Sie sind hier:

Nördlichste Surfschule der Welt - Die perfekte Welle am Polarkreis

Datum:

Ein Cover der Beach Boys, ein kreativer Norweger und der Golfstrom - fertig ist die nördlichste Surfschule der Welt. Auf den Lofoten können die Wellen bei "Unstad Arctic Surf" das ganze Jahr geritten werden. Manchmal sogar mit Walbegleitung.

Nichts für Weicheier: Das Wasser an der Küste der Lofoten hat knackige zwölf Grad. Die Surfer der wohl nördlichsten Surfschule schreckt das nicht ab – und da sind sie nicht alleine.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Es sind beklemmende Momente - die Fahrt durch den 640 Meter langen Tunnel ins Unstad-Tal macht noch einmal deutlich: Auf Norwegens Lofoten ist man am äußersten Zipfel Europas unterwegs. Die Fahrbahn: Kaum breit genug, dass sich hier Fahrzeuge begegnen können. Wir haben Glück, kein Wohnmobil oder breiter Pickup kommt uns in dieser kurvigen Röhre entgegen - die Schrammen an den Tunnelwänden zeigen, dass es nicht immer so flutscht.

Henner Hebestreit
Henner Hebestreit, ZDF-Studio Skandinavien

Dann haben wir es geschafft - wie ein Keil öffnet sich das Tal zum Meer. Erste Häuser säumen den Straßenrand, es werden mehr, schließlich erreichen wir eine Gruppe von Gebäuden, vor denen Fahnen flattern: Wir haben die Surfschule von Unstad erreicht. Die Ansammlung unterschiedlichster Bauwerke zeigt, dass hier den schnell steigenden Gästezahlen eilig hinterher gezimmert wurde: Die Holzterrasse vor dem Haupthaus scheint eben erst fertig gestellt zu sein, für einen Anstrich war offenbar noch keine Zeit oder ist es die Patina, die fehlt?

Vulkan in der stillen Surf-Bucht

Drumherum ein Sammelsurium unterschiedlichster Holzbaracken - eine vieleckige Hütte erinnert an eine Jurte - vielleicht eine Sauna? Weiter hinten Blockhäuser und kleine Schuppen, Schilder weisen auf ein WC. Was auffällt sind über ein Dutzend breitreifiger Fahrräder mit seitlichen Aufhängungen für große Bretter - wir sind bei "Unstad Arctic Surf" angekommen: Die Tür vom Haupthaus wird aufgerissen und Marion Frantzen kommt geradezu heraus geflogen. Man mag sich Surferinnen anders vorgestellt haben, aber unsere Gastgeberin ist ein Temperamentsbündel, ein Vulkan in dieser stillen Bucht.

"Willkommen in unserer Lodge", dröhnt es uns mit tiefer Stimme auf Englisch entgegen. "Entschuldigt das Chaos, wir haben ein wenig renoviert aber jetzt sind wieder so viele Gäste da, die haben erstmal Vorrang." Sie wirbelt an uns vorbei und führt uns hinter eine Plexiglaswand auf eine Terrasse zwischen zwei Schuppen - aufgereiht stehen dort zahlreiche gelbe Bretter für die Wellenreiter. Marion versichert uns, dass für Surfer jedweden Könnens genug Equipment bereit steht. "Hier in Unstad führen wir die nördlichste Surfschule der Welt", sagt sie stolz.

Surfen das ganze Jahr

Und dass man auch abseits vom Wellenreiten das Leben hier genießen könne: Natur, Nordlicht, Ski- und Snowboardtouren, langweilen müsse man sich hier nicht, wirbt sie für die Unstad-Bucht. Langweilen wäre bei Übernachtungspreisen auf dem Niveau norwegischer Großstadthotels allerdings auch ein zweifelhafter Luxus. Surfen kann man hier das ganze Jahr - der Golfstrom sorgt am Rande des Polarkreises für dauerhaft angenehme Wassertemperaturen, ein entsprechend dicker Neoprenanzug vorausgesetzt.

Marion betreibt die Surfschule gemeinsam mit Tommy Oskar Olsen. Ihn treffen wir am Strand - und wissen jetzt auch diese dick bereiften Fahrräder zu schätzen - die knapp zwei Kilometer lange Distanz zum Wasser verlieren darauf ihren Schrecken - und wer geschickt ist, kann auch sein Sportgerät darauf transportieren. Tommy ist schwer beschäftigt.

