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Neues Abgas-Messverfahren - Wie der Autokauf zukunftssicher wird

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Ein neues Messverfahren für Autoabgase, neue Abgasnormen, drohende Fahrverbote - viele Autokäufer sind sehr verunsichert. Was man beachten sollte, um Fahrverbote zu vermeiden.

Neues Abgasmessverfahren WLTP wird an Pkw gestestet
Neues Abgasmessverfahren WLTP wird an Pkw gestestet Quelle: dpa

Weil das bisherige Verbrauchsmessverfahren zu ungenau war, gilt ab sofort ein neues namens WLTP - es löst den 1992 eingeführten "Neuen Europäischen Fahrzyklus" (NEFZ) ab, mit dem der Verbrauch und der Abgasausstoß neuer Autos gemessen wurden. Schon vor dem Dieselskandal gab es jahrelang Kritik am NEFZ. Die simulierte Fahrstrecke auf dem Rollenprüfstand war mit elf Kilometern recht kurz, dauerte gerade einmal 20 Minuten, zudem wurde nur mit im Schnitt 33,6 Kilometern pro Stunde "gefahren", die Höchstgeschwindigkeit betrug 120 Kilometer pro Stunde. Hinzu kam, dass die Hersteller reichlich legale Möglichkeiten hatten, den Verbrauch ihrer Fahrzeuge auf dem Papier weiter zu senken.

Ab 1. September gilt für alle Neuzulassungen der neue WLTP-Abgastest

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So konnten Mehrausstattungen wie die Klimaanlage ausgebaut werden, was das Gewicht verringerte. Die so erzielten niedrigen Werte für Verbrauch und CO2-Ausstoß erreichte später kein Autofahrer beim Normalbetrieb auf der Straße. Im Jahr 2016 war der Unterschied zwischen den Herstellerangaben und dem tatsächlichen Verbrauch auf im Schnitt 42 Prozent angestiegen, so das Forschungsinstitut International Council on Clean Transportation (ICCT).

WLTP soll realistischer messen

Nun kommt also WLTP. Dieses Buchstabenungetüm steht für "Worldwide Harmonised Light-Duty Vehicles Test Procedure", übersetzt heißt das etwa: weltweit einheitliches Leichtfahrzeuge-Testverfahren. Genau genommen gilt WLTP schon seit dem 1. September 2017 für neue Typzulassungen, ab heute für alle Neuzulassungen. Nun wird unter realistischeren Bedingungen getestet. Die simulierte Strecke verlängert sich auf 23 Kilometer und wird im Schnitt mit einer Geschwindigkeit von 46,6 Kilometern "gefahren". Die Höchstgeschwindigkeit beträgt dabei 130 Kilometer pro Stunde, der ganze Test dauert 30 Minuten.

Zudem werden alle konfigurierbaren Sonderausstattungen berücksichtigt. Und es wird erstmals nicht nur auf dem Prüfstand, sondern auch auf der Straße gemessen. Diese sogenannten Real Driving Emissions (RDE) werden seit September 2017 bei den Typprüfungen neuer Fahrzeugmodelle, ab September 2019 bei allen Neuzulassungen mit mobilen Messgeräten erfasst.

Allerdings kritisiert die Umweltorganisation Deutsche Umwelthilfe (DUH), dass nur die Stickoxide und die Partikelzahl (also Feinstaub) auf der Straße gemessen werden, nicht aber die CO2-Emissionen. Sie befürchtet auf diesem Feld auch in Zukunft Manipulationen seitens der Hersteller und fordert daher die Überprüfung der CO2-Emissionen im praktischen Fahrbetrieb sowie die Erarbeitung eines geeigneten Testverfahrens.  

Verwirrung bei Euro-Abgasnormen

Fest steht schon jetzt, dass sich der gemessene Verbrauch um rund 20 Prozent erhöhen wird, obwohl der Realverbrauch gleich bleibt. Das Kuriose: Weil die Kfz-Steuer sich nach der WLTP-Messung richtet, wird sie sogar bei baugleichen Neufahrzeugen steigen, wenn diese ab September zugelassen werden.

Doch mehr noch als über WLTP sorgen sich die Kunden um mögliche Fahrverbote ihres jetzigen oder künftigen Autos. Und da spielt nicht das Messverfahren WLTP die Hauptrolle, sondern entscheidend sind die Abgasnormen Euro 4, 5, 6, 6b, 6c, 6d-temp.

VW-Händler Jürgen Karpinski vom VW-Audi Autohaus Auto Schmitt in Frankfurt am Main klagt sein Leid: "Die ganze Verunsicherung der Kunden, die allein durch das Dieselthema passiert sind, werden ja durch die einzelnen Buchstaben 6c, 6d usw. noch mehr gefördert, d.h. der Kunde weiß ja überhaupt nicht mehr, mit welchem Fahrzeug kann er wohin fahren. Es ist ein Fiasko insgesamt."

