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Volksentscheid zum Flughafen - Berliner entscheiden über Tegels Zukunft

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Nicht nur für die Bundestagswahl dürfen um die 2,5 Millionen Berliner heute ihre Stimme abgeben. Sie können auch darüber entscheiden, ob sie ihren Stadtflughafen Tegel behalten wollen oder nicht. Mit der Abstimmung endet vorerst ein langer und hoch emotionaler Streit in der Stadt.

Mitten in der Insolvenz von Air Berlin trifft sich in Potsdam die BER-Gesellschafterversammlung. Berlin und Brandenburg wollen vom Bund klare Zusagen zur Schließung von Tegel. Bleibt Tegel doch?

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Es ging hoch her, an jedem Wahlkampfstand, bei jeder Podiumsdiskussion, sogar unter Freunden und in Familien. So ziemlich jeder Berliner hat eine Meinung zum alten, heruntergekommenen und doch so beliebten Flughafen Tegel. Endlich schließen und 300.000 Menschen von Lärm entlasten wollen die einen, und die anderen loben die kurzen Wege in Tegel und die Nähe zur Innenstadt. Tegel, vor 43 Jahren erbaut, war für die West-Berliner das ersehnte Tor zur Welt.

Bettina Warken
Bettina Warken, Leiterin des ZDF-Landesstudios Berlin Quelle: ZDF

Monatelang wurde gestritten in der Stadt, und selten verstanden die einen die Argumente der anderen. Doch bei beiden Seiten spürte man die Wut darüber, dass die Diskussion um Tegel vor allem eine Ursache hat - auch fünf Jahre nach der geplanten Eröffnung steht immer noch nicht fest, wann endlich vom BER geflogen werden kann.

70 Prozent finden: "Berlin braucht Tegel"

Eine Bürgerinitiative "Rettet Tegel" setzte sich zuerst dafür ein, Tegel offen zu halten, bald unterstützt von der FDP, die rausgeflogen aus dem Abgeordnetenhaus ein neues politisches Thema suchte. Tatsächlich gelang es der FDP mit diesem Thema, die Berliner zu mobilisieren und sie zog 2016 wieder ins Parlament ein. Die CDU - jetzt auch in der Opposition - entdeckte wie die AfD Tegel als Gewinnerthema für sich. Der Erfolg gab ihnen Recht. Zu Beginn der Kampagne sprachen sich fast 70 Prozent der Berliner für Tegel aus. Auch wenn die Begeisterung mittlerweile abgeflaut ist, will fast jeder zweite Berliner heute für Tegel stimmen.

Die Argumente sind schlicht und einleuchtend. Sebastian Czaja von der Berliner FDP ist sich sicher, bei der Eröffnung wird "der BER schon jetzt zu klein für die prognostizierten Passagierzahlen" sein. Und wenn viele mit dem Auto zum BER fahren, wird es ein "Verkehrschaos auf den überlasteten Berliner Straßen" geben und schließlich würde einer Metropole, wie Berlin zwei Flughäfen mehr Weltstadtflair verleihen.

Rechtlich seit 2004 geschlossen

Lange Zeit hat der Berliner Senat das Pro-Tegel- Bündnis nicht wirklich ernst genommen. Zu klar schien die Rechts- und Finanzlage. Der Flughafen Tegel ist schon heute marode. Seit Jahren hat die Flughafengesellschaft nicht mehr investiert. Das ist nach Aussagen des Flughafenchefs Lüdkte Dalrup schon heute ein Problem. "Wir fahren Tegel auf Verschleiß, das wird aber immer schwieriger und kritischer."

Um den Flughafen weiter zu betreiben, müsste Berlin rund eine Milliarde für die Sanierung und noch mal 400 Millionen für den Schallschutz ausgeben. Zahlen, die die Berliner nicht schrecken, haben sie sich doch daran gewöhnt, dass ein Flughafen, der nicht in Betrieb, ist jeden Monat geschätzte 1,3 Millionen Euro kostet. Da kommt es auf ein paar mehr oder weniger auch nicht an.

Schwerer wiegt da schon die Rechtslage. Die Betriebserlaubnis für Tegel ist widerrufen. Rechtlich ist Tegel schon seit 2004 geschlossen. Bei täglich 600 Starts und Landungen ist dies zwar schwer zu verstehen, aber gerichtlich bestätigt. Tegel darf nur offen bleiben, weil der BER noch nicht fertig ist. Wenn der neue Flughafen eröffnet wird, muss Tegel sechs Monate später schließen, sonst drohen Klagen. Das haben die lärmgeplagten Anwohner, Umweltverbände und Naturschützer schon angekündigt.

Vision ohne Flieger, Kerosin und Lärm

Auch wenn es eine theoretische Chance gibt, dass alle Beteiligten, Berlin, Brandenburg und der Bund tatsächlich dafür wären, Tegel offen zu halten, drohen jahrelange Genehmigungsverfahren und ein hohes Prozessrisiko.

Erst in den letzten Wochen werben der Berliner Senat und die Berliner Wirtschaft offensiv mit ihren Plänen, was in Tegel entstehen soll. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller: "In Tegel kann ein ganz neuer Stadtteil entstehen mit bis zu 9.000 Wohnungen, die Berlin so dringend braucht."

IHK und Handwerkskammer verweisen auf die neuen Gewerbeflächen, die Arbeitsplätze sichern sollen. Das Schlagwort heißt: The Urban Tech Republic und soll ein Forschungs- und Industriepark werden. Eine Vision für Tegel ohne Flieger, Kerosin und Lärm. Davon träumen viele, die jetzt unter dem Flughafen leiden und darauf vertrauen, dass die Politik ihr Versprechen wahr macht und Tegel endlich schließt.

Berlins Flughäfen am Limit

Was die Berliner - Gegner, wie Befürworter- aber ganz sicher umtreibt: Einen Flughafen braucht Berlin in jedem Fall. Eine Hauptstadt, eine Metropole mit 3,5 Millionen Einwohnern und mit mehr als zwölf Millionen Besuchern jährlich sollte auch per Flieger erreichbar sein. Doch selbstverständlich ist das nicht mehr. Schönefeld-Alt ist heruntergekommen und entspricht schon lange nicht mehr den heutigen technischen Standards.

Tegel - geplant für sieben Millionen Passagiere - fertigt schon heute jährlich 12 Millionen Fluggäste ab. Der Flughafen ist nicht nur an seiner Leistungsgrenze, er ist auch marode. 18.000 Störfälle im Jahr verzeichnet er heute schon. Insider vermuten, das kann nicht mehr lange gut gehen.

Doch ein Eröffnungstermin für den BER ist noch immer nicht in Sicht. Deshalb muss Tegel durchhalten. Egal wie der Volksentscheid ausfällt - Tegel bleibt vorerst offen und hält hoffentlich noch durch.

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