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Barrierefrei in der Stadt - Im Theater nur in der letzten Reihe

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Bei den Paralympics kämpfen Athleten gerade um Medaillen. Doch wie sieht es in unseren Großstädten mit der Barrierefreiheit aus? Frankfurt am Main zeigt: Es gibt noch viel zu tun.

Ein Schild weist darauf hin, dass Fußgänger links eine Treppe und Rollstuhlfahrer rechts eine Auffahrt benutzen können
Hinweisschild für Fußgänger und Rollstuhlfahrer in Frankfurt am Main Quelle: dpa

Eine Stufe am Hauseingang, ein Schlagloch auf der Straße, ein hoher Bordstein – die meisten Menschen überspringen diese kleinen Hürden ohne nachzudenken. Für Claudia Hontschik können sie zur unüberwindbaren Barriere werden. Die 64-jährige Pädagogin aus Frankfurt hat Multiple Sklerose (MS) und braucht seit einigen Jahren einen Rollstuhl. "Der Blick auf die Stadt verändert sich ganz und gar", sagt Hontschik.

Zwischen Flughafen und Wald

Je nach Umgebung kommt die Frankfurterin mal besser, mal schlechter voran. "Flughafen und Wald sind die beiden Extrempole", sagt sie. Der Flughafen sei ideal, da rolle sie quasi von allein. Frankfurt kommt mit Schlaglöchern und Kopfsteinpflaster eher dem Wald nahe: "Da werden Wege häufig zur Qual", erklärt sie.

"Barrierefreiheit heißt, dass Menschen mit Behinderung alle Orte und Informationen ohne fremde Hilfe erreichen können", erklärt Hannes Heiler von der Frankfurter Behindertenarbeitsgemeinschaft (FBAG). Zentral dafür ist der öffentliche Nahverkehr. Ein Gesetz zwingt die Stadt, bis 2022 den Zugang zu allen Bussen und Bahnen barrierefrei zu machen. Christiane van den Borg, Leiterin der Stabstelle Inklusion der Stadt Frankfurt, nennt dies "ein ehrgeiziges Ziel". Bei Straßen-, U- und S-Bahnen sei man auf einem guten Weg, bei den Bussen werde es jedoch eng.

Eine Millionen Euro für Umbau

Aber nicht nur im ÖPNV hapert es. Hontschik geht mit ihrem Mann gerne ins Theater. Da gibt es ebenfalls allerlei Hürden. Im Schauspiel Frankfurt finden sich lediglich vier Plätze für Rollstuhlfahrer – und zwar in der letzten Reihe. "Das finde ich schon sehr hart", beschwert sich Hontschik. Menschen mit Rollstuhl gelten im Notfall selber als Hindernis für andere. Die Stadt unterstütze den Umbau öffentlicher Gebäude jährlich mit einer Million Euro, erklärt van den Borg. Das Problem: Bei Neubauten ist nur die öffentliche Hand verpflichtet, für Barrierefreiheit bei Toiletten und Hauseingängen zu sorgen, für private Investoren gilt dies nicht.

Auch Sehbehinderte sind betroffen

"Beim Thema Barrierefreiheit denken viele Menschen instinktiv an Rollstühle", sagt Brigitte Buchsein vom Blinden- und Sehbehindertenbund, aber es betreffe ebenso blinde und sehbehinderte Menschen. Sie sind auf Leitsysteme angewiesen, die sie von A nach B bringen. Diese Bodenindikatoren bestehen aus Rillen- oder Noppenplatten und können mit dem Langstock ertastet werden.

"Aber in Frankfurt gibt es Lücken im System", sagt Bernd Fritzsche, der seit über 20 Jahren vollblind ist. In der zentralen U- und S-Bahn-Haltestelle Hauptwache in der Frankfurter Innenstadt hört das Leitsystem auf der Zwischenebene einfach auf. "Und hat man sich einmal mühsam einen Weg erkämpft, ist beim nächsten Mal möglicherweise die Treppe wegen Bauarbeiten gesperrt", erklärt der 56-jährige Frankfurter.

100 Meter mit verbundenen Augen

Große Flächen, wie der Rathausplatz, der in Frankfurt Römerberg heißt, sind problematisch: "Versuchen Sie mal mit verbundenen Augen, 100 Meter geradeaus zu gehen", empfiehlt Fritzsche. Auch hier fehlen Leitsysteme auf dem Boden. Die Geräuschkulisse ist für Blinde und Sehbehinderte ebenfalls entscheidend für ihre Orientierung: absolute Stille, aber auch laute Geräusche sind schwierig. Brigitte Buchsein, selber seit ihrem achten Lebensmonat blind, denkt vor allem an Elektroautos: "Ohne Motorengeräusche sind Autos für uns eine große Gefahr." Erst ab 2021 muss in Deutschland jedes neue E-Auto einen Mindestgeräuschpegel haben.

Aber nicht nur die eigenständige Mobilität von Menschen mit Behinderung soll verbessert werden, sondern auch die Kommunikation der Stadt. "100.000 Euro stehen dafür jährlich zur Verfügung", sagt van den Borg. Damit sollen Internetseiten mit "Leichter Sprache", Videos in Gebärdensprache oder mit Texten zum Hören ausgestattet  werden.

Barrierefreiheit nicht nur für Menschen mit Behinderung

Heiler von der FBAG bezeichnet Frankfurt als "Schweizer Käse": "Bei der Barrierefreiheit gibt es immer noch große Löcher." Es tue sich zwar einiges, aber alle müssten mitdenken, sonst funktioniere es nicht, erklärt Claudia Hontschik. Dabei kommt Barrierefreiheit nicht nur Menschen mit Behinderung zugute, sondern auch Eltern mit Kinderwagen oder Menschen mit Rollator.

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