Eine "schon bald reale" Bedrohung

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Autonome Waffensysteme - Eine "schon bald reale" Bedrohung

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Der Rüstungsstreit zwischen Moskau und Washington schürt die Angst vor mehr Atomwaffen. Dazu könnten autonome Waffen zu ungekannten Eskalationen führen, warnt Politologin Dahlmann.

Ein futuristisches Mainboard
Spielt auch in der Waffentechnik eine immer größere Rolle: Künstliche Intelligenz
Quelle: imago

heute.de: Wie nah sind wir heute dran an einer vollautomatischen Kriegsführung?

Anja Dahlmann: Wenn wir über Systeme reden, die nur eingeschaltet werden müssen und dann selbständig kämpfen können, gibt es das ja schon in der Flugabwehr - und das schon länger. Diese Systeme erkennen einfliegende Munition und beschießen diese. Im Zuge von immer ausgefeilterer Sensorik und besseren Verfahren der Datenauswertung wie künstlicher Intelligenz dürfen wir allerdings wesentlich komplexere Systeme erwarten. Vom Unterwasser-Einsatz bis zum Luftraum ist da alles denkbar.

heute.de: So wie wir das aus Zukunftsfilmen kennen - also etwa mit Kampfrobotern in Menschengestalt?

Dahlmann: Das vielleicht nicht gerade. Wahrscheinlich sind eher Kriegsgeräte, wie wir sie bereits kennen, also Schiffe, Panzer oder Flugzeuge. Nur ohne menschliche Besatzung. Und eben so, dass sie selbständig agieren, ohne dass sie zum Beispiel von einem Menschen ferngesteuert werden - so wie wir es heute schon von gelenkten Kampfdrohnen kennen. Da sitzt ja bislang immer noch ein Mensch, der Entscheidungen trifft.

heute.de: Wer steht denn bei der Entwicklung von autonomen Waffensystemen aktuell in der ersten Reihe?

Dahlmann: Vor allem sind das die USA, Israel und Südkorea. Außerdem Australien und sehr wahrscheinlich auch China. Bei Russland sind wir uns nicht ganz sicher, wie weit die Forschung dort wirklich ist. Es gibt zwar immer wieder vereinzelte Demonstrationen, aber es ist schwer zu sagen, ob da im Hintergrund nicht doch jemand per Hand steuert.

heute.de: Und wer ist da federführend - die Privatwirtschaft oder das Militär?

Dahlmann: Die entscheidenden Innovationssprünge kommen aus dem zivilen Sektor. Google und Co. sind die Unternehmen, an denen man ablesen kann, wie weit ein Land ist. Natürlich gibt es in der Entwicklung auch militärische Akteure, und am liebsten würden die auch die Experten einkaufen. Allerdings zahlt das Militär in den meisten Fällen deutlich weniger.

heute.de: Was macht den Unterschied zwischen einem vollautomatischen Flugabwehrsystem, wie wir es heute kennen, und der zukünftigen Technik?

Es ist eine andere, neue Art der Bedrohung - und eine schon bald reale.
Anja Dahlmann

Dahlmann: Zum einen können die heutigen Systeme nur in sehr einfachen, vorhersehbaren Umgebungen sinnvoll eingesetzt werden. Zum anderen sind diese Systeme in der Regel gegen Munition gerichtet und nicht gegen Menschen. In welche Richtung es gehen wird, zeigt das System Harop aus Israel: Da erkennt eine kleine Drohne selbständig gegnerische Radarsignaturen und stürzt sich in Kamikaze-Manier mit seiner Sprengladung auf das Ziel. Das ist keine Abwehr mehr, das ist Angriff. Und dies lässt sich auf alle möglichen Waffenarten übertragen.

heute.de: Wie groß ist denn nun die Gefahr, die von autonomen Waffensystemen ausgeht bzw. in Zukunft ausgehen kann. Ist es im Vergleich zu Atomwaffen vielleicht eine noch größere Bedrohung für uns Menschen?

Dahlmann: Es ist eine andere, neue Art der Bedrohung - und eine schon bald reale. Solche autonomen Systeme können die Kriegsführung sicherlich beschleunigen, bislang ungekannte Eskalationen bewirken und auch die Rolle des Menschen anders definieren. Und natürlich werden sich autonome Funktionen mit allen Waffengattungen kombinieren lassen - auch mit Atomwaffen.

heute.de: Der Streit um das Mittelstreckenwaffen-Abkommen zwischen den USA und Russland hat ja gerade erst gezeigt, wie fragil solche Verträge sein können. Denkt heute schon jemand darüber nach, was man im Zuge autonomer Systeme beachten müsste?

"Wenn der Mensch für solche Systeme nur noch ein Datenpunkt ist, der ausgelöscht wird, dann haben wir kein moralisches Handeln mehr."
Anja Dahlmann

Dahlmann: Es gab dazu über drei Jahre informelle Gespräche im Rahmen der UN-Waffenkonvention. Seit 2017 verhandelt nun eine formellere Gruppe von Regierungsexperten unter Beteiligung der Zivilgesellschaft über denkbare Verbote oder Regeln. Widerstand kommt aus Staaten wie den USA, Russland oder Israel, die jede Regulierung ablehnen. China setzt sich für ein Nutzungsverbot autonomer Waffen ein - aber nur wenn den Waffensystemen schon die technischen Voraussetzungen zur menschlichen Kontrolle fehlen. Ein zweifelhafter Einwand, denn militärisch wäre ein solches System wenig sinnvoll. Ein klares Verbot der Entwicklung und Nutzung fordern viele blockfreie Staaten wie zum Beispiel Chile und Sierra Leone sowie Brasilien. Österreich ist übrigens der einzige EU-Staat, der auch ganz klar für ein internationales Verbot eintritt.

heute.de: Und wo steht da Deutschland?

Dahlmann: Deutschland steht da in der Mitte. Man setzt sich bislang für eine politische Erklärung ohne rechtliche Wirkung ein, um dem Koalitionsvertrag gerecht zu werden. Dieser sieht eine Ächtung von autonomen Waffen vor - das Wort "Verbot" wird wohl mit Bedacht nicht genannt. Man arbeitet eher an einer internationalen Einigung, dass die menschliche Kontrolle über den Waffeneinsatz wichtig ist und man darüber im Gespräch bleiben sollte.

heute.de: Ist das nicht ein bisschen schwach oder zumindest schwammig?

Dahlmann: Auf den ersten Blick schon. Aber es kann tatsächlich ein erster Schritt sein, um alle Staaten, sowohl Verbotsgegner als auch -befürworter, an einen Tisch zu holen und dann im nächsten Schritt an einem rechtlichen Verbot zu arbeiten. Was durchaus sinnvoll sein kann, denn ethisch und völkerrechtlich kommen da große Herausforderungen auf die Welt zu. Wenn der Mensch für solche Systeme nur noch ein Datenpunkt ist, der ausgelöscht wird, dann haben wir kein moralisches Handeln mehr. Das kann nicht im Interesse aller Staaten sein - oder sollte es zumindest nicht.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

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