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Katar isoliert - Arabischer Bruderzwist: Eiszeit in der Wüste

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Erst Sanktionen aufheben, dann verhandeln: Der Außenminister von Katar hat Saudi-Arabien dazu aufgefordert, die diplomatische Eiszeit zu beenden. "Wir sind zum Dialog bereit", sagte Al-Thani im ZDF-Interview - und wies die Unterstützung terroristischer Gruppen zurück.

Katar ist das reichste Land der Welt. Zur Zeit ist der Mini-Wüstenstaat von seinen arabischen Nachbarn isoliert. Was bedeutet die Blockade für die Menschen im Emirat? Und für die WM 2022?

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Profitiert Deutschland von der derzeitigen Golf-Krise? Diesen Eindruck erweckt ein Mann, der Fußballgeschichte in Katar schreiben will. Nicht als Torjäger, sondern als Baumeister. Ghanim Al Kuwari ist technischer Leiter der WM-Infrastruktur. 2022 sollen neugebaute Stadien die besten Fußballspieler der Welt samt ihren Fans in Katar willkommen heißen. Doch die meisten Arenen müssen erst noch gebaut werden. Durch die Isolation Katars fehlt aber der Baustoff aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Und hier kommt Deutschland ins Spiel. Selbst bei über 40 Grad im Schatten bleibt Al Kuwari cool, als er auf die Verzögerungen am Bau infolge der diplomatischen Krise angesprochen wird. "Der Designer kommt aus Deutschland. Also muss er auch Alternativmaterialen vorschlagen. Und die kommen jetzt aus Deutschland", sagt Al Kuwari.

Isolation reißt Familien auseinander

Nicht alle in Katar haben die Coolness des Ingenieurs. Da gibt es Supermärkte, die zwischendurch Lieferengpässe hatten. Familien werden aufgrund der Reise-Einschränkungen auseinandergerissen. "Mein Schwager ist aus Saudi-Arabien, meine Nichte ist hier in Katar, weit weg von ihm", berichtet Massud Al Mari, ein Immobilienmakler aus Doha. "Sie wissen nicht, ob und wann sie sich wiedersehen können. Das macht mich traurig. Ich hoffe, dass die Situation sich bald bessert."
Katar importiert etwa 90 Prozent seiner Lebensmittel - rund ein Drittel stammte bisher aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Milch, Eier und Hühnchen kommen jetzt vorwiegend aus der Türkei. "Ich weiß jetzt, wie türkische Milch schmeckt", sagte eine Frau im Supermarkt und lacht.

Katar sieht sich als Opfer eines Komplotts

Anfangs gab es Hamsterkäufe, Panik aber ist ausgeblieben. Gleißende Hitze, Wüstenstaub und der Reichtum der Machthaber lassen Katar bisweilen entrückt erscheinen, doch viele Bewohner kennen das Einmaleins der Realpolitik. So sehr sie auch von der plötzlichen Isolation überrascht wurden: Sie wissen genau, dass die Streithähne den Kampf scheuen. Solange die USA durch eine Militärbasis in Katar präsent sind und Türkei sowie Iran zu Liebesschwüren aufrufen, ist das Säbelrasseln zwischen Doha und Riad blanke Rhetorik. Katar, diese Botschaft verbreitet zumindest das Regime, könne die Kosten der Isolation derzeit noch aus der Portokasse bezahlen.
Auch in der dritten Woche der Isolation inszeniert sich die Regierung in Doha als Opfer eines Komplotts. Im Interview mit dem ZDF sagt Außenminister Mohammed Al-Thani über die Staaten, die gegenwärtig Katar isolieren: "Sie haben nie die Auseinandersetzung mit uns gesucht. Plötzlich wurde unsere staatliche Medienagentur gehackt, darüber dann Fake News verbreitet, eine fiese Medienkampagne gestartet." Die Sanktionen hätten Katar "ohne Vorwarnung getroffen. Im normalen, zivilisierten Leben muss man die Karten doch auf den Tisch legen und der Gegenpartei die Möglichkeit geben, darauf einzugehen, zu antworten."

Katars Haltung gegenüber Iran ist Saudi-Arabien ein Dorn im Auge

Seit der diplomatischen Eiszeit ist viel gemutmaßt worden über die Gründe, die die Herrschenden von Riad bis Kairo zu den Sanktionen veranlasst haben: So wird spekuliert, dass Saudi-Arabien durch Trumps Anti-Iran-Politik Auftrieb verspürt. Zwar paktiert Katar nicht mit Iran, doch zeigt es anders als Riad hier keine klare Kante. Andere wiederum sehen Neid und Missgunst als Teil des Ursachenbündels: Katar gilt als Vorzeige-Golfstaat, der mit seiner Finanzmacht, aber auch mit "soft power" wie dem Fernsehsender Al-Dschasira und der Fußball-WM geopolitisch zu einem wichtigen Akteur wurde. Ein zurückhaltender Vasallenstaat wäre Saudi-Arabien lieber.

Katar will verhandeln, wenn Sanktionen aufgehoben werden

Eine Lösung der Isolation ist derzeit nicht in Sicht. Die von Saudi-Arabien angekündigte Liste mit Beschwerden ist immer noch nicht veröffentlicht. Katar wiederum macht die Aufhebung der Sanktionen zur Bedingung von Verhandlungen.
"Wir müssen uns an einen Tisch setzen und miteinander sprechen. Aber ich will auch das Recht haben, zu antworten. Uns vorzuwerfen, dass wir alle schlimmen Gruppen der Welt unterstützen, ist inakzeptabel", sagt der Außenminister im ZDF-Interview. Und inszeniert Katar als verlässlichen Partner. So liefert Katar nach wie vor Gas in die Vereinigten Arabischen Emirate, auch wenn deren Machthaber sich an der Anti-Katar-Koalition beteiligen. "Die Menschen können nichts dafür, was gerade geschieht. Wir haben ethische Standards beim Handel und möchten niemandem schaden."

Bruderzwist dominiert am Golf

Der Außenminister dankt Kuwait dafür, dass es in dem Konflikt vermitteln will. Und lässt durchblicken, dass er gerade viel mit Europa und Washington spricht. Sollte bis Anfang Juli der Streit am Golf nicht beigelegt sein, werde er wohl informell Thema des G20-Gipfels, sagen politische Beobachter.
Doch selbst wenn es auf dem G20-Gipfel in Hamburg zu einer Annäherung käme: Die Idee eines funktionierenden Golf-Kooperationsrats und einer strammen Allianz gegen Iran, wie Trump sie auf seiner Visite in Riad zu schmieden vorgab, hat sich als Märchen aus Tausendundeiner Nacht erwiesen. Stattdessen dominiert der arabische Bruderzwist am Golf.

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