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Barrierefrei im ländlichen Raum - "Es ist noch viel zu tun"

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Esther Weber sitzt im Rollstuhl und wohnt auf dem Land - eine schwierige Kombination. Um am Leben teilhaben zu können, ist die Sportlerin auf die Hilfe anderer angewiesen.

Esther Weber Paralympics-Medaillen-Gewinnerin im Fechten
Esther Weber Paralympics-Medaillen-Gewinnerin im Fechten Quelle: Fischer Fotodesign

"Es gibt noch viel zu tun", lautet Esther Webers Fazit für den ländlichen Raum. Die 50-Jährige sitzt seit ihrem 15. Lebensjahr querschnittsgelähmt im Rollstuhl. Sie lebt in Gutach, einem Ort im Breisgau mit 4.450 Einwohnern. Weber ist das, was als "Expertin aus eigener Betroffenheit" bezeichnet wird. Barrierefreiheit ist für die zehnfache Paralympics-Medaillen-Gewinnerin im Fechten ein sehr großer Begriff: "Es geht dabei nicht nur um den klassischen Rollstuhlfahrer, sondern es müssen gesamtgesellschaftlich die Bedürfnisse aller berücksichtigt werden."

Laut Webers Sohn ist sie bekannt wie ein "bunter Hund" in Gutach. Nicht nur wegen ihrer sportlichen Erfolge, sondern vor allem wegen ihres unermüdlichen Engagements für ein gemeinschaftliches Zusammenleben behinderter und nicht-behinderter Menschen. "Wir haben die gleichen Wünsche und Probleme wie andere auch, deshalb sollte miteinander und voneinander gelernt werden", erklärt sie. Gerade im ländlichen Raum sei dies einfacher, denn man achte mehr aufeinander. "Mein Nachbar beispielsweise schippt bei Schnee die Bahn auf dem Bürgersteig so breit, dass ich mit dem Rolli weiterkomme", fügt die Fechterin hinzu. Eine andere Nachbarin stellt für sie die Mülltonne raus.

Beim ÖPNV hapert es noch

Auch für Stefanie Henninger-Kusch vom Verband Lebenshilfe Offenburg-Oberkirch e.V. stellt das soziale Miteinander ein großes Plus im ländlichen Raum dar: "Die Wertschätzung für Menschen mit Behinderung hat sich in den vergangenen Jahren positiv verändert." Erreicht wurde das unter anderem durch Projekte wie "Unbehindert miteinander". Hier werden laut Henninger-Kusch Unternehmen ausgezeichnet, die Barrierefreiheit im Service oder in den Gebäuden bieten.

Gerade beim öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) hapert es allerdings noch sehr. "Es ist der Weg der kleinen Schritte", erklärt Anita Diebold, Behindertenbeauftragte des Ortenaukreises. Obwohl sich schon einiges auf dem Land getan hat, sind laut Diebold immer weitere Verbesserungen nötig. "Bis 2022 soll der ÖPNV barrierefrei sein, bis dahin bleibt die Nutzung vor allem von Bussen für mich völlig unmöglich", erklärt Esther Weber. Mobilität stellt für die erfolgreiche Sportlerin eine Grundvoraussetzung für ein selbständiges Leben als Mensch mit Behinderung dar. Sie selbst fährt deshalb ausschließlich mit dem Auto.

Einfach mal so shoppen - schwierig

Behindert wird Weber außerdem von baulichen Barrieren. Hat sie im Rathaus etwas zu erledigen, ruft sie lieber an, denn sie kommt schlichtweg nicht rein: "Es ist eine Unzumutbarkeit, dass das Rathaus nicht barrierefrei zugänglich ist.“ Auch sei es zwar nett, dass es Möglichkeiten des "Drive in" bei Apotheken, Bäckern oder Banken gebe, aber "das ist weit entfernt von Teilhabe, wie ich sie mir vorstelle und wie sie für Menschen mit Handicaps angemessen wäre."

Auch einfach shoppen oder sich mit Freunden in Cafes oder Kneipen treffen, ist für Weber eine kleine Herausforderung: "Es gibt kaum Toiletten für Rolli-Fahrer, ganz zu schweigen von Umkleidekabinen in Geschäften." Für sie stellen die starren DIN-Regelungen der Landesbauordnung ein Problem dar. "Ich kann kaum Freunde besuchen, weil es zu viele bauliche Barrieren gibt."

Sich auf Augenhöhe begegnen

Als Kundin bekomme die Sportlerin so nur einen kleinen Einblick ins Angebot und eben nicht die gesamte Vielfalt geboten: "Die barrierefreie Infrastruktur ist - zumindest wo ich wohne - noch immer unterentwickelt." Hier sieht auch Henninger-Kusch von der Lebenshilfe Handlungsbedarf: "Physische Barrieren lassen sich zwar nicht von heute auf morgen abbauen, aber die Kommunen achten bei Baumaßnahmen verstärkt auf Barrierefreiheit." Gerade die Barrierefreiheit bietet laut Weber mehr Lebensqualität für alle: "Ich sitze seit mehr als 30 Jahren im Rollstuhl und kann es noch immer nicht fassen, dass selbst heute noch diskutiert wird, ob etwas barrierefrei geplant werden muss." Sie hofft deshalb auf ein Umdenken.

Aber auch das persönliche Engagement ist laut Weber wichtig: "Wenn ich mich als Mensch mit Handicap aktiv ins Dorfgeschehen einbinde, können Bedürfnisse klarer formuliert und besser umgesetzt werden". Dann kann es auch ganz einfach gehen. Auf ihre Initiative hin ist das Schwimmbad in ihrem Wohnort barrierefrei umgebaut worden, so dass sie über eine Rampe ins Wasser gelangt: "Durch die Rampe ist es zur Normalität geworden, wie ich ins Wasser komme, und es wird nicht mehr gegafft." Sich auf Augenhöhe begegnen ist das, was Esther Weber sich wünscht - und einfordert. Und sei es im Schwimmbecken.

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