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Haft für Bengalos im Stadion? - "Man muss die Kirche im Dorf lassen"

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Pyrotechnik im Stadion ist verboten, beim Zünden von Bengalos drohen Stadionverbot und Bußgeld. Hessens Innenminister bringt eine Haftstrafe ins Spiel. Die Fanszene ist empört.

Archiv: Pyrotechnik beim Fußball - Dynamo Dresden gegen Erzgebirge Aue am 19.10.2018
Pyrotechnik beim Fußball wird zum Zankapfel.
Quelle: dpa

Der hessische Innenminister Peter Beuth fordert Mindeststrafen von einem Jahr Haft für das Abbrennen von "Bengalos" in Stadien. Bisherige Strafen seitens der Vereine wie Stadionverbote oder Bußgelder der Behörden hätten bei den gewaltbereiten Fans in Stadien keine Verhaltensänderung bewirkt. Beuth will nun mit den Innenminstern der Länder über härtere Strafen beraten.

Für höhere Strafen müsste das Sprengstoffgesetz geändert werden. "Nur, weil rücksichtslose Chaoten das Abfackeln von Pyros zu einem Kulturgut erklären, darf doch der Staat nicht ein Auge zudrücken und sie gewähren lassen", sagt Beuth. Er sieht in der Strafverschärfung auch einen präventiven und abschreckenden Ansatz. "Eine Gefängnisstrafe spricht eine eindeutige Sprache und soll ein weiteres Instrument sein, um für Sicherheit und Ordnung im Stadion zu sorgen."

Fan-Anwalt: Ein Jahr Haft "völlig unverhältnismäßig"

Fan-Initiativen kritisieren jedoch den Vorstoß des hessischen Innenministers. Der Berliner Fan-Anwalt René Lau etwa bewertet die Diskussion um Pyrotechnik anders: "Das gehört zur Fankultur", sagt er. Ein Jahr Haft für jemanden, der Bengalos zünde, sei völlig unverhältnismäßig. Dazu solle der Minister einmal im Strafgesetzbuch blättern. "Minister Beuth oder sein Kollege Reul würden auch Wunderkerzen verbieten", kritisiert er die Innenminister aus Hessen und Nordrhein-Westfalen. "Man muss die Kirche im Dorf lassen."

Fans im Stadion an der alten Försterei, Fußball 2. Bundesliga Saison 2018/2019
Unterschiedliche Fans und Bedürfnisse.
Quelle: imago/Sebastian Wells

Von denjenigen, die die auch jetzt schon klar verbotene Pyrotechnik nutzten, beabsichtige ja keiner, sein Umfeld zu verletzen. Laut Rau habe es im Verhältnis wesentlich weniger Verletzungen durch Bengalos gegeben, als etwa durch Nutzung von Pfefferspray seitens der Polizei. Fans, die Bengalos verwenden, würden dies sehr bewusst und umsichtig tun. so Lau. "Sie wollen ja auch nicht ihre umstehenden Freunde verletzen."

Kontrollierte Pyrotechnik im Stadion?

Natürlich fänden nicht alle Pyrotechnik im Stadion gut. Das könne aber nicht der Maßstab sein. "Es finden nie alle alles gut", sagt Lau. So seien etwa auch Lieder oder Kleidung von Fans im Stadion individuell geprägt.

Zur Lösung des Konflikts hat Lau zwei Vorschläge: Eine Möglichkeit sei, Bereiche im Stadion abzutrennen, in denen man "kontrolliert harte Pyrotechnik abfackeln" könne. Dazu sollte man Gespräche zwischen den Verantwortlichen von Behörden und Fußball über eine begrenzte Legalisierung wieder aufnehmen, die es schon einmal gab. "Da sind der DFB und die Verbände gefragt."


Wenn das nicht umzusetzen sei, müsse man "eine Stufe runter gehen", und es mit "kalter Pryrotechnik" - also Bengalos, die 200 bis 300 Grad heiß werden - versuchen. "Wenn sich alle an einen Tisch setzen, dann kann es Lösungen geben", ist Lau überzeugt.

Jochen Grotepaß von der Fan-Interessengemeinschaft "Unsere Kurve" fordert ebenfalls die Rückkehr zu Verhandlungen. Man dürfe "auf keinen Fall zu solch populistischen Maßnahmen wie Gefängnisstrafen" greifen. Grotepaß bestätigt, dass es vor einigen Jahren Gespräche gegeben habe, diese seien aber vom DFB abgebrochen worden. In Ländern wie Österreich gebe es nach Verhandlungen dagegen "kontrollierte Aktionen" mit Bengalos. "Ich frage mich, warum das in Deutschland nicht möglich ist", sagt Grotepaß. "Die Fronten sind sehr verhärtet." Er hofft, dass durch die kalte Pyrotechnik wieder Bewegung in die Diskussion komme.

Minister: Es gibt keine "kalte Pyrotechnik"

Archiv: Peter Beuth (CDU), aufgenommen am 27.02.2018 in Wiesbaden
Peter Beuth fordert strengere Strafen für die Nutzung von Bengalos in Stadien.
Quelle: dpa

Für Innenminister Beuth dagegen macht es keinen Unterschied, ob die Pyrotechnik 1.000 Grad oder "nur" 300 Grad heiß wird. Er freue sich zwar darüber, dass er eine Diskussion angestoßen habe, ärgert sich aber über die Verharmlosung. "Ich warne aber ausdrücklich davor, jetzt eine Debatte über gute und schlechte Pyrotechnik zu führen. Es gebe keine "kalte" Pyrotechnik", sagt Beuth. "Auch 200 oder 300 Grad heiße Fackeln sind brandgefährlich für jeden Stadionbesucher und können zu Verletzungen führen. Deshalb sind sie auch zu Recht verboten."

So könne es etwa bei großen Menschenansammlungen Brand- und Rauchgasverletzungen oder Knalltraumata geben. Daher dürfe auch die "kalte Pyrotechnik" nach polizeilicher Bewertung in Stadien nicht zum Einsatz kommen. Der diesjährige Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht, unterstützt den Vorstoß aus Hessen nach schärferen Strafen.

Fan-Sprecher Grotepaß will jetzt erst einmal die Konferenz abwarten. Im Vorfeld werde "immer gerasselt". Man müsse abwarten, ob wirklich Gesetze folgen. Aber dann müsse die Verhältnismäßigkeit stimmen. Schon jetzt sei die Identifizierung von vermeintlichen Tätern im Stadion und der Umfang der Ermittlungen ein großes Problem in der Strafverfolgung. Oftmals würden daher Verfahren eingestellt. Seiner Meinung nach solle es daher erstmal dabei bleiben, Täter zu identifizieren, die Tat als Ordnungwidrigkeit zu behandeln und zu bestrafen.

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