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Gedenken in Berlin - "Anschlag wird uns noch lange beschäftigen"

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Vor genau einem Jahr erreicht der Terror Berlin. Zwölf Menschen sterben, Dutzende werden verletzt. Nichts, "was wir einfach beiseite schieben können", sagt Bischof Markus Dröge.

Der Schmerz der Opfer ist nicht vergessen, sagt der evangelische Bischof Markus Dröge.

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heute.de: Sie werden bei den Gedenkveranstaltungen heute sprechen. Was ist Ihre Botschaft ein Jahr nach dem Anschlag?

Markus Dröge: Wir wollen vor allem den Angehörigen der Opfer deutlich machen, dass wir zu ihnen stehen und nicht vergessen haben, was geschehen ist. Ich selbst habe im Mai mit ihnen gesprochen und habe gespürt, wie zutiefst sie erschüttert sind. Die, die Angehörige verloren haben, und die, die das Schreckliche miterlebt haben. Und so geht es uns allen noch ein Jahr später. Der Anschlag ist nichts, was wir einfach beiseite schieben können. Er wird uns noch lange beschäftigen. Natürlich werde ich aber auch ein Wort des Trostes sagen.

heute.de: Was kann Angehörige in dieser Situation trösten?

Dröge: Das Gedenkzeichen, das eröffnet wird, ist ein tröstliches Symbol: Ein Riss, der durch die Stufen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche geht. Er wird gefüllt mit einem goldenen Metall. Dazu lesen wir ein Wort des Propheten Jesaja: "Es soll nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind." Es gibt Hoffnung, dass uns die Dunkelheit der Trauer nicht dauerhaft bestimmen muss.

heute.de: Momentan hat man eher den Eindruck, dass der Zorn der Angehörigen die Trauer bestimmt. Können Sie verstehen, dass die Bundeskanzlerin und der Regierende Bürgermeister so spät persönlich kondoliert haben?

Dröge: Ich habe alles damals sehr nah mitbekommen. Unsere Notfallseelsorger haben viel Dank erfahren, dass sie den Menschen schnell geholfen haben. Es gab danach natürlich Schwierigkeiten. Ich habe mit Angehörigen gesprochen, die nicht wussten, ob ihr Sohn noch lebt und ein Krankenhaus nach dem anderen abtelefonieren mussten. Das geht so natürlich nicht, da muss es eine zentrale Anlaufstelle geben. Es gab die ganzen Probleme mit Versicherungen und was wem an Unterstützung zusteht, auch da muss es zentrale Hilfe geben. Das ist jetzt alles aufgearbeitet worden. Wir mussten als Gesellschaft erst lernen, wie wir damit umgehen.

heute.de: War der Gedenkgottesdienst am Tag nach dem Anschlag mit der Staatsspitze zu früh, weil mancher Angehörige noch gar nicht wusste, dass er betroffen ist?

Dröge: Ich glaube nicht, dass er zu früh war. Man kann mit einem Gottesdienst nicht alle Bedürfnisse unterschiedlicher Zielgruppen erreichen. Das weiß ich aus meiner Erfahrung als Gemeindepfarrer. Dieser öffentliche, interreligiöse Gottesdienst am Tag danach war wichtig, um in der Öffentlichkeit zu zeigen: Wir stehen als Gesellschaft gegen den Hass, der uns spalten will, zusammen. Es war aber noch nicht die Zeit, um mit den Angehörigen die Trauer wirklich zu teilen. Das kam erst später.

heute.de: Sie haben in diesem Gedenkgottesdienst gesagt: Die Kraft der Versöhnung ist stärker als der Hass. Ein Jahr danach hat man eher den Eindruck, die Spaltung ist noch schlimmer geworden: Die vielen Pannen, den Attentäter zu fassen, haben die Stimmung gegenüber Flüchtlingen noch ablehnender gemacht, die AfD sitzt mit gut 90 Abgeordneten im Bundestag.

Dröge: Ich habe meine Predigt damals daran festgemacht, dass die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ein Zeichen der Versöhnung ist. Seit dem Zweiten Weltkrieg steht sie dort als Ruine und zeugt davon, was Hass anrichten kann. Das ist die Botschaft, die wir gegen alle Tendenzen, die Gesellschaft zu spalten, verkünden müssen. Wenn wir uns auseinander dividieren lassen, dann haben diejenigen, die Terror ausüben, erreicht, was sie wollen. Es steht immer noch eine ganz, ganz breite Mehrheit hinter dieser Botschaft, die Hass nicht mit Hass beantworten und eine freiheitliche Gesellschaft wollen. Das Engagement in unseren Gemeinden für Flüchtlinge ist nicht geringer geworden. Natürlich gibt es aber auch die anderen Kräfte.

heute.de: Haben diese die Spaltung verstärkt im vergangenen Jahr?

Dröge: Ich beobachte, dass die Konflikte stärker ausgetragen werden. Rechtspopulistische Meinungen werden deutlicher artikuliert, also müssen wir uns auch deutlicher damit auseinandersetzen. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat dazu im August eine Schrift mit dem Titel „Konsens und Konflikt“ herausgebracht. Wir müssen die Konflikte klarer austragen, um Konsense zu erarbeiten.

heute.de: Auch mit den rechten Gruppen, die heute mindestens zwei Demonstrationen am Breitscheidplatz angemeldet haben?

Dröge: Wir werden nach dem ökumenischen Friedensgebet das Friedenslicht von Bethlehem austeilen und mit Kerzen auf dem Breitscheidplatz stehen. Wir wollen ein schweigendes Gedenken. Und um 20.02 Uhr, als der Anschlag vor einem Jahr passierte, werden die Glocken läuten. Das ist ein würdiges Gedenken an die Opfer und ein großes Zeichen des Friedens. Wir beantworten eben nicht Gewalt mit Gewalt, sondern zeigen mit dem zarten Licht einer Kerze, wo wir stehen.

heute.de: Und das Licht der Kerze soll zu den Rechten auf der anderen Seite strahlen?

Dröge: Symbolisch verstanden, ja. Wir werden unsere Botschaft deutlich machen. Ich bin mir sicher, dass sie ein Gegengewicht zu denen darstellen wird, die die Kluft in der Gesellschaft noch vertiefen wollen.

heute.de: Was ist Ihre Botschaft für 2018?

Dröge: Diejenigen, die die freiheitliche Gesellschaft erhalten und Probleme in demokratischer Auseinandersetzung lösen wollen, sollen sich deutlicher zu Wort melden, damit nicht nur extreme Meinungen einen großen Raum einnehmen. Alle, die unser Land mit seiner freiheitlichen Demokratie lieben, und das ist die große Mehrheit, sollen sich an Wahlen beteiligen.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

Der Gedenktag in Berlin

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