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230 Jahre Französische Revolution - "Die charmanteste Nation der Welt"

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Heute ist französischer Nationalfeiertag. Frankreich-Kennerin Barbara Vinken spricht im Interview über Eleganz, Gleichheitsgedanken und die Militärparaden unseres Nachbarlandes.

sommer in paris
Einheimische und Touristen in Paris: Barbara Vinken macht einige Unterschiede zwischen Franzosen und Deutschen aus.
Quelle: dpa

heute.de: Die Französin Christine Lagarde soll EZB-Chefin werden. Warum bewundern Sie ihren Stil?

Barbara Vinken: Sie steht für modisches Bewusstsein und Eleganz. Das verbindet sie ganz selbstverständlich mit Souveränität, Macht und Autorität.

heute.de: Kann die designierte EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen da mithalten?

Vinken: Nein. Sie ist eine sehr schöne Frau, aber sie kleidet sich so, wie man es von einer mächtigen Frau in Deutschland erwartet: Die Kompetenz geht auf Kosten des modischen Bewusstseins.

Barbara Vinken, Professorin für Französische und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München
Barbara Vinken ist Professorin für Französische und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie ist Teil des "Buchzeit"-Teams von 3sat. 2013 veröffentlichte sie das Buch "Angezogen. Das Geheimnis der Mode".
Quelle: Alessandra Schellnegger

heute.de: Kommen wir zum 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag. Wofür steht er?

Vinken: Für den Sturm auf die Bastille und die Befreiung der französischen Nation von der Tyrannei von Kirche und König. Aus Untertanen wurden selbstbewusste Bürger. Damit verbunden ist das Versprechen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

heute.de: Was auch 230 Jahre nach der Französischen Revolution mehr Wunsch als Wirklichkeit ist.

Vinken: Frankreich hat ein großes Integrationsversprechen gemacht. Jenseits von Herkunft, Geburtsort, Geschlecht oder Religion soll jede und jeder gleichberechtigt als Glied eines Ganzen sein Glück finden können.

Die Ungleichheit der Klassen in Frankreich ist deutlich geringer als in Deutschland oder Großbritannien.

Die Ungleichheit der Klassen in Frankreich ist deutlich geringer als in Deutschland oder Großbritannien. Doch in den letzten Jahrzehnten hat der Gleichheitsgedanke gelitten. Der Unmut ist groß und zeigt sich etwa in der Gelbwesten-Bewegung.

heute.de: Die Gelbwesten gehen zum Teil sehr gewalttätig vor.

Vinken: Das ist ein Erbe der Revolution, die Franzosen sind ein gewaltbereites Volk. Und die französische Polizei steht wie in anderen Ländern auch im Verdacht, rassistisch und homophob zu sein.

"Gelbwesten" in Paris am 1. Mai.
"Gelbwesten" in Paris am 1. Mai: "Die Franzosen sind ein gewaltbereites Volk."
Quelle: Kamil Zihnioglu/AP/dpa

heute.de: Donald Trump kam 2017 während der Militärparade auf den Champs-Élysées auf seine Kosten. Ist die Parade noch zeitgemäß?

Vinken: Nein, als Pazifistin halte ich von Militärparaden gar nichts. Aber das Feuerwerk zum 14. Juli ist himmlisch.

heute.de: Was fasziniert Sie an Frankreich?

Vinken: Frankreich ist die charmanteste Nation der Welt. Sie hält die Liebe zur Sprache, zur Kunst, zur Literatur hoch. Das soziale Band funktioniert in Frankreich im Vergleich zu anderen Ländern erstaunlich gut: Frauen haben deutlich bessere Karrieren als in Deutschland, es gibt genügend Krippenplätze, es gibt den Mindestlohn, ein günstiges Gesundheitssystem und ein höfliches, charmantes Miteinander. Es gibt ein Gefallen am Gefallen.

heute.de: Frankreich hat auch die MeToo-Debatte nicht verstanden. Sind die Französinnen entspannter?

Vinken: Das Ritterliche, Chevalereske, Charmante zwischen den Geschlechtern - das gehört Gott sei Dank zum französischen Selbstverständnis. Die Liebeskunst, in ihrer Abgründigkeit und ihrer Leichtigkeit, ist am Ende des Tages alles, was zählt.

Frankreich ist nicht das puritanische Amerika.

Das heißt nicht, dass Männer sich übergriffig oder ungeschickt benehmen dürfen. Aber Frankreich ist eben nicht das puritanische Amerika. In Frankreich ist Flirten, Erotik einfach Lebenskunst.

heute.de: Nach Frankreichs Vorzügen gefragt, haben Sie nicht mit Essen oder Mode geantwortet. Warum?

Vinken: Der Spruch "Leben wie Gott in Frankreich" ist eine peinliche Floskel: Champagner, Bordeaux, gutes Essen, Käse, Parfum. Das stimmt natürlich, aber die Schönheit Frankreichs zeigt sich in so vielen anderen Facetten. Das schöne Miteinander, das Lächeln der Leute auf der Straße, der Witz machen die Heiterkeit des französischen Lebens aus. Haltung, allure. Bloß nicht miesepetrig klagen.

heute.de: In der Pariser Metro sieht man aber viele Miesepeter.

Vinken: Ich mache ganz andere Erfahrungen. Die Pariser Metro ist zwar stockstressig, aber es geht trotzdem höflich, ja witzig zu. Die Unfreundlichkeit der Pariser halte ich für eine üble Nachrede.

Pariser Metro
"Die Pariser Metro ist zwar stockstressig, aber es geht trotzdem höflich, ja witzig zu", sagt Barbara Vinken.
Quelle: reuters

heute.de: Nervt Sie gar nichts an Frankreich?

Vinken: Doch, die großen französischen Institutionen sind irgendwie sadistisch. Nie haben sie sich von der höfischen Tradition befreit. Sie halten es für ein Privileg, wenn man für Ruhm und Ehre Frankreichs arbeiten darf. Eine fatale Verwechslung von Institution und Land. Die Concours, die Wettbewerbe, über welche die Spitzenposten vergeben werden, finde ich unnötig autoritär und brutal.

heute.de: Welcher französische Gegenwartsautor inspiriert Sie?

Vinken: Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" erzählt von der Spaltung Frankreichs und von den Abgehängten. Aber ich bewundere Assia Djebar. Sie ist 2015 gestorben und die wichtigste algerisch-frankophone literarische Stimme. Ihr ist es gelungen, die tiefere Vielsprachigkeit einer Sprache zum Klingen zu bringen. Sie steht für eine Integration in der Differenz. Zum Einstieg empfehle ich ihr Buch "L’amour, la fantasia".

heute.de: Mit Karl Lagerfeld ist im Februar der letzte große Pariser Modezar gestorben. Inspiriert Sie Paris überhaupt noch modisch?

Vinken: Und ob! Aber die Zeit der großen Labels, der Logomanie, ist vorbei - und das ist gut so. Paris besticht nun mit den im Kollektiv arbeitenden, internationalen Ateliers. Sie haben eine klare moralische Ansage: Keine Mode der ausbeutenden Globalisierung à la Bangladesch, wir machen alles selbst.

Noch ein Punkt, wo wir Deutschen französischer werden sollten.

Dazu der liebevoll-lässige Pariser Look: weit geschnitten, wie zurzeit fast alles, wieder schwarz, entspannt elegant. Hohe handwerkliche Textilkunst. Noch ein Punkt, wo wir Deutschen französischer werden sollten.

Das Interview führte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch.

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