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Aufarbeitung der SED-Diktatur - "Wir müssen stärker an die Westdeutschen heran"

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Auch 28 Jahre nach der Einheit sieht Markus Meckel, Bundesstiftung Aufarbeitung, noch viel zu tun. Das Erforschen "unangenehmer historischer Fragen" könne Deutschland heute helfen.

"Mauerjahre - Leben im geteilten Berlin (2) (1964 bis 1966)": Berliner Mauer mit Sperranlagen und Todesstreifen.
Blick auf die Berliner Mauer mit Sperranlagen und Todesstreifen am 22.10.1965 in der Bernauer Straße in Berlin-Wedding. (Archivbild) Quelle: dpa

heute.de: Zum Tag der Deutschen Einheit haben Sie als Festredner in der Frankfurter Paulskirche kritisiert, dass die Geschichte der DDR oft als "Regionalgeschichte" abgetan werde. Wie schwer ist inzwischen der Kampf um die Erinnerung an die DDR?

Markus Meckel: Ich denke, dass wir nach wie vor viel unternehmen müssen, dass in ganz Deutschland ein Bewusstsein dafür wächst, dass die Geschichte der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR ein Teil der gesamtdeutschen Nachkriegsgeschichte ist. Leider wird das oft vergessen, obwohl beide deutsche Staaten sich ohne den Bezug aufeinander gar nicht verstehen lassen. Ich erlebe jetzt auch in der Altersgruppe meiner Kinder, dass bestimmte Fragen ganz neu oder ganz anders gestellt werden. Mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur haben wir zwar in den zurückliegenden 20 Jahren eine Menge erreicht, aber letztlich stehen wir doch noch am Anfang.

heute.de: Am Anfang?

Meckel: Inzwischen ist eine Generation erwachsen geworden, die keine eigene Erfahrung mit der Teilung Deutschlands hat. Das heißt: Geschichte zu vermitteln, ist immer wieder ein neues Geschäft - den jungen Menschen aufzuzeigen, wie diese Geschichte ihr persönliches Leben und die Gesellschaft bis heute prägt. Die Aufarbeitung des Kommunismus ist ebenso wenig abgeschlossen wie die Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Wir sehen ja heute zum Beispiel am Wiedererstarken rechtsextremistischer Kräfte in Deutschland und Europa, wie machtvoll dieses Denken ist. Deshalb braucht es dauerhaft eine fundierte Auseinandersetzung mit solchen Ideologien und die Vermittlung von Erfahrungen, die Menschen in solchen Systemen gemacht haben.

heute.de: DDR-Themen werden vor allem in Ostdeutschland oft noch sehr emotional diskutiert. In Westdeutschland dagegen wecken sie häufig wenig Interesse. Wie geht die Stiftung damit um?

Meckel: Die Stiftung unterstützt dezentral im ganzen Land Initiativen, die sich daran machen, in Veranstaltungen, Filmen oder Büchern differenziert zu zeigen, wie die Menschen damals in einer Diktatur gelebt haben, was sie im Alltag, aber in bestimmten Fällen auch unter extremer staatlicher Repression geprägt hat. Es geht also auch darum, den unangenehmen Fragen der deutsch-deutschen Geschichte auf den Grund zu gehen. Das ist für die Gegenwart und die Zukunft der ganzen Nation wichtig. Wir müssen deshalb auch noch viel stärker an die Westdeutschen herankommen, die oft sehr selbstgenügsam sind und glauben, sie hätten mit den Themen Diktatur und Kommunismus nichts zu tun, was eine Fehlwahrnehmung ist.

heute.de: Weshalb?

Meckel: Vieles in diesem Zusammenhang würde uns helfen, auch die Gegenwart besser zu verstehen. Gerade in der Auseinandersetzung mit Pegida und der AfD ist es wichtig, einen klaren Blick auf die DDR-Verhältnisse zu bekommen. Zusätzlich gehört auch in die Vereinigungsgeschichte hinein, dass wir 1989/90 insgesamt zwar Freiheit und Demokratie in einer friedlichen Revolution erkämpft haben, dass die Gestaltung des Rechtes, was ja eine wesentliche Dimension in der Demokratie ist, dann aber schlichtweg durch Übernahme und Beitritt erfolgte, wodurch bei vielen ehemaligen DDR-Bürgern ein Fremdheitsgefühl diesem neuen Recht gegenüber entstanden ist. Mit Blick auf die "Identifikation mit Deutschland als Rechtsstaat" könnte die Stiftung in den nächsten zehn Jahren auch noch vieles anstoßen.

heute.de: Als Ratsvorsitzender der Bundesstiftung feiern Sie am heutigen Mittwochabend zunächst erstmal das 20-jährige Bestehen dieser Institution. Was entgegnen Sie Kommentatoren, die sagen, die DDR sei doch völlig erforscht, die Stiftung eigentlich überflüssig?

Meckel: Da kann ich nur sagen: Leute, da habt ihr nicht richtig hingeschaut! Es gibt da auch noch für die Wissenschaft viele Felder, die völlig unerforscht sind. Noch mehr gilt das für das öffentliche Bewusstsein. Die Arbeit geht uns also nicht aus.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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