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Beijing Bikini und die Last der Männer

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Die erste Woche China - Beijing Bikini und die Last der Männer

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Wenn Männer ihr T-Shirt auf dem Bauch ablegen, das TV manchmal schwarz wird und das Ampel-Grün nichts wert ist, dann ist man in Peking. Unser Korrespondent mit ersten Eindrücken.

Menschen überqueren eine Straße in Peking, China
Im Verkehr offenbart sich Anarchisches: Rot ist für Chinas Autofahrer nur eine Farbe, ein Angebot.
Quelle: reuters

Der Mann Mitte 50 ist ja wohl die Krone der Erschöpfung, und viele dieser Gattung glauben, bedroht zu sein. Nun wohl auch in China. Was auf den ersten Blick verwundert. Denn schaut man sich die oberste Machtinstitution an, das Politbüro, dann sieht man doch eher Herren im gesetzten Alter.

Sie haben ein ständiges Bestreben, ihr Volk zu erziehen. Wie sagte der große Steuermann Mao einst: Das chinesische Volk sei wie ein weißes Blatt Papier, auf das sich die schönsten Zeichen malen ließen.

Gut für die inneren Organe, aber nicht gut fürs Auge

Ich weiß nicht, wie das Zeichen für "Beijing Bikini" aussieht, aber ich habe in der ersten Woche in China gelernt, was ein "Beijing Bikini" ist. Meistens ältere Männer tragen ihn, wenn ihnen im Sommer zu heiß wird. Sie ziehen dann ihr T-Shirt hoch und legen es auf dem runden Bauch ab, um ihn zu kühlen. Nach traditioneller, chinesischer Medizin soll das gut für die inneren Organe sein.

Einem Organ schadet der "Beijing bikini" aber, zumindest wenn man den chinesischen Autoritäten glauben darf. Gemeint ist das Auge - Chinas starke Männer wollen das öffentliche Entblößen verbieten.

Chinas starke Männer lieben die Ordnung

Die Machthaber lieben die Ordnung. Und wie immer werden Verbote ausgesprochen, um die Menschen vor sich selbst zu schützen. Ständig ermahnt die Obrigkeit, nicht zu drängeln, nicht zu spucken, nicht beim Essen zu schlürfen und nicht bei Rot über die Straße zu gehen.

Schon nach der ersten Woche merke ich, dass die wohl permanent gepredigten Regeln gehört, aber wohl nicht befolgt werden. Das Klischee der Armee der Ameisen, das den Chinesen anheftet, ist eben beim genaueren Hinsehen nur ein Klischee. Und nicht nur, weil Peking so bunt und lebhaft wie jede andere Weltstadt vor meinen Augen flimmert.

Rote Ampel - nur ein Angebot

Gerade im Verkehr offenbart sich das Anarchische des chinesischen Volkscharakters. Rot ist nur eine Farbe, ein Angebot. Spätestens als ich als Fußgänger über die grüne Ampel ging und fast von einem Auto überfahren wurde, habe ich das verstanden. Du musst also vorsichtig sein. Falls es doch passieren sollte, lass es bitte keine der vielen deutschen Automarken sein. Deutscher Journalist von deutschem Auto erfasst - wegen solcher Schlagzeilen kommt man nicht nach China.

Überhaupt die Schlagzeilen der ersten Woche. Neun Jahre habe ich für das ZDF aus den USA berichtet, nun lebe ich die nächsten Jahre in Peking und blicke von der einen Weltmacht auf die andere. Die Idee meines Arbeitgebers: Den Kampf der Systeme zu beobachten.

Wenn der Staat den schwarzen Kanal einstellt

Ziemlich schnell stellt man in Peking fest: Die Welt, die wir lieben, die Freiheit, ist bedroht. Die Auftritte von US-Präsident Trump auf dem G20-Gipfel und in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea hatten etwas Operettenhaftes - vor allem sein "Speed Dating" mit Kim Jong Un, dem kleinen gemeinen Diktator aus Nordkorea. Trump händchenhaltend mit Kim durch die Geschichte tanzend - das erfreut wiederum den großen Mann in Peking. Menschenrechte, Demokratie, Freiheit spielen bei Trump keine erwähnenswerte Rolle.

Deshalb hatte der chinesische Präsident Xi Jinping auch eine gute Woche. Er braucht sich nicht zu fürchten, dass der US-Präsident ihn deshalb im Vier-Augen-Gespräch auf dem G20-Gipfel ermahnt.

Wie gut die Woche für Chinas mächtigsten Mann war, erkenne ich daran, wie oft mein Fernseher in meinem Büro Schwarzbild zeigt. Das muss ich erklären. Aus alter Gewohnheit schaue ich immer noch CNN. Als sie endlich ein Stück über den Freiheitskampf in Hongkong und die Schlacht der Demonstranten gegen die Sicherheitskräfte brachten, wurde mein Bildschirm plötzlich schwarz. Ich war verwirrt und wollte schon einen Techniker im Studio rufen. Anfängerfehler - verantwortlich ist der chinesische Staat, der hier, wann immer ihm etwas nicht passt, den schwarzen Kanal organisiert.

Trumps Auftritte  benötigen keine propagandistische Begleitung: Seine Liebeserklärungen an Xi und Kim hübschen die totalitären Systeme auf, sein Nicht-Erwähnen von Menschenrechten macht es ihnen leicht. Trumps Auftritte gibt es immer in Farbe und Vollbild.

Pekings Modernität blendet

Überhaupt das Leben in einem "Big Brother"-Staat. Ehrlich gesagt, habe ich das nicht gleich gespürt. Peking ist auf den ersten Blick so modern mit seinen Hochhäusern und seinen Einkaufszentren, in denen die ganzen westlichen Edelmarken zu kaufen sind. Schnell wird einem bewusst, wie stark unser Wohlstand am Tropf des chinesischen Konsums hängt. Irgendwie absurd. Unsere Art zu leben, ist abhängig vom "Chinese Way of Life", dessen Werte unsere wiederum bedrohen.

Blick auf die Skyline von Peking
Peking ist auf den ersten Blick so modern, lebhaft und bunt wie jede andere Weltstadt.
Quelle: reuters

Lässt man sich aber nicht blenden von Chinas Wirtschaftserfolg, fängt man an, das Preisschild zu erkennen. Wir zum Beispiel leben in einem Diplomaten-Viertel. Sehr schön. Sehr bequem. Alles modern und die uns bekannten technischen Raffinessen sind gut versteckt. Wie sagte ein Kanadier, den ich auf dem Gelände traf: "Sie müssen davon ausgehen, dass Sie in Ihrer Wohnung abgehört werden. Vielleicht sogar gefilmt. Aber wer weiß das schon."

Ich lachte verlegen. Seitdem schauen meine Frau und ich auf unser Leben in unserer Wohnung mit anderen Augen. Wir sind ja irgendwie für Deutschland hier - und leider unordentlich. Und überhaupt: Ich entschuldige mich schon mal im Voraus bei dem Chinesen, der sich unser Leben ansehen muss. Dagegen ist der "Beijing Bikini" das reinste Vergnügen.

Ulf Röller ist Leiter des ZDF-Studios Peking.

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