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Mindestvergütung für Azubis - "Einige Berufe werden attraktiver"

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Von Januar an erhalten Auszubildende eine Mindestvergütung in Höhe von 515 Euro monatlich. Die Proteste der Arbeitgeber hält Tarifexperte Thorsten Schulten für übertrieben.

Archiv: Eine Auszubildende feilt an einem Werkstück, aufgenommen am 18.04.2018
Zehntausende Auszubildende profitieren vom Azubi-Mindeslohn. (Archivbild)
Quelle: dpa

heute.de: Warum waren Lehrlingsgehälter vom Mindestlohngesetz bisher ausgenommen?

Schulten: Das Mindestlohngesetz gilt nur Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Auszubildende fallen hingegen nicht unter den Arbeitnehmerbegriff. Sie gehen keiner regulären Beschäftigung nach, sondern absolvieren – wie der Name schon sagt – eine Ausbildung, bei dem sie dem Unternehmen nicht als vollwertige Arbeitskraft zur Verfügung stehen. Dementsprechend beziehen sie auch kein Gehalt, sondern eine Ausbildungsvergütung. Dass in der Praxis Auszubildende auch oft als normale Beschäftigte eingesetzt werden, steht auf einem anderen Blatt …

heute.de: Das Handwerk spricht von einem Eingriff in die Tarifautonomie. Werden sich jetzt einige Betriebe Ausbildung als solche nicht mehr leisten können?

Schulten: Die geplante gesetzliche Mindestausbildungsvergütung ist genauso wenig ein Eingriff in die Tarifautonomie wie der Mindestlohn. Sie wird vielmehr nötig, weil immer mehr Betriebe sich der Tarifbindung entziehen und damit ohne gesetzliche Regelung überhaupt keine Untergrenze besteht.

Die geplante gesetzliche Mindestausbildungsvergütung ist genauso wenig ein Eingriff in die Tarifautonomie wie der Mindestlohn.

Im Übrigen liegen die tarifvertraglich vereinbarten Ausbildungsvergütungen in der Regel deutlich oberhalb des ab dem 1. Januar 2020 geltenden Azubi-Mindestlohns von 515 Euro pro Monat im ersten Lehrjahr. Deshalb ist auch nicht damit zu rechnen, dass hier nun massenhaft Ausbildungsplätze wegfallen werden.

heute.de: Ein Ziel soll ja sein, mit der höheren Vergütung potenzielle Abbrecher bei der Stange zu halten. Kann das gelingen?

Schulten: De facto schwanken die Ausbildungsvergütungen im ersten Lehrjahr heute zwischen unter 400 Euro in einigen ostdeutschen Dienstleistungsbrachen und mehr als 1.000 in einigen westdeutschen Industriebranchen. Die Mindestausbildungsvergütung kann helfen einige Ausbildungsberufe am unteren Ende der Skala wieder etwas attraktiver zu machen.

Die Mindestausbildungsvergütung kann helfen einige Ausbildungsberufe am unteren Ende der Skala wieder etwas attraktiver zu machen.

Sehr groß wird dieser Effekte jedoch nicht sein und auch die Abbruchquote wird dies kaum beeinflussen. Dafür ist die nun geplante Mindestausbildungsvergütung deutlich zu niedrig.

heute.de: Ist die Zahl der Abbrecher im Friseurhandwerk tatsächlich höher als bei Versicherungskaufleuten?

Schulten: In Deutschland wird etwa jeder vierte Ausbildungsvertrag vorzeitig aufgelöst. Tatsächlich ist die Abbruchquote in den Handwerksberufen besonders hoch, wo mehr als jeder Dritte seine begonnene Ausbildung nicht beendet. Dies liegt zum Teil sicherlich auch an der vergleichsweise besonders niedrigen Ausbildungsvergütung in manchen Handwerksbereichen wie z.B. dem Bäcker- oder dem Friseurhandwerk.

Die allerhöchste Anzahl von vorzeitigen Vertragsauflösungen gibt es übrigens im Bereich der Gastronomie, wo im Durchschnitt nur jeder Zweite seine einmal begonnene Ausbildung auch beendet.

heute.de: In welchen Branchen fehlen denn die meisten Auszubildenden? 

Nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung fehlen 2019 den Betrieben mehr als 53.000 Auszubildende. Dies entspricht etwa 9,4 Prozent aller betrieblich angebotenen Ausbildungsplätze.

Nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung fehlen 2019 den Betrieben mehr als 53.000 Auszubildende.

Dabei gibt es sehr starke regionale und sektorale Unterschiede. Am größten ist die Ausbildungslücke im Osten Bayerns und in einigen Regionen in Mecklenburg-Vorpommern.

Bei den Berufen ist die Ausbildungsnot vor allem bei Klempner, Klempnerinnen, Fleischer, Fleischerinnen, Fachverkäufer, Fachverkäuferinnen im Lebensmittelhandwerk sowie bei Restaurantfachkräften am größten. In all diesen Berufen blieben 2019 mehr als ein Drittel aller Ausbildungsplätze unbesetzt.

Das Interview führte Jan-Ole Kraksdorf

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