Karpinski, der auch Präsident des Zentralverbands des deutschen  Kraftfahrzeuggewerbes ist, weiß, dass die Händler im Schnitt 20 Prozent beim Verkauf neuwertiger Dieselfahrzeuge verlieren. Er fordert daher vehement die Hardware-Nachrüstung für neuwertige Euro-5- und Euro-6-Diesel, doch die ist noch nicht beschlossen. Zumal (nicht nur) der ADAC die Machbarkeit und Wirksamkeit dieser Nachrüstungen bestätigt hat.

Fahrverbote nicht vom Tisch

Ich glaube schon, dass es ein großes Risiko ist, wenn man jetzt Euro-5- oder Euro-6- Fahrzeuge kauft.Bis dahin zögern viele Kunden aufgrund drohender Fahrverbote mit dem Kauf, die Händler können viele Diesel nur mit Abschlägen verkaufen. Also gute Zeiten für Käufer? Auch im Internet findet man einige Schnäppchen - neue oder neuwertige Autos, auch Diesel mit Euro-6-Abgasnorm. Doch Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch-Gladbach rät zur Vorsicht: "Ich glaube schon, dass es ein großes Risiko ist, wenn man jetzt Euro-5- oder Euro-6- Fahrzeuge kauft. Wir wissen noch nicht, ob diese Fahrzeuge möglicherweise in ein paar Jahren in bestimmten Städten zu Fahrverboten führen können."

Denn mehr denn je drohen Fahrverbote. Hamburg hat schon zwei Straßen für ältere Diesel bis Euro 5 dichtgemacht, Stuttgart will ab Januar Euro-4-Diesel aus der ganzen Stadt verbannen. Auch in Frankfurt am Main denkt man aktuell über Fahrverbote nach. Selbst mit einem Euro-6-Diesel wäre man nicht auf der sicheren Seite. Diese Fahrzeuge haben laut Bratzel teilweise ähnlich hohe Ausstöße wie Euro-5-Autos. "Auf der sicheren Seite ist man eigentlich nur bei Euro-6d-temp-Fahrzeugen, die auf der Straße gemessen werden", so der Experte.

Bei 6d-temp wird auch auf der Straße gemessen

Das bestätigt auch der ADAC. Zwar gilt ab September 2018 für alle Neuzulassungen die 6c-Norm, 6d-temp dann ab September 2019. Doch erst bei 6d-temp wird auch auf der Straße gemessen. Das ist entscheidend, wenn es um mögliche künftige Fahrverbote geht. Der Autoclub hat deshalb Fahrzeuge getestet, die heute schon 6d-temp erfüllen. Die Tests zeigten durchweg niedrige Emissionen im Labor, aber auch im realen Straßentest, sagt Reinhard Kolke vom ADAC-Technikzentrum. Die Euro-6d-temp-Norm sei besonders sauber.

Bei dieser Norm gelten für Diesel folgende Grenzwerte: 80 mg pro Kilometer Stickoxid auf dem Prüfstand, 168mg auf der Straße. Das ist viel weniger, als jetzige Euro-5-Diesel auf der Straße ausstoßen - laut Umweltbundesamt im Schnitt 906 mg/km. Auch Euro-6-Diesel sind mit im Schnitt 507 mg/km nicht viel sauberer.

Der ADAC hat eine sogenannte Positiv-Liste erstellt mit allen Modellen, die schon jetzt mit der Euro-6d-temp-Norm oder sogar mit Euro 6d erhältlich sind. Auch Ottomotoren, also Benziner, stehen drin. Denn fast vergessen wird dabei, dass sich auch bei Benzinern etwas ändert: Neuzulassungen dürfen ab September zehnmal weniger Partikel als vorher ausstoßen. Das erreichen die meisten nur mit einem Partikelfilter. Auch hier sei man mit Euro-6d-temp auf der sicheren Seite, so Kolke. Die ADAC-Liste enthält schon viele BMW, Mercedes, aber auch Opel, Ford, Peugeot und andere Marken. Was aber auffällt: Es gibt nur ganze zehn Volkswagen-Modelle (Stand 31. August).

Volkswagen muss Neuwagen im Flughafen BER zwischenparken

Bei VW heißt es, das neue Messverfahren WLTP sei der Grund dafür - der Typrüfaufwand sei deutlich höher. Zeitgleich zur Vorbereitung auf WLTP sei die Entwicklung und Umsetzung der Diesel-Software-Updates erfolgt, "die sehr viele interne Kapazitäten gebunden hat". Volkswagen parkt deshalb über 200.000 fertige Autos ohne WLTP-Zulassung unter anderem am und im Parkhaus des Berliner Flughafens BER. 90 Prozent aller Modell-Varianten will VW gleichzeitig auf die Abgasnorm Euro-6d-temp umstellen. Die Freigaben könnten Wochen, zum Teil auch Monate dauern, so Volkswagen.

Für die Bewohner der von Fahrverboten bedrohten Städte hat die Entwicklung zu realistischen Abgasprüfungen jedenfalls einen erfreulichen Effekt: Die Atemluft sollte in einigen Jahren deutlich sauberer sein als heute, sowohl was Stickoxide als auch Partikel angeht.

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