejenigen, die selber am Thema Fußball interessiert sind und eine ähnliche Familiengeschichte haben?

Mit Özil mitgelitten

"Der Rücktritt ist richtig, aber er kommt zu spät", meint Cem Yildirim. Kurzer Steckbrief: 29 Jahre, in Dortmund geboren, Abitur, Bankausbildung, lebt inzwischen in Berlin. Ein Deutscher mit türkischen Wurzeln. Er habe, so Yildirim, die vergangenen Wochen regelrecht mit Özil mitgelitten: "Als ich das Foto mit Erdogan sah, da wusste ich: Das gibt Ärger!" Bei der aktuellen politischen Lage hätte ihm das nicht passieren dürfen: "Ich weiß nicht, ob Özil Erdogan wirklich verbunden ist oder ob das einfach ein Zufallstermin war. Aber ich sehe, wie danach alles auf diese eine Geschichte reduziert wurde."

Und am Ende, so Yildirim, haben viele eben keinen hervorragenden Sportler mehr gesehen, da sei in der Wahrnehmung aus einem deutschen Idol plötzlich ein negativ besetzter Türke geworden, der für einen Diktator posiert. "Ich hätte das und das ganze Drumherum an Özils Stelle auch nicht mehr ertragen und viel eher einen Schlussstrich gezogen", meint Yildirim.

Die Kollegen von der "drehscheibe" haben in der Fußgängerzone von Özils Geburtsort Gelsenkirchen Meinungen eingeholt.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Immer stigmatisiert

"Ich kann den Rücktritt gut nachvollziehen", meint auch Yeliz Kesmen. Kesmen ist 38 Jahre alt, in Gelsenkirchen geboren, Abi, Designstudium, Unternehmerin in Witten. Eine Deutsche mit türkischen Wurzeln. "Was mir gefällt, das ist die klare, ganz unemotionale Art, wie Özil seinen Rücktritt begründet. Das kommt nicht trotzig rüber, und es klingen so manche Aspekte durch, die man selber gut nachempfinden kann, wenn man eine türkische Herkunft hat."

Ein Kind des Ruhrgebiets, dessen Großeltern bereits in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen sind. In Deutschland als Deutsche aufgewachsen - und dennoch immer mit türkischen Traditionen im Kontakt geblieben. "Als Achtjährige haben mich Menschen auf der Straße dafür gelobt, dass ich so schön akzentfrei Deutsch spreche. Als ob ich gerade aus dem Urwald gekommen wäre", erinnert sich die Designerin. Und auch ihr heute zehnjähriger Sohn ist für sein Deutsch schon gelobt worden. "Ich fürchte, das geht noch über Generationen so weiter: Deine Eltern sind hier geboren, du bist hier geboren, du bist Deutsche und hast trotzdem den Stempel 'Ausländer' auf der Stirn."

Den letzten Rückhalt verloren

Genau das sei es auch, was sie an der Causa Özil so gestört habe. "Nach dem Foto mit Erdogan hätte Özil doch machen können, was er wollte. Es hätte nichts gebracht. Zum Schluss war er auch noch derjenige, der für das Ausscheiden der Nationalmannschaft verantwortlich war." Und schließlich habe er auch noch den letzten Rückhalt seitens des DFB verloren. "Das war einfach ein ganz schlechtes Signal, dass sich keiner mehr wirklich für ihn stark gemacht hat", so Yeliz Kesmen.

Zwischentöne, die man als Deutscher ohne Migrationshintergund einfach nicht so wahrnimmt? "Ich denke schon, dass man mit einer Einwanderungsgeschichte auch eine andere Sensibilität entwickelt", sagt Cem Yildirim. Das habe eben auch eine Menge damit zu tun, was man seit jüngster Kindheit an Erfahrungen abgespeichert habe. "Und die Geschichte um Özil zeigt ja auch, wie aufmerksam uns die deutsche Gesellschaft beobachtet."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.