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70 Jahre Ende der Luftbrücke - "Eine echte Lehrstunde" in Sachen Freiheit

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Leutnant Halvorsen ließ Süßigkeiten vom Himmel regnen. "Sie nannten mich Schokoladenpilot", erinnert er sich im Interview an die Berliner Luftbrücke, die vor 70 Jahren endete.

halvorsen, gail wirft suessigkeiten aus flugzeug
Pilot Gail S. Halvorsen wirft 1948 auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof amerikanische Süssigkeiten aus seinem C-54 Transportflugzeug.
Quelle: dpa

heute.de: Sie waren einer der Piloten, die die Berliner Bevölkerung während der Berlin Blockade mit Lebensmitteln versorgten. Fliegen Sie heute immer noch?

Gail Halvorsen: Ich feiere in diesem Jahr meinen 99. Geburtstag, aber ich kann immer noch meine C 54 fliegen. Ich kann starten und landen - und mit den Flügeln wackeln. Wie damals.

heute.de: Erinnern Sie sich noch an Ihren allerersten Flug nach Berlin?

Halvorsen: Natürlich. Das war im Juli 1948. Es war ein bewölkter Tag. Als ich die Stadt unter mir auftauchen sah, hat es mir den Atem verschlagen. Trümmer, ausgebombte Gebäude, die sich wie Finger in den Himmel reckten. Es war unglaublich. Das werde ich nie vergessen.

heute.de: Nachdem die sowjetische Militärverwaltung im Sommer 1948 den Straßen- und Schienenverkehr nach Berlin blockiert hatte, beschlossen Amerikaner und Briten eine Luftbrücke einzurichten.

Halvorsen: Das war eine Riesenherausforderung, 2,2 Millionen Menschen aus der Luft zu versorgen. Wir sind täglich non-stop zwischen Westdeutschland und Berlin hin und her geflogen. Wir haben Kohle, Eier, Mehl, Kartoffeln und Milch für die Kinder transportiert. Es gab nur einen schmalen Luftkorridor den wir nutzen konnten, ohne von den Russen gestoppt zu werden. Und wir hatten immer nur einen Landeversuch. Viele haben gesagt: Das klappt nie. Aber wir haben es geschafft.

heute.de: Wann haben sie zum ersten Mal Berliner Kinder getroffen?

Halvorsen: Das war bei meinem zweiten Flug. Ich transportierte eine Ladung Kohle. Der Flugplatz in Tempelhof war mit Stacheldraht eingezäunt. Hinter dem Zaun standen ungefähr 30 Kinder, zwischen acht und 15 Jahre alt. Sie beobachteten die startenden und landenden Flugzeuge. Ich ging zu ihnen und sie fragten mich wie viel Kohle ich geladen hätte. Ich konnte kaum Deutsch, aber sie sprachen ganz gut Englisch. Und sie beeindruckten mich sehr.

heute.de: Warum?

Halvorsen: Diese Kinder gaben mir eine echte Lehrstunde. Sie sagten: "Mach dir keine Sorgen um uns, wenn das Wetter schlecht ist und ihr nicht mehr landen könnt. Wir können zur Not auch mit weniger Essen über die Runden kommen. Aber wir wollen auf keinen Fall unsere Freiheit verlieren." Das hat mich tief beeindruckt. Ich wollte ihnen etwas schenken, aber ich hatte nichts dabei außer zwei Streifen Kaugummi. Wrigley Double Mint. Den hab ich durch den Zaun gereicht. Die Kinder haben das Kaugummi in winzige Stücke gebrochen und verteilt. Und diejenigen, die nichts bekommen hatten, haben am Einwickelpapier geschnuppert. Ich habe ihnen versprochen, mehr Kaugummi aus meinem Flugzeug abzuwerfen.

heute.de: Wie haben ihre Vorgesetzten reagiert?

Halvorsen: Ich hatte ehrlich gesagt keine Zeit, um um Erlaubnis zu bitten. Ich nahm alle Süßigkeiten aus meiner Ration und meine Kameraden gaben mir ihre dazu. Natürlich konnten wir die Sachen nicht bei einer Geschwindigkeit von 110 Meilen pro Stunde abwerfen. Also bastelte ich aus Taschentüchern kleine Fallschirme und hängte die Süßigkeiten dran. Als Erkennungszeichen für die Kinder wackelte ich mit den Flügeln meiner Maschine, bevor wir die Schokolade abwarfen.

heute.de: Nachdem Ihre Vorgesetzten von der Aktion erfahren hatten, wurden die Süßigkeiten-Abwürfe offiziell als "Operation Little Vittles" - Operation kleiner Proviant - fortgesetzt.

Halvorsen: Ja. Und ich bekam viele, viele Briefe von den Kindern. Mit selbst gemalten Karten, auf denen ihre Wohnung eingezeichnet war. Ein achtjähriges Mädchen, Mercedes, schrieb: "Wir wohnen nah am Tempelhofer Flugfeld. Unsere Hühner denken Eure Flugzeuge sind Falken. Sie haben Angst und legen keine Eier mehr. Aber wenn du über unser Haus fliegst und die weißen Hühner siehst, wirf bitte trotzdem etwas für mich ab." Ich habe ihr per Post ein Päckchen mit Schokolade und Kaugummi geschickt. Und einen Brief.

heute.de: Haben Sie Kinder, die Sie damals beschenkten, auch persönlich getroffen?

Halvorsen: Oh ja, viele. Zwanzig Jahre später, 1970, wurde ich für vier Jahre nach Berlin versetzt, als Kommandeur des Tempelhofer Luftstützpunkts. Ich traf Mercedes wieder - und sie hatte immer noch meinen Brief! Wir sind seitdem gute Freunde geworden.

heute.de: Bringen Sie bei ihrem Berlin-Besuch zum 70. Jahrestag des Endes der Luftbrücke Kaugummi mit?

Halvorsen: Klar! Aber es ging damals gar nicht so sehr um die Süßigkeiten. Wichtiger war, dass es da jemanden in Amerika gab, der wusste, dass es den Kindern schlecht ging und dem das nicht egal war.

Das Interview führte Maya Dähne in New York.

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