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Grenzenlose Kreativität - Klopapier: Die neue Freiheit

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Klopapier geht den meisten am Allerwertesten vorbei und fristet ein kaum debattiertes Dasein. Vielleicht, weil es so alltäglich ist. Oder weil der Toilettengang noch immer ein Tabuthema ist. Nichtsdestotrotz legen sich manche Kreative bei der Gestaltung mächtig ins Zeug.

Fritz Loibl produziert einen hochkarätigen Luxusartikel, für alle, die es sich leisten wollen – damit sie sich auch auf ihrem Klo wie im Himmel fühlen können.

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Ein leises Rrrrp, kaum zu vernehmen. Ein routinierter Handgriff in die Niederungen menschlicher Intimität. Und zack rauscht das Toilettenpapier mit der Klospülung in Richtung Kanalisation. Das schnöde weiße mit eingeprägtem Muster wird inzwischen vielfach durch farbenfrohe, teils duftende Varianten ersetzt: rosa und gelb, mit aufgedruckten Flamingos, Eiffeltürmen, Marienkäfern, Blumen.

Ausgefallene Wünsche

Natürlich sind auch schon Einhorn-Kollektionen auf dem Markt und längst gibt es Anbieter für ausgefallene, individuelle Wünsche. Warum drucken Menschen Motive ausgerechnet auf Klopapier? Und warum sind Kunden bei dem Anblick offenbar völlig aus dem (Klo)häuschen? Dass Wölkchen- und Feder-Prints für Weichheit stehen und schon vor dem Kauf ein angenehmes Gefühl für den Po vermitteln sollen, leuchtet ja selbst Lokus-Laien ein. Aber welche Assoziationen lösen bitte die hölzernen Schalen einer Ananas oder Kakteen aus?!

Fangen wir bei den großen Herstellern an: Bei Hakle gibt es bedrucktes Klopapier seit etwa Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre. "Bei der Motivwahl orientieren wir uns grundsätzlich am Verbraucher", sagt eine Sprecherin. Man schaue nach Trends, entwickele Motive, stimme diese im internen Kreis ab und stelle sie dann den Handelspartnern vor. Das gilt beispielsweise für saisonale Sondereditionen, bei denen das Design zwei- bis viermal im Jahr gewechselt wird. Mehr als 90 Millionen Rollen Toilettenpapier bringt Hakle jährlich an die Kunden - ein Viertel davon sei bedruckt.

Platzhirsch Zewa erarbeitet Trends oder Themen für Motive und testet sie in einer Marktforschung, "um sicherzustellen dass diese attraktiv für die zielgruppenrelevanten Konsumenten sind". Zewa nutze häufig farbigen Leim, der die Prägung des Papiers hervorheben lässt, erklärt eine Sprecherin. Ein Druck auf dem Papier werde nur für spezielle Limited Editions umgesetzt. Die Vereinigung DWA, in der die Betreiber von Abwasseranlagen organisiert sind, sieht übrigens keine Probleme mit bedrucktem Toilettenpapier.

Nachhaltigkeit als Trend

Branchenexperten schätzen den jährlichen Verbrauch an Toilettenpapier in der Bundesrepublik auf 600.000 bis 700.000 Tonnen. Dabei werde etwa zur Hälfte Altpapier eingesetzt. Nachhaltigkeit sei ein Trend, dem auch Hakle sich verschrieben hat, sagt die Sprecherin. Am begehrtesten ist auf dem deutschen Markt laut Zewa dreilagiges
Klopapier mit einem Anteil von 65 Prozent. Knapp drei Viertel der verkauften Packungen sind mit acht oder zehn Rollen befüllt. Die Konsumforscher der GfK haben errechnet, dass die privaten Haushalte in Deutschland im Schnitt pro Jahr 93 Rollen trockenes Toilettenpapier kaufen - für 25,48 Euro.

Dabei greift nicht mal jeder Achte (13 Prozent) zu farbigem Papier - Tendenz steigend. Deutlich beliebter ist solches mit Dekor: Hier haben vier von zehn Kunden (42 Prozent) zugeschlagen. Die Nachfrage sinkt aber leicht. Was Kunden zum Kauf farbigen Klopapiers oder solchem mit Motiven anregt, wissen die Verkäufer: Hans-Jürgen Collatz vertreibt über die Firma Desgin-Tissue einfarbiges Toilettenpapier - unter anderem in pink und Terrakotta. Schwarz sei aber die gefragteste Farbe und komme etwa in Szenekneipen aufs WC, die alles in schwarz-weiß halten. "Es gibt auch Hotels, die jede Etage in einer anderen Farbe gestalten", sagt er.

