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Europa im Zeichen des E-Autos - "Deutschland ist das Schlusslicht"

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In Europa nimmt die Elektromobilität Fahrt auf. In Norwegen sind ein Drittel aller Kfz-Neuzulassungen E-Autos. Frankreich und Großbritannien wollen ab 2040 Benzin- und Dieselautos auf ihren Straßen ganz verbieten. Nur Deutschland steht auf der Bremse. Warum, erläutert der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer.

heute.de: Frankreich und Großbritannien wollen ab 2040 keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr auf ihren Straßen fahren lassen. Gelingt Europa gerade die Wende zur E-Mobilität?

Ferdinand Dudenhöffer: Europa gelingt die Wende - außer Deutschland. Es ist das einzige Land, das beim Thema Elektromobilität allen anderen europäischen Ländern hinterherfährt. Wir sind das Schlusslicht. Die deutsche Bundeskanzlerin lädt kommende Woche die Autoindustrie zu einem Diesel-Gipfel ein. Das heißt, sie kümmert sich um die Lösung von Problemen der Vergangenheit. Andere Länder gestalten die Zukunft.

heute.de: Jeder Deutsche, der sich für ein E-Auto entscheidet, erhält seit Juli 2016 eine Kaufprämie. Trotzdem stockt der Verkauf. Warum sind die Deutschen so gar nicht für die E-Mobilität zu begeistern?

Dudenhöffer: Die Deutschen würden sich schon für ein E-Auto erwärmen können, wenn die Politiker die richtigen Rahmenbedingungen setzen würden. In Deutschland sind seit 1985 bis zum Ende diesen Jahres 200 Milliarden Euro allein in die Dieselsubvention geflossen. Der Liter Diesel wird hierzulande immer noch mit 18 Cent subventioniert. Können Sie sich vorstellen, was man mit so viel Geld hätte machen können?

heute.de: Was denn?

Dudenhöffer: Man hätte längst die Infrastruktur für Strom-Ladestationen ausbauen können, wie es Frankreich, Großbritannien und die Niederlande bereits gemacht haben. Die deutschen Autobauer haben außerdem nur ein sehr überschaubares Angebot von E-Autos. Die Strompreise sind zu unterschiedlich und intransparent für die Kunden. Und Menschen, die sich hierzulande für E-Mobilität interessieren, haben zu wenige Möglichkeiten, ein solches Auto zu testen. Das könnten sie beispielsweise bei einem Autovermieter. Aber die Kaufprämie ist so ausgelegt, dass Vermieter kaum E-Autos in ihre Flotte nehmen. Nur 0,3 Prozent aller Leihwagen sind E-Autos.

heute.de: Machen Frankreich und Großbritannien solche Fehler nicht?

Dudenhöffer: Sie machen deutlich weniger Fehler. Frankreich hat bereits beschlossen, die Subventionen für Diesel abzuschaffen. Außerdem sind die beiden Länder mit höheren Subventionen in den E-Mobilitätsmarkt gegangen und haben die Infrastruktur bereits viel besser ausgebaut.

heute.de: BMW, Daimler, Audi, Porsche und Ford haben sich 2016 zu einer Allianz zusammengeschlossen, die bis 2020 an Europas Fernstraßen Tausende E-Tankstellen bauen will. Wie kommt die Allianz voran?

Dudenhöffer: Sie ist noch immer in der Planungsphase. Es braucht mindestens drei Jahre, bis so etwas steht. Traurig ist, dass die EU-Kommission bis heute noch gar keinen Plan für eine solche Infrastruktur hat. Die Bundesregierung hat auch keinen Plan und gibt nur Geld, wenn jemand sagt, er baut sich irgendwohin eine Ladesäule.

heute.de: Warum zögert die Kommission?

Dudenhöffer: Weil die EU eine Gemeinschaft von 28 sehr unterschiedlichen Ländern ist. Die wichtigen Infrastrukturthemen hat die EU immer vernachlässigt.

heute.de: Norwegen ist kein EU-Mitglied, könnte aber ein großes Vorbild für die Gemeinschaft sein. Dort sind rund 30 Prozent der Neuzulassungen E-Autos. Wie haben das die Norweger erreicht?

Dudenhöffer: Norweger erhalten sehr große Steuervergünstigungen, wenn sie ein E-Auto kaufen. Sie zahlen keine Mehrwertsteuer und keine Kfz-Steuer. Es wurde ein sehr dichtes Netz von Ladestationen aufgebaut. All das zeigt, dass ein Land, dessen Wohlstand sogar von der Erdölförderung abhängt, viel erreichen kann, wenn es die Weichen richtig stellt. Sehr gut sehen kann man das auch in China, dem Welt-Spitzenreiter beim Verkauf von E-Autos. Dort wurde der Verkauf von E-Autos von 2015 auf 2016 um 53 Prozent gesteigert. Der Marktanteil dieser Fahrzeuge ist auf 1,8 Prozent geklettert. In Deutschland beträgt der Marktanteil gerademal ein Prozent. Im kommenden Jahr müssen alle Autohersteller, die in China verkaufen, eine Quote von acht Prozent aller Neuwagen als E-Autos verkaufen. Erreichen sie dieses Ziel nicht, müssen sie Strafe zahlen.

heute.de: Norwegen hat anders als Deutschland keine Autoindustrie. Also muss die Regierung auch nicht um Arbeitsplätze fürchten. Das Münchener Ifo-Institut hat ausgerechnet, dass hierzulande Hundertausende Arbeitsplätze in Gefahr sind, wenn die hiesigen Autobauer auf E-Mobilität umsteigen. Muss die Bundesregierung nicht auch auf diese möglichen Verwerfungen achten?

Dudenhöffer: Die Verwerfungen werden umso größer, je länger die Bundesregierung nur guckt. In Deutschland selbst werden im Jahr rund drei Millionen Autos verkauft. Dafür braucht man nicht die 850.000 Menschen, die heute in der Autoindustrie ihren Lohn verdienen. Sie arbeiten hauptsächlich für den Export. Und wenn Deutschland zu lange zögert, werden die Elektroautos eben im Ausland gebaut - ohne diese 850.000 Arbeitnehmer.

heute.de: Wer muss jetzt aktiv werden, um in Deutschland die E-Mobilität zu fördern?

Dudenhöffer: Zuerst die Politik. Der Diesel-Gipfel in der kommenden Woche ist ein Gipfel der Vergangenheit. Eigentlich müsste dieser Termin genutzt werden, um der E-Mobilität die Zukunft zu bereiten. Die Kanzlerin sollte statt über Software-Updates zu reden verkünden, dass sich Deutschland Frankreich und Großbritannien anschließen und ab 2040 ebenfalls Verbrennungsmotoren auf deutschen Straßen verbieten wird.

Das Interview führte Katharina Sperber.


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