Sie sind hier:

Rettung von Finanzhäusern - Der schiefe Bankenturm von Venedig

Datum:

Der Bankenkonzern Intesa Sanpaolo hilft den Lahmen: Inneritalienische Stützungsmaßnahmen bringen zwei kleinere Pleitebanken unter das Dach einer Großbank. Aber: Der Steuerzahler ist im Ernstfall mit 17 Milliarden Euro dabei - in Europa regt sich Protest.

Die italienische Regierung will mit Steuermilliarden zwei marode Banken retten. ZDF-Börsenexpertin Valerie Haller schließt weitere Bankpleiten nicht aus – angesichts der wirtschaftlichen Schwäche Italiens.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Die zwei norditalienischen Banken Veneto und Populare di Vicenza landen unter dem Dach des Finanzkonzerns Intesa Sanpaolo. Diese zweitgrößte italienische Bank (nach Unicredit) ist ihrerseits aus zahlreichen Zusammenschlüssen von Sparkassen und Banken entstanden und gilt als stabil. Ihre Nähe zur Politik ist mal mehr, mal weniger offensichtlich.

Wütender Protest

Dass sie sich um den Kauf der beiden Institute gedrängt hat, wagt man nicht zu vermuten - auch wenn die überlebensfähigen Teile der zwei Häuser nur einen Euro gekostet haben und der Staat die marodesten Teile abspaltet und abwickelt. Das wiederum wird teuer. Im Ernstfall stehen 17 Milliarden Euro öffentlicher Mittel im Feuer. Das war eigentlich genau das, was in Europa nach der Finanzkrise nicht mehr passieren sollte: Bankgläubiger kommen davon, der Steuerzahler springt ein. An wütendem Protest ist denn auch kein Mangel - vornehmlich aber aus den Euroländern rundherum, nicht so sehr aus Italien. Vielleicht vermutet man dort, dass auf Umwegen am Ende doch die EU-Partner die Zeche zahlen - wäre ja nicht so ungewöhnlich.

Reinhard Schlieker
Reinhard Schlieker

Aus einigen Daten und Zahlen wird schon deutlich, warum eine Sanierung des italienischen Bankensektors keine Fortschritte zeitigt. Allein die beiden Banca Veneto und Banca Populare di Vicenza, die im Vergleich etwa zu einer Deutschen Bank oder Commerzbank winzig erscheinen, verfügen in Norditalien über 960 Filialen. Und es gibt insgesamt mehr als 700 Banken in Italien. Jedenfalls scheinen zwei Drittel der Filialen überflüssig und werden geschlossen; die ersten fünf Milliarden Staatshilfe gehen denn auch als Abfindungen direkt an die 3.900 Mitarbeiter, die ihren Job verlieren, und als Hilfe für die Eingliederung in das neue Mutterhaus.

Bankenregelungen ausgehöhlt?

Dann bleiben noch zwölf Milliarden Steuergeld, die für Anleger und Gläubiger der beiden Pleitebanken gedacht sind. Fassungslos zeigten sich deutsche Europapolitiker fast aller Parteien: Die Entscheidung der EU-Kommission, diese Staatsaktion zu genehmigen, höhle alle Bankenregelungen aus, die man für Europa mühsam erstellt hatte.

So hatte die Europäische Zentralbank es schon abgelehnt, die Rettung aus einem europäischen Hilfsfonds zu bezahlen. Aus deutscher Sicht jedenfalls sinken damit die Chancen, eine gemeinsame Banken-Einlagensicherung aufzubauen. Schon bisher hatten das Bundesfinanzministerium wie auch die deutschen Banken diese Pläne skeptisch betrachtet. Nun, da offenbar bereits beschlossene Regelungen missachtet würden (so der CSU-Europa-Abgeordnete Markus Ferber), und eben doch die Steuerzahler für marode Banken in Haftung genommen würden, seien weitere europäische Gemeinschaftsversprechen ja wohl nicht viel wert.

Psychologie, Wirtschaft und die Folgen

In der Tat wirkt das Vorgehen auf Betreiben von EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager überraschend und überhitzt. Vestager brachte als Argument unter anderem vor, dass mit dem Schritt das italienische Bankensystem von einer Last fauler Kredite befreit würde, die etwa 18 Milliarden Euro entspricht. In dieser etwas müde erscheinenden Rechtfertigung liegt aber auch das entscheidende Eingeständnis: Das italienische Bankensystem ist insgesamt derart marode, dass selbst die Insolvenz zweier kleiner Institute Schockwellen die Halbinsel herunterschicken würde.

Die Jahre seit der Eurokrise wurden nicht genutzt, die Bilanzen der Banken zu sanieren, ein kleiner Luftzug pustet sie um - bei der drittgrößten Bank, der traditionsreichen Monte dei Paschi di Siena, ist die Sanierung bis heute nicht ausgestanden, und deren drohende Pleite jagte ganz Europa einen Schrecken ein.

Geld gegen den Horror

Diese Bank wird nun demnächst verstaatlicht werden. Zusätzlich zu den in Euro und Cent bezifferbaren Schäden greift in diesen Problemen allerdings das Wort, wonach Wirtschaft zu 50 Prozent Psychologie sei (womöglich zu den übrigen 50 Prozent auch noch): Der Zusammenbruch zweier Bankhäuser würde all die Erscheinungen der Finanzkrise wieder aufleben lassen, als da wären Misstrauen der Banken untereinander, Panik bei staatlichen Stellen ob der Folgen des Ganzen, Verunsicherung von Bürgern und Unternehmen, was die wirtschaftliche Zukunft angeht und infolge dessen Zurückhaltung bei Konsum und Investition.

Am Ende könnte gut und gerne das Ausscheiden aus dem Euro stehen und damit eine große Krise der EU insgesamt, mit Folgepleiten Griechenlands und Portugals. Man muss es nicht weiterspinnen um auf den Gedanken zu kommen, dass 17 Milliarden Euro zur Vermeidung dessen eigentlich noch billig sind. Nur - waren es die letzten Milliarden als Lösegeld von der Krise? Das wird man schon mit Blick auf die italienische Bankenlandschaft nicht sagen wollen. Niemand aber, vor allem nicht in Brüssel, will derjenige sein, der die Reißleine zieht und die Kettenreaktion lostritt.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.