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Beipackzettel - Statt Risiken und Nebenwirkungen nur Fachchinesisch

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Lang, unverständlich, kompliziert: Beipackzettel werden kaum gelesen. Das soll sich ändern, sagt die EU. Saarbrücker Wissenschaftler forschen am patientenfreundlichen Beipackzettel. Auf den Beipackzettel aus Papier wollen sie noch nicht verzichten.

Beipackzettel sind schwer zu lesen und für den Patienten kaum verständlich. Die Schrift ist zu klein, und die Texte sind mit Fachausdrücken gespickt. Dabei sollen sie gerade den medizinischen Laien mit Informationen versorgen. Aber das werde oft nicht erreicht, sagt Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes. Beipackzettel würden Patienten verunsichern, was sogar zum Abbruch einer Therapie führen könne.

"Schwieriger als medizinische Fachartikel"

Es gebe Medikamente, deren Packungsbeilagen seien schwieriger zu verstehen als ein medizinischer Fachartikel, sagt Lehr. Die Ursachen liegen in gesetzlichen Vorgaben, die die Arzneimittelhersteller zu erfüllen haben. Zudem wollen sich die Hersteller gegen Klagen ihrer Kunden absichern. So entstehen Texte, die am Patienten oft völlig vorbeigehen.

Auch die EU-Kommission hat das Problem erkannt. Verständlichkeit und Lesbarkeit von Beipackzetteln müssten verbessert werden, heißt es in einem Kommissionsbericht vom März dieses Jahres. Zudem soll untersucht werden, wie elektronische Medien künftig eingesetzt werden könnten, um Beipackzettel im Interesse der Patienten zu verbessern.

Virtuelle Beipackzettel aus dem Netz

Hierzulande sind Beipackzettel schon jetzt über Suchportale wie Beipackzettel.de  online abrufbar. Doch die Suche hat Tücken, wenn sich die Namen von Medikamenten desselben Herstellers nur unwesentlich unterscheiden - so etwa lediglich durch die Angabe der Wirkstoffkonzentration oder wie das Medikament verabreicht wird, ob zum Beispiel als Saft, Film- oder Retardtablette. Der Nutzer muss genau aufpassen, um nicht aus Versehen den falschen Beipackzettel zu erwischen.

Wie man das Problem nutzerfreundlich lösen kann, zeigen Smartphone-Apps wie "Apotheke vor Ort". Die App enthält einen Scanner, mit dem man den Barcode, der auf jeder Medikamentenpackung zu finden ist, leicht einlesen kann. Anschließend wird man mit einer Datenbank verbunden, die Informationen über das Arzneimittel enthält und am Smartphone einen virtuellen Beipackzettel erzeugt.

In der Kürze liegt die Würze

Auch für den virtuellen Beipackzettel gilt: Der Nutzen für den Patienten steht und fällt mit seiner Verständlichkeit. Wie man Beipackzettel grundsätzlich verständlicher abfassen kann, hat Thorsten Lehr von der Uni des Saarlandes in einer Studie untersucht. Sein Fazit: Wenn man den Patienten direkt anspricht, die Sätze vereinfacht, wenig Fremdworte benutzt und diese erklärt, werden die Beipackzettel in der Regel auch besser verstanden.

Es bleibt das Problem, dass viele Patienten die langen Texte nicht vollständig lesen. In einer weiteren Studie hat Lehr deshalb die Beipackzettel für zwei Medikamente zu Kurzfassungen verdichtet - ähnlich den Kurzanleitungen, die man von Elektrogeräten her kennt. Kurzfassung und herkömmlicher Text wurden an Testpersonen verteilt. Anschließend wurden Fragen zum Inhalt gestellt. Das Ergebnis: Mit Hilfe der Kurzversion beantworteten die Teilnehmer die Fragen schneller. Zudem gab es erheblich weniger falsche Antworten.

Noch kein Verzicht auf Beipackzettel aus Papier

Lehr zufolge könnten solche kurzgefassten Beipackzettel den Packungen zusätzlich zur gesetzlich vorgeschriebenen Langversion beigelegt werden. Das ginge natürlich auch online. Auf die gedruckte Packungsbeilage aus Papier könne man zugunsten eines rein virtuellen Beipackzettels zurzeit jedoch noch nicht verzichten, meint Lehr. Die meisten Medikamente würden Patienten verordnet, die 65 Jahre und älter seien, und die Verwendung von Smartphones sei in dieser Generation noch vergleichsweise gering.

"Dies wird sich aber sicherlich durch die Alterung der heutigen Smartphone-affinen Generation im Laufe der Zeit ändern", sagt Lehr. Der virtuelle Beipackzettel werde die gedruckte Information dann ergänzen und gegebenenfalls sogar ersetzen. Es sollte deshalb bereits heute nach innovativen Lösungen und Umsetzungen für virtuelle Beipackzettel gesucht werden.

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