Von Unstad in die ganze Welt

Karte Norwegen - Lofoten
Karte Norwegen - Lofoten Quelle: ZDF

Er moderiert gerade seinen alljährlichen Surfwettkampf. Die "Unstad Arctic Masters" werden live im Internet übertragen. Mit einem Kollegen sitzt Tommy in der Bretterbude mit bestem Blick über Strand und Wellen und kommentiert unablässig das sportliche Geschehen. Der Zeitplan ist durcheinander gewirbelt worden - ausgerechnet am ersten Wettbewerbstag war das Meer so glatt wie ein grünblauer Spiegel.

Erst am Abend kam Bewegung ins Wasser und so starteten sie am Tag unseres Besuchs schon vor 7 Uhr mit dem ersten Tageslicht den Wettkampf. "Das Wetter wird manchmal eine Herausforderung. Plötzlich kann ein Sturm aufziehen und dann wird es schon schwierig die eigenen Pläne durchzuziehen. Aber das verstehen die Leute, die hier zum Urlaubmachen herkommen", sagt uns Tommy in einer kurzen Pause - und ist gerade dabei zu erzählen, dass man es hier ja viel stiller und ruhiger habe als an den Surfspots in Australien, als die Menge am Strand unruhig wird:

Surfen zwischen Walen und Robben

Eine große schwarze Finne ragt plötzlich aus dem Wasser, kaum fünf Meter vom Ufer entfernt. Fotoapparate klicken, einige rennen hinunter ans Wasser, um den Orca zu filmen, der hier plötzlich den Wettbewerb stört. Ein Surfer, es ist Marions Sohn, in rotem Dress, reißt vor Schreck die Arme hoch und vergeigt seinen Wellenritt: Der Orca ist nicht allein, hat noch einen weiteren Schwertwal neben sich und ein Jungtier. Zu dritt pflügen sie durch die Wellen. Nach einer Sekunde begreift Tommy was vor sich geht, verabschiedet sich knapp und rennt zurück an sein Mikrofon, um der Welt im Web zu verkünden: Nix sei unmöglich in Unstad, sogar Orcas könne man hier bewundern.

Marions Begeisterung hält sich in Grenzen: "Bislang dachten wir, die Orcas hier oben seinen Fisketarier, also reine Fischfresser. Im Sommer aber sind Videos aufgetaucht, auf denen zu sehen ist, wie sie Robben angreifen …" Gezielte Angriffe auf Menschen sind nicht bekannt, doch von Haien ahnt man zu wissen, dass es ihnen manchmal schwer fällt, einen paddelnden Surfer auf seinem Brett von einer Robbe zu unterscheiden. Jedenfalls ist sie froh, dass Sohnemann den Wettbewerb ohne Walkampf beendet hat - auch wenn er gerne noch das Halbfinale erreicht hätte.

Ohne die Beach Boys kein Surfbrett

Es war Marions Vater, der das Surfen auf die Lofoten gebracht hat. 1963 hatte er den Sport als Seemann in Australien kennengelernt. Kaum zurück in der Heimat wollte er die Wellen vor seiner Haustür reiten, doch gab es in dieser abgelegenen Gegend kein Surfbrett. Also bastelte er sich sein eigenes Brett. "Das ging nach der Try-and-Error-Methode", erklärt uns Marion.

Wir stehen im Wohnzimmer der Surflounge vor dem selbstgebauten Board von damals. "Der Schaumstoff hier drinnen war mal das Isoliermaterial im Kühlschrank meiner Oma", grinst sie. "Damals gab’s ja kein Internet und keine Zeitschriften, mein Vater wusste gar nicht so genau, wie er das bauen sollte. Aber er fand eine LP von den Beachboys, auf dem Cover standen die Jungs an einem Jeep und klammerten sich an ein Surfboard - das hat er dann als Vorlage genommen."

Das Cover des "Surfin‘ Safari"-Albums der blutjungen Beachboys hat in Marions Surf Lounge neben dem alten Board einen Ehrenplatz bekommen. Ein wenig andächtig stehen wir vor diesem 54 Jahre alten Sportgerät - mutmaßlich einem der ersten Surfbretter in Europa. "Mein Vater und sein Freund Hans-Egil hatten das Brett sicher die meiste Zeit auf dem Autodach, um den Mädchen zu importieren", lacht Marion und lässt uns staunend stehend. Sie muss jetzt das Essen bereiten für die Surfer. Auf den Tisch kommt Waleintopf.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.