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Fremdenhass in Südafrika - Wenn Arme zu Mördern werden

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Bei ausländerfeindlichen Angriffen in Südafrika sterben mindestens zehn Personen. Ziel der Angriffe sind Gastarbeiter aus anderen afrikanischen Ländern. Was treibt die Gewalt an?

Ein Mann rennt vor Tränengas davon, am 03.09.2019 in Johannesburg, Südafrika
Ausschreitungen in Johannesburg.
Quelle: dpa

Afrophobie ist das Wort der Stunde in Südafrika - der Hass auf andere Afrikaner. Tausende hatten in den vergangenen Tagen in den Großstädten Johannesburg und Pretoria protestiert, die Geschäfte ausländischer Unternehmer angegriffen und geplündert. Mindestens zehn Menschen kamen dabei ums Leben, Sicherheitskräfte nahmen mindestens 400 Personen in Gewahrsam. Arbeitslosigkeit in Höhe von offiziell 29 Prozent, eine anhaltend schlechte Wirtschaftslage und grassierende Korruption fachten die Proteste an.

Aus Angst vor Racheakten schloss am Mittwoch die südafrikanische Botschaft in Nigeria. Filialen des auf dem ganzen Kontinent aktiven südafrikanischen Mobilfunkgiganten MTN stellten vorsorglich den Betrieb ein. Als Reaktion auf die Gewalt sagten Manager aus mehreren afrikanischen Staaten ihre Teilnahme an einer Regionalkonferenz des Weltwirtschaftsforums am Mittwoch in Kapstadt ab.

Ein Mann hält vor einer Filiale der Supermarktkette Shoprite ein brennendes Stück Holz vor einem Feuer, am 04.09.2019 in Abuja, Nigeria
Nach Übergriffen gegen Migranten in Südafrika kam es auch in Nigeria zu Unruhen.
Quelle: dpa

Politik polemisiert gegen Ausländer

Die Gewalt selbst war spontan, ist aber Ausdruck tieferliegender und langanhaltender Spannungen zwischen Südafrikanern und Arbeitsmigranten aus anderen afrikanischen Staaten. Bereits 2008 starben mehr als 60 Menschen bei ausländerfeindlichen Unruhen und Tausende wurden aus ihren Häusern und Geschäften vertrieben. Seitdem brodelt das Problem unterhalb der Oberfläche, ohne, dass Politik und Gesellschaft eine langfristige Lösung finden konnten.

Im November 2018 bezeichnete der damalige Gesundheitsminister Aaron Motsoaledi Ausländer als eine Belastung des Gesundheitssystems. Der Bürgermeister von Johannesburg, Herman Mashaba, machte Ausländer für die grassierende Kriminalität verantwortlich. "Auffällig ist, dass Politiker aus unterschiedlichsten Parteien in Südafrika eine ähnliche Rhetorik übernommen haben, wie rechtsradikale und rechtspopulistische Parteien in Europa: Die Ausländer sind Schuld an unserer Misere, sie nehmen uns die Jobs weg und bringen Kriminalität", so Melanie Müller, Afrika-Expertin bei der Stiftung Wissenschaft & Politik (SWP) in Berlin.

Die Ausübung von Gewalt sei bei einigen Teilen der Bevölkerung "ein Mittel geworden, um auf Missstände aufmerksam zu machen, weil sie glauben, dass ihnen sonst keiner zuhört", betont Müller.

Jeder Zweite unter 24 Jahren ohne Arbeit

Belastbare Daten zur Zahl der Migranten in Südafrika gibt es dabei nur wenige. Schätzungen reichen von 1,3 Millionen bis hin zu vier Millionen Menschen, wobei insbesondere die Zählung von Flüchtlingen und Wanderarbeitern schwierig ist. Die Herkunftsländer der Einwanderer sind zum Großteil die benachbarten Staaten Mosambik, Simbabwe und Lesotho.

Schutzmechanismen für Arbeitsmigranten sind kaum vorhanden – der Arbeitsmarkt für Hochqualifizierte ist ihnen verschlossen und im Niedriglohnsektor spielen Unternehmer arme Südafrikaner und Migranten gegeneinander aus, um Löhne niedrig zu halten. So wie die Proteste jetzt schwerpunktmäßig in armen Nachbarschaften stattfanden, so haben Maßnahmen der Regierung wie die Einführung eines Mindestlohns im vergangenen Jahr keine spürbare Verbesserung der Lebensumstände bewirkt. Jeder Zweite unter 24 Jahren ist ohne Arbeit.

Ausschreitungen am 03.09.2019 in Johannesburg, Südafrika
Am Wochenende wurden in Johannesburg Läden in Brand gesteckt, Steine flogen in Schaufenster.
Quelle: Reuters

Gezielte Angriffe auf LKW-Fahrer

Exemplarisch für die prekären Arbeitsbedingungen vieler Gastarbeiter hat die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die Situation von LKW-Fahrern in Südafrika untersucht - dabei ist die Organisation auf eine Reihe von fremdenfeindlichen Angriffen gestoßen. Seit März 2018 seien mehr als 200 LKW-Fahrer – überwiegend Ausländer – getötet worden.

"Eine der Organisationen, die nach unseren Recherchen Angriffe auf LKW-Fahrer anführte und auch als eine der Gruppen gilt, die die jüngsten fremdenfeindlichen Angriffe in Johannesburg inszeniert haben, ist die All Truck Drivers Foundation, eine Vereinigung einheimischer Lkw-Fahrer", berichtet Birgit Schwarz von Human Rights Watch. Der bezeichnende Slogan der Organisation: "Nieder mit ausländischen LKW-Fahrern".

Sicherheitskräfte bei Ausschreitungen am 03.09.2019 in Johannesburg, Südafrika
Sicherheitskräfte bei Ausschreitungen in Johannesburg
Quelle: AP



Ein Drittel aller in Südafrika lebenden Ausländer arbeite im sogenannten informellen Sektor, ohne staatliche Anmeldung. "Von öffentlicher Hilfe sind sie oft ausgeschlossen. Sie sind genauso mittellos und verzweifelt wie die, die ihnen die Lebensgrundlage zerstören, indem sie ihre Läden plündern und abbrennen und ihre Laster anzünden", so Schwarz. "Die Polizei schaut oft nur zu."

Konsequente Strafen notwendig

Zwar habe Präsident Cyril Ramaphosa die Angriffe diesmal klar verurteilt. Im Wahlkampf hatte er sich allerdings noch abschätzig über Migranten geäußert. "Bisher hatten Südafrikas Politiker, Polizeichefs und Regierungspartei zumeist versucht zu leugnen, dass die Angriffe fremdenfeindlich motiviert sind", erklärt Schwarz.

Damit die rassistische Gewalt in Südafrika nicht andauere sei es wichtig, dass die Sicherheitsorgane konsequent Strafen gegen Randalierer verhängten, das sei in der Vergangenheit ausgeblieben, sagt auch SWP-Forscherin Müller. Südafrika hat eine der höchsten Mordraten der Welt – die besondere Verwundbarkeit von Migranten wird dabei aber sehr häufig vergessen.

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