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30 Jahre Mauerfall - Nach dem großen Ausverkauf

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Der Ausverkauf der ostdeutschen Wirtschaft war der Kardinalfehler der deutschen Einheit, sagt Ökonom Hans-Werner Sinn: DDR-Wohnungen hätte man den Bürgern auch schenken können.

DDR: Ostberlin nach der Wende (Archivfoto1993)
Ostberlin nach der Wende (Archivfoto von 1993)
Quelle: Picture Alliance

"Ohne Eigentum funktioniert der Kapitalismus nicht. (…) Wenn viele kein Vermögen haben, ist das System instabil." Das schreibt der Ökonom Hans-Werner Sinn, bis 2016 Präsident des Münchner ifo-Instituts, in einem aktuellen Essay.

Darin setzt er sich mit gravierenden politischen Fehlern auseinander, die ab 1990 bei der Verteilung des ehemaligen DDR-"Volkseigentums" begangen worden seien. Fehler, deren soziale und wirtschaftliche Folgen bis heute deutlich spürbar sind.

Ostdeutsche gingen beim Treuhand-Monopoly quasi leer aus

Sinn wirft der damaligen Bundesregierung unter Helmut Kohl (CDU) vor, sich nicht an den Einigungsvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR gehalten zu haben – zu Lasten der Bürger in Ostdeutschland. Denn statt wie vorgesehen Sparern der ehemaligen DDR zu einem späteren Zeitpunkt verbriefte Eigentumsrechte am vormaligen volkseigenen Vermögen einzuräumen, habe die Treuhand-Anstalt die Konkursmasse der DDR meistbietend verkauft.

Gegen kapitalstarke westdeutsche Bieter hatten ostdeutsche Bürger in den allermeisten Fällen das Nachsehen. Sie gingen beim großen Monopoly-Spiel quasi leer aus. Zum besseren Verständnis: Die Treuhand besaß damals praktisch alle Industriefirmen und die Hälfte aller privatisierbaren Flächen der ehemaligen DDR. Jedermann mit etwas Kapital konnte sein Glück versuchen, nur die allermeisten Ostdeutschen nicht, denn die hatten kaum Geld. "Sie konnten sich noch nicht einmal welches leihen, weil sie den Banken kein Wohneigentum als Sicherheit anbieten konnten", schreibt Sinn.

Die Treuhand - verantwortlich für das Trauma der Wendezeit? ZDFzeit beschreibt in einer zweiteiligen Dokumentation die schmerzhaften Anpassungsprozesse.

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Zugang zu Eigentum als gesellschaftlicher Kitt

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen des großen Ausverkaufs in Ostdeutschland sind bekannt. Mit alternativen Privatisierungsmodellen hätte ein Zerschlagen der ostdeutschen Wirtschaft vermieden werden können, glaubt Ökonom Sinn. Mehr Zutrauen in ostdeutsche Manager, Ingenieure und Facharbeiter und eine substanzielle Starthilfe ins Unternehmertum wäre wohl auch für das Selbstbewusstsein einer halben Nation hilfreich gewesen – mit positiven Folgen für die ganze Bundesrepublik. "Vor allem hätte das Eigentum dazu geführt, dass die Bevölkerung der neuen Länder sich stärker mit dem neuen System identifiziert hätte, als es heute der Fall ist", so Sinn.

Denn auch mit Blick auf den ostdeutschen Wohnungsmarkt sieht der Münchner Ökonom eine historisch einmalige Chance vertan. Seine These: Man hätte die etwa zwei Millionen zu DDR-Zeiten gebauten Wohnungen den Mietern "schenken oder billig verkaufen können", verbunden mit der Auflage, sich angemessen an Renovierungsprogrammen zu beteiligen. Er erinnert daran, dass eine vom Bundeswohnungsministerium eingesetzte Kommission unter seinem Vorsitz diesen Schritt 1994 empfohlen habe. Ohne Erfolg, wie Sinn resümiert: "Denn die westdeutschen Wohnungsgesellschaften wollten das Geschäft selbst machen."

Ostdeutsche Mieter, westdeutsche Eigentümer

Die Wohnungsbestände wurden zu Spottpreisen an jene Interessenten verkauft. Die Folge: In ostdeutschen Großstädten gehören etwa 60 Prozent der Grundstücke westdeutschen Eigentümern. In den vergangenen 20 Jahren haben sich zudem internationale Investoren eingekauft.
"Heute wollen diese Investoren angesichts der neuen Wohnungsknappheit in den Ballungsräumen bei den Mieten herausholen, was nur geht", meint Hans-Werner Sinn. Wer kein Eigentum besitzt, hat das Nachsehen. Und den Frust, wenn ein Großteil des Arbeitseinkommens für die Miete draufgeht.   

Sinn schlägt deshalb speziell für Ostdeutschland ein "Programm zur Förderung des Wohneigentums" vor, um Versäumnisse beim Privatisieren der DDR-Wohnungsbestände zumindest teilweise zu kompensieren. Eine Idee, die auch bei einem Soziologen wie Steffen Mau Anklang findet, der an der Berliner Humboldt-Universität Ungleichheitsforschung betreibt. Mau spricht von einer "anhaltend hohen Vermögensmauer" zwischen West und Ost.

Nach der Wende übernahmen viele Investoren aus dem Westen für kleines Geld Burgen, Schlösser und Herrenhäuser in Mitteldeutschland. Investitionen blieben oft aus, stattdessen verfallen die einst stolzen Gemäuer. Was tun mit diesen speziellen Immobilien?

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2 min
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Soziologe: "Ostdeutsche dauerhaft benachteiligt"

"Die Ostdeutschen konnten vergleichbar nur wenig Besitz und Vermögen anhäufen", sagt Mau. Dagegen sei "verhältnismäßig viel Produktivvermögen, Land und Immobilien im Osten heute in der Hand von Westdeutschen". Wenn man berücksichtige, dass Vermögensanhäufung nicht mehr allein durch Erwerbsarbeit stattfinde, sondern durch Erbschaften, "dann sind die Ostdeutschen dauerhaft benachteiligt", so Mau.

Die Frage, wer welchen Zugang zum Gesellschaftsvermögen erhalten soll, ist indes nicht auf Ostdeutschland begrenzt. Auch mit Blick auf den sozialen Frieden schlägt der Ökonom Clemens Fuest, amtierender Präsident des ifo-Instituts, einen staatlich beaufsichtigten Vermögensfonds vor, um die Eigentumssituation vieler Menschen in der Bundesrepublik zu verbessern.

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