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"Belamy"-Porträt - Pariser KI-Kunst und der Code zum Erfolg

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Die Pariser Künstlergruppe Obvious hat sich der Künstlichen Intelligenz (KI) verschrieben, und das recht erfolgreich. Aber wenn Computer Bilder malen - wo bleibt dann der Künstler?

Ein Porträt, welches mit Hilfe von Algorithmen erstellt worden ist
Ein Porträt, das mit Hilfe von Algorithmen erstellt worden ist.
Quelle: ZDF/Ulrike Koltermann

Am Kühlschrank hängt eine Liste mit Koch-Ideen, an der Wand ein Porträt im Stil eines Alten Meisters im verschnörkelten Goldrahmen. Die Wohnküche ist nur durch einen schwarzen Vorhang von einem der Schlafzimmer getrennt. Im Flur stapeln sich Dutzende Sportschuhe. Der Dreier-WG von Pierre, Hugo und Gauthier - alle Mitte 20 - in der Nähe des Pariser Nordbahnhofs sieht man nicht auf den ersten Blick an, dass sie Keimzelle einer faszinierenden und hochaktuellen Technologie ist.

Die drei Jugendfreunde haben sich zusammengetan, um mit künstlicher Intelligenz zu experimentieren – und das mit grandiosem Erfolg. Mit einem von Algorithmen geschaffenen Porträt eines jungen Mannes haben sie bei einer Versteigerung in New York im vergangenen Oktober mehr als 400.000 Dollar erzielt.

"Davon haben wir uns erstmal das Sofa hier gekauft", sagt Pierre Fautrel und lehnt sich zufrieden in dessen Kissen. "Aber den Rest investieren wir in Obvious", fügt er hinzu. Obvious ist der Name ihrer Firma, die sie nach dem Jackpot bei Christie’s schnell gegründet haben, weil eine WG für eine solche Summe kein geeigneter Empfänger schien.

Wer das Porträt mit dem Titel "Edmond de Belamy" gekauft hat, wissen sie nicht. "Für jemanden, der die Geschichte nicht kennt, scheint es völlig verrückt, für einen gerahmten Ausdruck einer Bilddatei einen solchen Preis zu zahlen", meint Hugo Caselles-Dupré.

Aber Künstliche Intelligenz sei nun mal ein Thema, das viele Menschen bewege, weil es die menschliche Natur berühre. "Vielleicht hat sich der Käufer gesagt, das ist ein wichtiger Moment in der Geschichte, und daran will ich teilhaben", sagt Pierre.

Das Porträt, das über dem neuen Sofa hängt, ähnelt dem, das bei Christie’s versteigert wurde. Signiert ist es - so wie auch "Edmond de Belamy" - mit einer handgeschriebenen Zeile aus dem Programmcode, ein Wirrwar aus Zahlen, Buchstaben, runden und eckigen Klammern. "Auch eine Belamy", erklärt Hugo grinsend. "Wir haben insgesamt elf Porträts geschaffen, und die meisten sind inzwischen verkauft."

19-Jähriger aus USA lieferte den Algorithmus

Und wie bringt man einen Computer dazu, einen alten Meister nachzuahmen? "Wir wollten ein Porträt schaffen, also haben wir eine Datenbank mit 15.000 Porträtbildern vom 14. bis 20. Jahrhundert gefüllt", erklärt Hugo. Was dann passiert, kann man sich als Kampf zweier Netzwerke vorstellen: Das eine versucht, ein möglichst überzeugendes Porträt zu erschaffen. Und das andere versucht, die Werke als Fälschung zu entlarven.

Pierre Fautrel, einer der Mitgründer der Pariser Künstlergruppe Obvious, vor einem der Porträts, die Obvious mit Hilfe von Algorithmen geschaffen hat
Pierre Fautrel vor einem der Porträts
Quelle: ZDF/Ulrike Koltermann

"Es ist ein ständiges Hin und Her, wie zwischen einem Professor und einem Studenten. Und irgendwann ist der Student so gut, dass der Professor nicht mehr erkennen kann, ob das Porträt von einem Menschen oder einer Maschine geschaffen wurde", erklärt Pierre.

Anders als bei einem Ölgemälde eines echten Meisters hat "Edmond de Belamy" nicht nur einen Erzeuger, sondern eine ganze Reihe. Da ist zum einen Ian Goodfellow, ein US-Informatiker, der die selbstlernenden  Netzwerke (GAN) erfunden hat. "Belamy", die französische Übersetzung von Goodfellow, ist eine Hommage der drei Pariser an ihn.

Und genau den Algorithmus, der zum Bilder malen taugt, den hat wiederum der 19 Jahre alte Robbie Barrat aus West Virginia erarbeitet. Und der war höchst perplex, als Obvious mit einem Bild, das dank seiner Vorarbeit entstanden war, plötzlich bei Christie's abräumte.

Obvious: Monet malte nicht genug für eine Datenbank

"Er hatte uns erlaubt, seinen Code zu benutzen", betont Hugo. "Für uns geht es auch nicht darum, wer was gemacht hat", ergänzt Pierre. Obvious verstehe sich als eine Künstlergruppe, die die von einem Algorithmus erschaffene Bilddatei gedruckt, gerahmt und signiert habe - insofern seien die Belamy-Porträts eben ihre eigene Schöpfung.

Die Frage, ob Algorithmen künftig menschliche Künstler überflüssig machen, beantworten die jungen Pariser mit einem nachsichtigen Lächeln. "Dieselben Vorwürfe, die man der künstlichen Intelligenz heute macht, hat man damals den Fotokameras gemacht: Sie seien nur für Spezialisten, sie machten die Künstler überflüssig, und das Ergebnis sei unscharf", sagt Pierre. Und heute sei Fotografie eine Kunstform neben anderen - und Künstler gebe es auch immer noch.

"Unser Werk wurde ja nicht von einer Maschine geschaffen, sondern mit Hilfe einer Maschine. Das ist ein großer Unterschied", betont er. Als nächstes will sich das Trio an asiatische oder afrikanische Kunst - oder auch an Skulpturen versuchen. Von dem Gedanken, einen neuen Monet zu schaffen, habe man sich verabschiedet. "Der hat einfach nicht genug gemalt, um eine Datenbank zu füllen."

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