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Umweltministerkonferenz - Die Bauernlobby und der böse Wolf

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Der Deutsche Bauernverband will, dass Wölfe zum Abschuss freigegeben werden. Dabei bekommen die Landwirte schon jede Menge Hilfen, um sich vor dem Wolf zu schützen.

Ein Wolf, aufgenommen am 18.01.2017 in Isselburg
Ein Wolf, aufgenommen am 18.01.2017 in Isselburg Quelle: dpa

Vor 150 Jahren starb in Deutschland der letzte Wolf. Das Tier galt als ausgerottet, doch 2000 wanderte erstmals wieder ein Wolfspaar aus Polen über die Grenze. Seit seiner Rückkehr hat sich das Rudeltier weiter verbreitet, besonders in Sachsen, Brandenburg und Niedersachsen. Mittlerweile soll die Gesamtzahl bei 120 bis 130 liegen. Laut der "Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf" (DBBW) gab es 2016/17 deutschlandweit 41 Rudel. Man spricht von einer "Erfolgsgeschichte des Artenschutzes", denn das Tier zählt auf europäischer Ebene zu den streng geschützten Tierarten. Stören, Fangen oder Töten verboten.

Bauernlobby fordert Bestandsregulierung

Landwirte und Schäfermeister sind über diese Entwicklung allerdings gar nicht erfreut. Denn mit der steigenden Zahl an Wölfen steigt auch die Zahl der Angriffe auf Nutztiere. 2015 wurden laut DBBW 200 Übergriffe gemeldet, bei denen über 700 Tiere getötet wurden. Durchschnittlich kommt man so auf 3,6 tote Tiere pro Angriff. In 89 Prozent der Fälle trifft es Schafe und Ziegen.

Das wollen die Bauern nicht länger hinnehmen. Deshalb fordern der Deutsche Bauernverband, der Deutsche Jagdverband und auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft eine "Bestandsregulierung", pünktlich zur Umweltministerkonferenz in Potsdam.

Jagdfreigabe trotz Förderung?

Bis hierhin klingt die Forderung verständlich, jedoch fehlt noch ein entscheidendes Detail: Die Landwirte erhalten für jedes durch Wölfe gerissene Nutztier einen entsprechenden Schadensausgleich. Das teilte das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz mit. Außerdem liegt der Fördersatz für Maßnahmen zum Herdenschutz in den betroffenen Bundesländern hoch. In Sachsen bei 80 Prozent, in Brandenburg sogar bei 100 Prozent. Mobile Elektrozäune, Herdenschutzhunde, Übersprungschutz und Untergrabschutz sind laut Sächsischem Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft durch die Länder förderbar.

Eine Schafsherde, aufgenommen am 30.10.2017 in Schwäbisch Hall
Eine Schafsherde, aufgenommen am 30.10.2017 in Schwäbisch Hall Quelle: dpa

Das ist den Herdebesitzern aber zu kompliziert und im Unterhalt zu teuer. An die Fördersätze sind viele Formulare, Voraussetzungen und vor allem lange Wartezeiten geknüpft. Jagdfreigaben für Wölfe erteilen geht viel schneller. Der Deutsche Jagdverband verweist auf Norwegen und Finnland. Hier würden immer öfter Freigaben zur Jagd auf die Wolfsbestände erteilt. Weil das Prinzip der Bequemlichkeit allein zur Überzeugung nicht reicht, hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft noch ein zweites Argument parat.

"Der Schutz der Menschen hat immer Vorrang"

Christian Schmidt (CSU), Bundeslandwirtschaftsminister, fordert ebenfalls eine Regulierung, wenn der Bestand der Wölfe weiter steigt. Sein Argument: der Schutz der Bevölkerung. "Hier gilt: keine Experimente, sondern das Prinzip Verantwortung. Es kann einen Punkt geben, an dem die Wolfs-Population so groß wird, dass wir eingreifen müssen." Jeder kennt das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf. So appellieren die Befürworter der Jagdfreigabe an die Kindheitserinnerungen der Bürger: Der Wolf als blutrünstiges, aggressives Raubtier.

Archiv: Christian Schmidt, aufgenommen am 03.01.2017 in Berlin
Christian Schmidt ist für eine Bestandsregulierung der Wölfe Quelle: dpa

Dabei gab es laut Bundesamt für Naturschutz in Deutschland seit der Einwanderung der ersten Tiere um die Jahrtausendwende noch nie Verletzungen oder gar Tötungen von Menschen durch Wölfe. Der einzige Vorfall ergab sich 2016, als sich Wolf "Kurti" mehrmals Menschen näherte. Daraufhin wurde er mit einer Sondergenehmigung erschossen. Dass er wahrscheinlich im Vorhinein von Menschen gefüttert, und dadurch zutraulicher wurde, wird gern verschwiegen. Stattdessen kursieren Warnungen vor dem "Problemwolf". Auch der Einzelfall einer von Wölfen oder Hunden zerfleischten Britin in Griechenland bietet einen guten Anlass, die Debatte um die Bestandsregulierung weiter anzufeuern.

Statt Jagd lieber mehr Investitionen

Die Umweltschutzverbände Bund, Nabu, WWF sowie der Bundesverband der Berufsschäfer, der Tierschutzbund und der Ökologische Jagdverband haben eine andere Strategie. Anstatt einer Regulierung der Wolfsbestände plädieren sie für mehr Investitionen in Schutzzäune, Herdenschutzhunde und einen schnelleren Schadenausgleich nach Wolfsattacken auf Nutztiere. Die Maßnahmen seien nämlich trotz Förderung im Unterhalt zu teuer. Knut Kucznik, Vorsitzender des Schafzuchtverbandes Berlin Brandenburg, erklärt: "Weniger Wölfe bringen nicht weniger Probleme." Stattdessen sollten die Weidetiere lieber vernünftig geschützt werden.

Erstmal Klarheit schaffen

Die ganze Debatte scheint fraglich. Die Bauernlobby will das Wolfsproblem loswerden. Das geht entweder durch die Förderung aller Schutzmaßnahmen inklusive Unterhalt oder durch eine Bestandsregulierung der Wölfe. Für das Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft ist letzteres natürlich bequemer.

Die Forderung zur Lockerung der Schutzrechte des Wolfes konnte sich heute jedoch noch nicht durchsetzen. Die Umweltminister der Länder fordern von der Bundesregierung nach ihrem heutigen Treffen in Potsdam erstmal eine klare Definition von "gefährlichen Wölfen". Dann werde man sehen, wie man eine einheitliche Lösung im Umgang mit diesen Tieren finde, hieß es in der Anschlusserklärung. Und so bleibt der böse Wolf eben - bis anders bewiesen - erstmal doch nur eine Märchengestalt.

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