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"Beethoven hätte ein Hörgerät gebraucht"

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Tauber Musiker - "Beethoven hätte ein Hörgerät gebraucht"

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Selbst als Schwerhöriger blieb Beethoven ein Genie. HNO-Spezialist Zenner ist sich sicher: Heute könnte die Medizin Beethoven helfen. Doch das Problem der Stigmatisierung bleibe.

Beethovenstatue in Bonn
Beethovenstatue in Bonn: Dort wurde der Komponist am 17. Dezember 1770 geboren.
Quelle: dpa

heute.de: Sie haben sich mit Ludwig van Beethovens Taubheit beschäftigt. Ist das nicht unseriös? Sie konnten Beethoven doch gar nicht untersuchen!

Hans-Peter Zenner: Beethoven hat seine Erkrankung sehr präzise beschrieben. Das ist genauso aufschlussreich wie das, was Ärzte im Patientengespräch oft erfahren. Beethoven schildert 1801 in einem Brief an seinen Freund Franz Wegeler, dass er die hohen Töne nicht mehr hören kann, dass er Mühe mit dem gesprochenen Wort hat, dass er quälende Ohrgeräusche hat, dass manche Töne verzerrt ankommen. Und er reagierte überempfindlich auf Schall.

heute.de: Und was fangen Sie als Ohrenarzt damit an?

Zenner: Das sind eindeutige Symptome von Tinnitus, Hochtonverlust und Sprachverständlichkeitsverlust. Und wenn Beethoven schreibt: "Sobald jemand schreit, ist es mir unausstehlich", dann deutet das auf eine Hyperakusis (Geräuschempfindlichkeit) hin.

heute.de: Welche medizinischen Möglichkeiten hatten Ihre Kollegen vor 200 Jahren?

Zenner: Aus heutiger Sicht wurde Beethoven fast immer falsch behandelt. Ihm wurden lauwarme Donaubäder verordnet. Laut Beethoven hat das etwas geholfen. Mehr als ein Placebo-Effekt kann das aber nicht gewesen sein. Außerdem bekam Beethoven Meerrettich-Baumwolle ins Ohr gestopft und Mandelöle ins Ohr geträufelt. Auch Tee fürs Ohr wurde verordnet. Ein kleines bisschen hat ihm ein Hörrohr geholfen.

Ein Jahr lang wird der 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven in Bonn gefeiert. Ausstellungen und Konzerte würdigen das Leben des berühmten Komponisten.

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2 min
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heute.de: Wie würden Sie Beethoven heute behandeln?

Zenner: Beethoven hätte anfangs ein Hörgerät gebraucht. Wenn die Krankheit fortschreitet, würden wir ihm heute ein Mittelohrimplantat geben. Und sobald er komplett taub ist, würden wir ihm ein Cochlea-Implantat geben. Das ist ein Implantat, das elektrische Reize setzt. Mit den heutigen Möglichkeiten wäre Beethoven in der Lage gewesen, weiterhin Klavier zu spielen und öffentlich aufzutreten. Er hätte alles musikalisch Relevante und auch seine wunderbare Musik gehört.

Vor der Verleihung des OPUS Klassik zeigen drei junge Musiker, wie sehr sie das klassische Fach begeistert. Beethovens Musik sei bis heute noch aktuell und “was total Spannendes”.

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heute.de: Taubheit aufhalten oder verhindern – kann das die Forschung mittlerweile?

Zenner: Nein. Aber es gibt Tierversuche, die zeigen: Wir können die Hörsinne, die zerstört wurden, mit einer Gentherapie erneuern. Das ist aber noch etwas Zukunftsmusik.

heute.de: Wie ist Beethoven mit seiner Krankheit umgegangen?

Zenner: Relativ cool! Er meinte, zu einem Musiker würde so ein Hörverlust nicht passen und am liebsten würde er Suizid begehen. Aber Beethoven war zutiefst von seiner Genialität überzeugt und wusste: Er hat der Menschheit noch viel zu bieten. Also brachte er sich nicht um.

heute.de: Hilft Selbstbewusstsein, um mit so einer Diagnose umzugehen? Viele Menschen drücken sich aus Eitelkeit vor einem Hörgerät.

Zenner: Ich würde mir wünschen, all meine Patienten würden so wie Beethoven reagieren: selbstbewusst und spielerisch. Ich glaube aber nicht, dass es beim Hörgerät um Eitelkeit geht. Das Problem ist gravierender: Es geht um Stigmatisierung und um psychosoziale Integration! Viele Menschen befürchten, mit einem Hörgerät als Mensch mit Behinderung wahrgenommen zu werden. Manche Patienten sagen zu mir sogar: "Mit Hörgerät nimmt mich doch niemand mehr ernst."

heute.de: Spielt Eitelkeit wirklich gar keine Rolle?

Zenner: Vielleicht eine geringe. Aber vergleichen wir es mit der Brille: Eine Brille ist nichts anderes als Zeichen einer Behinderung. Nur geht es nicht ums Hören, sondern ums Sehen. Trotzdem haben wir es geschafft, die Brille positiv zu konnotieren: als Accessoire – oder als Zeichen von Belesenheit und Klugheit.

Ich kenne Menschen, die tragen Brille mit Sichtglas – aus optischen Gründen. Ich kenne aber niemanden, der ein Hörgerät als Mode-Statement trägt. Glücklicherweise werden die Hörgeräte immer kleiner und können auch im Ohr getragen werden. Bei einer ausgeprägten Schwerhörigkeit kann man das Hörgerät aber nur schwer verbergen. Frauen mit langen Haaren haben da einen Vorteil.

heute.de: Was hilft, um die Stigmatisierung abzubauen?

Zenner: Wir brauchen positive Vorbilder. Prominente, die selbstbewusst mit ihrer Schwerhörigkeit umgehen. Denn Schwerhörigkeit ist etwas Natürliches. Bei Beethoven war die spätere Entstehung des Hörverlustes bereits in jungen Jahren vermutlich angeboren, weil er hat die Schwerhörigkeit ja schon mit 28 Jahren gehabt. Und im Alter ist Schwerhörigkeit sowieso normal.

heute.de: Hatten Sie schon einmal einen Patienten à la Beethoven – also einen Musiker, der um seine berufliche Zukunft bangt?

Zenner: Schon oft! 20 Prozent aller Deutschen sind schwerhörig, entsprechend dürften auch 20 Prozent aller Berufsmusiker schwerhörig sein. Gerade manche Orchestermusiker leiden unter dem Lärm der Blechbläser. Besonders die Streicher, wenn sie vor den lauten Trompeten sitzen. Deswegen haben viele Orchestergräben transparente Schallschutzwände. Da der Schall nach oben wandert, ändert sich fürs Publikum nichts. Die Musiker sind aber weniger Lärm ausgesetzt.

Das Interview führte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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