Sie sind hier:

Auschwitz-Zeitzeugin - "Als wenn man über Gräber geht"

Datum:

Die polnische Autorin Zofia Posmysz-Piasecka überlebte das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. 74 Jahre nach der Befreiung blickt sie zurück.

"Wenn ich heute durch Auschwitz gehe, habe ich das Gefühl, mit jedem Schritt über das Grab eines Menschen zu streifen", sagt Holocaust-Überlebende Zofia Posmysz im ZDF-Interview.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Am 27. Januar 1945 wurde der Lagerkomplex Auschwitz von der Roten Armee befreit. Darunter Birkenau, das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten, in dem etwa eine Millionen Juden und 160.000 nichtjüdische Opfer ermordet wurden. Die 1923 geborene Krakauerin Zofia Posmysz-Piasecka, später Schriftstellerin und Redakteurin, hat beides erlebt - und überlebt. Sie erinnert sich.

heute.de: Wie erlebten Sie Ihre Ankunft in Auschwitz?

Zofia Posmysz-Piasecka: Als ich über dem Tor in Auschwitz die Inschrift "Arbeit macht frei" sah, habe ich mich gefreut. Ich habe mich schließlich nicht vor Arbeit gefürchtet. Wenn ich gut arbeiten werde, dann werde ich frei kommen, dachte ich. Ich war naiv, sehr naiv. Diese Naivität habe ich aber sehr schnell verloren.

In Auschwitz war ich von Mai 1942 bis Januar 1945. Im Januar 1945, als die Rote Armee schon an der Grenze stand, hat man begonnen, die Lager zu liquidieren. Wir wurden zum KZ Ravensbrück gebracht.

Zofia Posmysz im Konzentrationslager
Zofia Posmysz-Piasecka war von Mai 1942 bis Januar 1945 im Konzentrationslager Auschwitz (Foto undatiert)

heute.de: Bei all dem unermesslichen Leid und der Qual in Auschwitz - gab es besonders schlimme "Aufgaben"?

Posmysz-Piasecka: Natürlich gab es da Abstufungen. Das Jahr 1942 - das war eine schreckliche Arbeit auf dem Feld. Der Boden war im Winter wie Dauerfrostboden, hart wie ein Stein, und ich musste das durchbrechen, mit Hacken. Diese Tage waren schrecklich. Wir mussten sogar bis zum Bauch im Wasser arbeiten.

Als wir am Fluss gearbeitet haben, ist eine Gefangene geflohen. Das hatte Konsequenzen für unser ganzes Kommando. Zum Glück wurden wir nicht erschossen - das war nämlich die Praktik im Lager für Männer. Unser Kommando wurde bestraft. In dieser Strafkompanie war ich zwei Monate. Falls es länger gedauert hätte, wäre ich einfach gestorben. So schrecklich waren die Bedingungen dort. Hunger, grausame Aufseherinnen. In dieser Zeit hat man aber Baracken in Birkenau gebaut, und wir wurden nach Birkenau geschickt.

Und hier begann die zweite Phase, für mich eine bessere. Ich war in einem Raum, in dem man Kartoffeln geschält hat. Das war eine unglaubliche Beförderung. Man musste natürlich den ganzen Tag arbeiten, aber unter einem Dach und sitzend.

Die nächste Phase von meiner "Lagerkariere" war im Jahr 1943. Damals sind die SS-Frauen aus Ravensbrück gekommen und - wie sie es selbst gesagt haben - sie wurden geschickt, um Ordnung in diesem Sumpf-Auschwitz zu machen. Und dann suchte die Aufseherin Anneliese Franz nach jemanden, der Deutsch versteht und die Buchhaltung machen kann. Sie wählte mich aus. Seitdem, also seit Juni 1943, habe ich bis zum Ende in der Buchhaltung gearbeitet.

heute.de: Wie ist es für Sie, in das KZ von Auschwitz zurückzukommen?

Posmysz-Piasecka: Mein erster Besuch in Auschwitz war noch mit der Mutter kurz nach dem Weltkrieg. Sie wollte es unbedingt sehen. Und ich fragte sie, wofür? Sie antwortete: Ich will einfach wissen, wie du dort gewohnt hast. Was für ein Wort, dachte ich mir, wohnen ... Ich bin also mit ihr gefahren.

Und schon im Block 25 in Birkenau, der ganz neben dem Draht und neben dem Eingangstor steht, zeigte ich ihr, wo ich lag, als ich krank war. Meine Mutter fragte mich: Hast du in so einer Schublade geschlafen? Ich sagte, ja. Aber wie bist du da reingekommen? Man musste sich hineinschieben, sagte ich. Aber wie hast du da gesessen? Also, dort konnte man gar nicht sitzen, es war zu niedrig, sagte ich, man konnte nur liegen, oder man musste raus. Meine Mutter sagte nichts mehr und wollte weder mehr hören, noch mehr wissen. Sie wollte einfach weg.

Später habe ich da in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz Treffen mit Jugendlichen gehabt. Ich kann mich daran erinnern, als ich mit einer deutschen Gruppe ein Treffen hatte. Sie waren sehr konzentriert, haben mich die ganze Zeit beobachtet und sehr kluge Fragen gestellt.

Am Ende des Treffens ist eine junge, hübsche Studentin zu mir gekommen und sagte zu mir: Ich danke Ihnen. Ich fragte: Wofür wollen Sie sich bei mir bedanken? Für das Treffen, sagte sie. Ich bin euch dankbar, sagte ich, ich bin dankbar, dass ihr das Ganze hören möchtet. Sie sagte zu mir: Ich bitte sie um Entschuldigung. Warum, fragte ich, ich habe Ihnen nichts zu vergeben. Und die Studentin sagte mir: Der Bruder meines Vaters war in der SS. Und sie hat angefangen zu weinen. Ich war schockiert. Und ich dachte mir: Wenn sie jetzt freiwillig hierher kommen, all diese junge Menschen, und wenn sie das Ganze hören möchten, dann muss ich auch hierherkommen und weitererzählen.

heute.de: Und was für eine Botschaft haben Sie für die Jugendlichen im Jahr 2019?

Posmysz-Piasecka: Glaubt an keine Ideologie! Ideen werden geboren, schöne Ideen, die sich in das Gegenteil umkehren oder umgekehrt werden. Seid vorsichtig! Jede noch so schöne Idee kann ins Gegenteil umgekehrt werden.

heute.de: Wie lebt man mit Auschwitz weiter?

Posmysz-Piasecka: Man sagt, aus Auschwitz kann man nie raus. Und das ist wahr, man vergisst nicht. Aber man lebt weiter und hat neue Probleme, neue Schwierigkeiten, mit denen man umgehen muss.

Wenn ich heute durch Auschwitz gehe, durch die Stadt, ich meine nicht das Lager, dann habe ich auch das Gefühl, dass ich mit jedem Schritt über das Grab eines Menschen streife. Da sind überall die Überreste von Menschen, weil der Wind die Asche der Krematorien über der ganzen Stadt verteilt hat. Ich habe Hemmungen, durch die Stadt zu gehen, weil das ein einziger Friedhof ist. Es fühlt sich an, als wenn man über Gräber geht.

Das Interview führten Natalie Steger und Milena Drzewiecka.

Nachdem 1933 Hitler an die Macht kommt, werden Juden entrechtet und gedemütigt. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verschärft sich das Vorgehen gegen die Juden. Am Ende steht der systematische Völkermord an Millionen Menschen.

Beitragslänge:
7 min
Datum:
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.