Vergoldetes Klopapier

Badausstatter nutzten farbiges Klopapier als Hingucker. Und auch Hakle hat festgestellt: "Viele Verbraucher legen Wert auf ein modernes, harmonisches Baddesign, so dass sich auch das Dekor des Toilettenpapiers optimal einfügen soll."  Ähnlich äußert sich Fritz Loibl von Tissuedesign, der die Blätter mit Gold und Silber verziert. Zwar sagt er, dass das Interesse daran "quer durch alle Schichten" geht. Wer sein Klopapier aber mit 24-Karat Echtgold prägen lässt, das will er lieber nicht verraten. Einer der Hauptanlässe für Motivklopapier - so erzählen Collatz und Loibl - ist die Hochzeit.

Dahinter vermuten beide aber nicht die Aussage, dass die Partnerwahl der Beschenkten ein Griff ins Klo war. Vielmehr dienten die Rollen als Verpackung für Geldgeschenke, sagt Loibl. Als zweitstärkstes Thema nennt Collatz Weihnachten. Hier diene Papier etwa mit Weihnachtsmännern, Rentieren oder Tannenbäumen sowohl zum Verschenken als auch für die Innenausstattung. "Weihnachten wird ja heute dekoriert bis ins letzte Örtchen", sagt Collatz.

Dazu passt die Einschätzung von Design-Professor Markus Frenzl von der Hochschule München: "Es geht um Ästhetisierung, Durchgestaltung - aber auch um Verkaufsförderung." Das Produkt Klopapier verliere sein Branding, sobald es aus der Verpackung ist. Mithilfe einheitlicher Motive kann sich der Kunde besser merken, welches Papier er beim nächsten Mal wieder kaufen will. Außerdem diene Klopapier wie auch Küchenrolle als Werbeplattform für andere Marken, etwa als zum Start des dritten Teils der Kinoreihe "Ich - einfach unverbesserlich" wieder Editionen mit den kleinen gelben Minions herausgebracht wurden.

Verniedlichung und Infantilisierung

Zwei andere Aspekte: "Der Toilettengang ist eines der letzten Tabus in unserer Gesellschaft", sagt Frenzl. Buntes Klopapier sei eine Form von Verniedlichung und Infantilisierung. Zum anderen gehe es generell heutzutage bei Produkten immer weniger darum, monothematisch nur deren Funktion zu verkaufen. Sondern Kunden wollten ein Erlebnis: "Die Zeit, dass Duschgel saubermacht und erfrischt, ist passé. Heute steht "sinnliche Momente" drauf. Man kauft sich keinen Joghurt mehr, der nach Erdbeere schmeckt, sondern "eine Auszeit"." So könne man sich auch mit bedrucktem Toilettenpapier "gute Momente" kaufen. Wer das besonders individuell machen will - auch das ein Trend - ist bei Karsten Ley richtig.

Der Geschäftsführer der Internetseite Mach-Mich.de bietet für zehn Euro 120 Blätter Platz für alles Mögliche. So habe eine Kundin mal eine Bewerbung für eine Werbeagentur aufs Klopapier drucken lassen, ein anderer Kunde seine Doktorarbeit. Eine Kommune habe auf den öffentlichen Toiletten Rollen verteilt mit der Aufschrift "Haltet unsere Stadt sauber" und Fans der Fußballmannschaften Borussia Dortmund und Schalke 04 würden regelmäßig bedrucktes Toilettenpapier durchs Stadion werfen - warum auch immer.

Atomkraftgegner hätten ebenfalls schon Protest von der Rolle bei ihm bestellt. Eine Enkelin habe ihrer Großmutter Klopapier mit dem Foto der Oma geschenkt, erzählt Ley. "Die Gegensätze sind das Interessante: Der eine sagt so, was er scheiße findet. Der andere meint es lieb." Vom bunten Klopapier leben können die kleinen Anbieter nicht. Es sei eher ein Randprodukt, sagt Collatz. Ihm zufolge könnten Menschen mit besonders feinem Gespür übrigens selbst im Dunkeln merken, ob sie es mit handelsüblichem weißen oder bedrucktem Papier zu tun haben: Weil der Cellulosestoff schwer zu bedrucken sei, müsse mit etwas dickerem Papier gearbeitet werden. "Deswegen ist Motivpapier nicht so flauschig", sagt er. "Aber es geht ja um den Gag, nicht um Komfort."

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