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Visa-Wahnsinn im Kosovo - trotz Schengen

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Balkangipfel in Berlin - Visa-Wahnsinn im Kosovo - trotz Schengen

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Visa-Bürokratie ist im fast grenzenlosen Europa so gut wie vergessen - in Kosovo dagegen ist sie nun sogar Star einer Fernsehserie: "Schengen Visa" heißt die Comedy-Show.

hashim thaci, donald tusk
Kosovos Präsident Hashim Thaci trifft EU-Ratspräsidenten Donald Tusk. (Archivbild) Viele Kosovaren sind unglücklich, weil sei für EU-Visa hohe bürokratische Hürden nehmen müssen.

An Visa-Geschichten, die das Leben schreibt, mangelt es den Kosovaren nicht.  Da verpassen Star-Violinisten schon mal den Konzertauftritt, oder Bräute ihre eigene Hochzeit, weil die Warteliste für die Bearbeitung von Visa in den Botschaften der EU-Länder einfach zu lang ist, oder die Dokumente, die verlangt werden, nicht komplett sind. "Ich verstehe ja, dass die EU-Länder sicher sein wollen, dass die Leute, die reisen auch zurückkehren und kein Asyl beantragen", meint Lulzim Bucolli, der in der Serie den leicht mafiösen Chef einer Visa-Vermittlungsagentur spielt. "Aber ein Visum nicht auszustellen, weil eine Geburtsurkunde fehlt, ist lächerlich." Eine Woche hat er zuletzt Dokumente gesammelt um fünf Tage nach Österreich fahren zu können. Er erzählt von Bekannten, die mussten die Todesurkunde des Großvaters vorlegen oder zusätzlich zur Heiratsurkunde noch ein Hochzeitsvideo. "Es ist super erniedrigend", so sieht es Bucolli.

Es geht um mehr als Visumfreiheit

Kosovo ist das letzte Land auf dem Balkan, in dem Bürger überhaupt noch ein Touristenvisum für den EU-Schengen-Raum beantragen müssen - alle anderen reisen für drei Monate visumfrei ein. Kosovaren sehen sich benachteiligt gegenüber den Nachbarn auf dem Balkan und hoffen, dass sie am Montag in Berlin Verständnis dafür wecken können: Am Montagabend empfängt Bundeskanzlerin Merkel zusammen mit dem französischen Staatspräsident Macron alle Amtskollegen der West-Balkan-Staaten.  Doch eines ist sicher: Es geht um mehr als die Visum-Freiheit für die Kosovaren.

Karte: Kosovo
Karte des Kosovo und seiner Nachbarn
Quelle: ZDF

Es geht vor allem erst einmal darum, wieder ins Gespräch zu kommen: denn in den letzten Monaten - so der Eindruck in den Balkan-Staaten - hat die EU, haben die wichtigen EU-Mitgliedsstaaten Deutschland und Frankreich den Balkan (Brexit-bedingt) vernachlässigt. Und so fror der Dialog zwischen Serbien und Kosovo ein. Und damit schwand auch die Hoffnung, dass Serbien seine einstige Provinz und den Kriegsgegner Kosovo in absehbarer Zeit als eigenständigen Staat anerkennt. 

Der Dialog fror sogar so weit ein, dass es zu einer neuerlichen Eskalation kam: da Serbien, so Kosovo, die Mitgliedschaft des jungen Staates bei Interpol hintertrieb, erhebt Kosovo seit Ende letzten Jahres 100 Prozent Zoll auf serbische Waren. Serbiens Warenexport nach Kosovo fällt von rund 500 Millionen Euro im Jahr auf einen einstelligen Millionen-Betrag, so heisst es aus kosovarischen Kreisen. Serbien ist not amused.

Gute Beziehung unter den Balkanstaaten fördern

Diese Entwicklung zeigt, wie schnell die Beziehungen auf dem Balkan schlechter werden können - und wie zäh und mühselig es ist, bessere Beziehungen herzustellen und zu erhalten. Das Treffen in Berlin wird deshalb wahrscheinlich keine großen Ergebnisse bringen, außer diesem: einen Dialog auf dem Balkan überhaupt wieder in Gang zu bringen. Die EU hat ein vitales Interesse daran, gute Beziehungen auf dem Balkan zu fördern, nicht nur, weil sie nebenan Frieden wünscht. Auch, weil die nächste Erweiterung der EU Balkanstaaten betrifft. 

Und so kommt es, dass die Tagesordnung des Berliner Treffens noch voller wird, denn in allen Balkanstaaten gibt es Fragen zu Grundwerten der EU, die erfüllt sein müssen, bevor eine Erweiterung in Angriff genommen wird, Fragen zur Rechtsstaatlichkeit, zur Korruption und zur Pressefreiheit, die in fast allen Balkanstaaten die Menschen auf die Straße treibt: in Serbien allein demonstrieren sie jeden Samstag zu tausenden.

Bei der Kosovarischen Fernsehserie "Schengen Visa" blicken sie interessiert auf das Treffen in Berlin - aber ihnen, da sind sie sich sicher, geht so schnell der Stoff nicht aus.  Es stehen andere Themen weiter oben. Die Visafreiheit wird diesmal sicher nicht beschlossen.  Aber bald, so sagen sie und schmunzeln: schon im Jahr 2076! Ganz bestimmt!

Westbalkan-Gipfel in Berlin -
"Situation bleibt gespannt und gefährlich"
 

Auf dem westlichen Balkan flammen die alten Konflikte neu auf. Heute kommen Staatschefs von dort nach Berlin. Ein "extrem wichtiges" Treffen, sagt Politikwissenschaftler Masala.

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