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Autoexperte Bratzel im Interview - "Tesla ist vorne, China ist stark - dann kommt VW"

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Deutschland ist beim Thema E-Mobilität in einer "Aufhol-Position", sagt Autoexperte Bratzel im ZDF. Nach Tesla und China komme VW - und auch andere Hersteller würden nachziehen.

Bis 2030 will die Bundesregierung ein flächendeckendes Netz an Ladestationen für Elektrofahrzeuge aufbauen. Wie realistisch ist das? Und wie konkurrenzfähig sind deutsche Autobauer? Fragen an Prof. Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management.

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ZDF: Die Bundesregierung will Ladestationen in privaten Garagen fördern. Aber ganz ehrlich: In der Stadt haben die wenigsten noch eine eigene Garage. Ist der massenhafte Umstieg auf Elektro da überhaupt möglich?

Stefan Bratzel: Ja, das ist tatsächlich eine ganz zentrale Thematik. Wenn die Ladestationen insbesondere auch im städtischen Raum, wo nicht jeder eine Garage mit Stromanschluss hat, nicht gewährleistet sind, dann wird das Thema Elektromobilität nur langsam starten. Hier hätte man schon vor Jahren mehr machen müssen. Denken Sie etwa an die Bauordnungen, etwa von Mietshäusern. Da kann sich ein Eigentümer wehren, und dann gibt es keine Ladestationen. Also, hier muss man möglichst schnell nach vorne gehen. Aber auch bei den Schnellladestationen muss viel mehr passieren, als bislang passiert ist. Insofern sind die Anstrengungen richtig und wichtig.

ZDF: Halten Sie denn die Ziele der Bundesregierung für flächendeckende Ladestationen in Deutschland bis 2030 für realistisch?

Bratzel: Ich glaube, das ist schon realistisch. Aber man muss jetzt viel mehr Initiative ergreifen, damit es nicht nur eine Dichte von Ladestationen gibt, sondern dass es auch eine Verlässlichkeit gibt, dass diese Ladestationen auch frei sind und dass sie funktionieren, weil das ist im Moment eines der großen Probleme. Man fährt an die Ladestation. Sie ist vielleicht sogar frei. Aber sie funktioniert nicht, weil die Software ja nicht mit dem Auto zusammenfunkt. Das sind so Themen, die weniger die Quantität als die Qualität betreffen. Und das darf man nicht aussparen.

ZDF: Elektrofahrzeuge gelten ja gemeinhin als nachhaltig. Wenn Sie sich nun den neuen ID.3 von VW anschauen, der von heute an in Zwickau gebaut wird, von der Batterie-Produktion bis zum Fahrzeug-Recycling. Wie nachhaltig sind solche E-Autos am Ende wirklich?

Bratzel: Klar ist, dass die Nachhaltigkeit von Elektrofahrzeugen sehr eng mit der Stromproduktion, und zwar mit der Stromproduktion mit regenerativen Energien, zusammenhängt. Solange das nicht im breiten Maße der Fall ist, bleiben auch Batterie-elektrische Fahrzeuge nicht so umweltgerecht, wie sie sein könnten. Aber klar ist: Bei uns gilt der Daumenwert, dass man mit dem derzeitigen Strommix in Deutschland oder Europa etwa 20.000 Kilometer fahren muss, bis man in eine positive CO2-Bilanz kommt. Weil es auch darauf ankommt, dass man diesen Rucksack der Batterie-Produktion, der Energie zehrt und damit CO2-intensiv ist, abtragen muss.

Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung, und Volkswagen legt großen Wert auf das Thema, dass man im Lebenszyklus bilanziell CO2-frei wird. Und das ist die große Herausforderung, die alle Automobilhersteller eingehen müssen.

ZDF: Sie sprechen gerade die Batterie-Produktion an: Ist denn die E-Mobilität da der Weisheit letzter Schluss? Die Batterie-Produktion und -Entsorgung verbraucht ja auch erhebliche Ressourcen, Stichwort Brennstoffzellen. Müssen wir da vielleicht bald wieder umstellen und dann doch zu anderen Systemen kommen in der Zukunft?

Bratzel: Nun, ich denke, dass das Thema der Batterie-elektrischen Mobilität im Moment ein Thema ist, an dem kein Automobilhersteller vorbeikommt. Wir müssen sozusagen aus Sicht der Automobilhersteller, um die CO2-Grenzwerte zu erreichen, möglichst viele, am besten reine, Elektrofahrzeuge auf die Straße bringen. Sonst wird das nichts mit dem CO2-Zielen. Auf der anderen Seite, mittel- und langfristig, vielleicht in sieben bis acht Jahren, könnte auch die Brennstoffzelle auf Wasserstoffbasis gerade für schwere Fahrzeuge, Lkw, Busse oder für die Langstrecken eine Alternative werden. Aber im Moment ist das keine Alternative.

Die Kosten für die Brennstoffzellen-Fahrzeuge sind noch zu teuer. Die Wasserstoff-Infrastruktur, Tankstellen, aber auch die Wasserstoffaufbereitung ist zurzeit noch nicht entwickelt. Also hier gibt es im Moment keine Alternative hin zu Brennstoffzellen-Fahrzeugen. Kurzfristig bis mittelfristig sind sicherlich reine Elektrofahrzeuge besser. Und wenn man die Energiebilanz, also auch den energetischen Wirkungsgrad betrachtet, da kommen reine Elektrofahrzeuge mit einem Wirkungsgrad in einer Gesamtkette von 70 Prozent viel besser weg, wie etwa Brennstoffzellen-Fahrzeuge mit einem Wirkungsgrad in der gesamten Kette von 25 bis 30 Prozent.

ZDF: Wo stehen wir eigentlich international? Sind wir noch konkurrenzfähig mit der deutschen Autoindustrie?

Beim Thema Elektromobilität hat man leider ein bisschen spät angefangen, das Thema wurde aus Sicht der deutschen Automobilindustrie nicht wichtig genug genommen.

Bratzel: Beim Thema Elektromobilität hat man leider ein bisschen spät angefangen, das Thema wurde aus Sicht der deutschen Automobilindustrie nicht wichtig genug genommen. Das hat sich aber seit dem Diesel-Skandal geändert. Und Volkswagen ist vielleicht das beste Beispiel. Man ist in einer Aufholer-Position.

Und es sieht tatsächlich so aus, als könnte etwa Volkswagen mit dem modularen Elektro-Baukasten - und das erste Produkt ist die ID.3 - ganz nach vorne fahren. Wenn die Qualität dieser Fahrzeuge tatsächlich so gut ist, wie man hofft, dann kann man aufholen. Ganz vorne ist sicherlich Tesla. Die chinesischen Hersteller sind sehr stark, und dann kommt Volkswagen. Die anderen Hersteller BMW und Daimler werden in den nächsten Jahren Produkte entwickeln und auch an den Markt bringen, sodass man da auch wieder an die vorderste Position kommen kann.

Die Fragen stellte ZDF-Morgenmagazin-Moderator Wolf-Christian Ulrich.

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