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Berliner Staatsoper vor Wiedereröffnung - Baustelle Bühne: Warum Sanierungen so teuer sind

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Neue oder sanierte Theater und Konzerthäuser geraten in Deutschland immer häufiger finanziell aus dem Ruder. Prestigeprojekte wie die Elbphilharmonie oder die Berliner Staatsoper überschreiten alle Zeit- und Kostenpläne. Woran liegt das? Ein Blick hinter die Kulissen.

Der Umbau der Staatsoper Unter den Linden in Berlin ist zum Kosten- und Planungsdebakel geworden. Mehrkosten von fast 160 Millionen Euro, jahrelange Verzögerungen und ein Imageschaden für Berlin ...

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Endlich - es ist fast geschafft. Am 3. Oktober 2017 - dem Tag der deutschen Einheit - soll die Staatsoper Unter den Linden mit einem Festkonzert feierlich wiedereröffnet werden. Robert Schumanns Faust-Szenen wird es geben. Intendant Jürgen Flimm und Generalmusikdirektor Daniel Barenboim sind erleichtert.

Das "Endlich" können sie verdoppeln, denn Baukosten und Zeitplan tun es gleichfalls. Aus drei Jahren Umbauzeit wurden sieben. Aus 240 Millionen Euro rund 400 Millionen Kosten. Der Clou aber: Die Staatsoper-Premiere wird nur zweimal aufgeführt, dann gehen die Türen wieder zu.

Der Grund: Der Bau ist noch nicht fertig. Zwanzig Szenenbilder müssen der nun größeren Bühne angepasst werden. Am 7. Dezember, so heißt es, soll der Regelbetrieb beginnen. Pünktlich zum 275. Geburtstag des Musentempels, der von Friedrich dem Großen errichtet wurde. Der Berliner Senat erklärt die Kurzzeiteröffnung zu einem "Präludium". Andere erinnert das einmalige Vorspiel an die Geschichte vom Fürsten Potemkin.

Mehrkosten - Dauerbrenner an deutschen Bühnen

Warum brauchen Großbaustellen in Deutschland so lange? Wie kommt es, dass Kosten bei prestigeträchtigen Kulturbauten regelmäßig explodieren? Einige Beispiele aus jüngster Zeit: Die Sanierung der Kölner Oper soll sich von geplanten 253 Millionen auf 570 Millionen mehr als verdoppeln. "Carmen" sollte bereits 2015 wieder in Köln aufgeführt werden. Nun sprechen die Verantwortlichen kleinlaut von 2022 oder vielleicht 2023. In Frankfurt am Main wird die notwendige Totalsanierung von Schauspielhaus und Oper auf minimal 130 Millionen geschätzt oder eben auf 870 Millionen Euro. Das wäre die All-Inclusive-Lösung. Wer wagt eine Wette, was am Ende passiert?

Nicht zu vergessen die Hamburger Elbphilharmonie. Vor Baubeginn für 77 Millionen versprochen, hat das neue Wahrzeichen der Hansestadt am Ende 789 Millionen gekostet. Motto: Der Steuerzahler zahlt ja.

Teure "Luft für die Ohren"

Brennpunkt Berlin. Arm aber sexy, das Motto der Jahrtausendwende. Kultur ist das Kapital der Hauptstadt. Jeder fünfte Euro wird in der Kulturwirtschaft verdient. Die Staatsoper ist ein Aushängeschild. Daher sollte in dem Rokoko-Bau, den die DDR in den fünfziger Jahren wieder aufbaute, alles noch schicker und moderner werden. 2010 gab der damalige Regierende Bürgermeister Wowereit den Startschuss - für eine Luxussanierung. Besonderes Kennzeichen: "Mehr Luft für die Ohren." Dazu wurde die Saaldecke um fünf Meter erhöht, damit der Klang eine halbe Sekunde länger nachhallen kann - exakt 1,6 Sekunden, wie es Maestro Daniel Barenboim gewünscht hatte.

Aber auch der Bau-Teufel steckte im Detail. In Fundamenten und Wänden. So wurde alles immer teurer. Der Kostenanstieg hat viele Ursachen: schwieriger Baugrund, Planungsfehler, Denkmalschutz, Geschmacksdebatten, Sonderwünsche, angeblich oder tatsächlich Unvorhersehbares.

Sanierungsfall Berliner Kunst

Die Staatsoper gilt als Paradebeispiel für heutige Probleme mit Großbauten. Prestigeprojekte werden vor Beginn schön und klein gerechnet, um sie politisch durchzusetzen. Der Kardinalfehler aber ist: Nach Grundsteinlegung wird bei laufendem Betrieb weiter fröhlich umgeplant. So explodieren Kosten, verlängern sich Bauzeiten, können Abnahmetermine nicht eingehalten werden. Hinterher will es keiner gewesen sein. Egal ob Berliner Pannenflughafen BER oder Staatsoper - das scheint fast ein Naturgesetz zu sein. Gleich zwei Untersuchungsausschüsse mühten sich, die wirklich Verantwortlichen für Pannen und Pleiten herauszufinden. Vergeblich.

Auf die Hauptstadt kommt in Zukunft noch mehr zu. Weil bei berühmten Konzertsälen und Theatern jahrzehntelang nichts mehr gemacht wurde, beläuft sich der Investitionsstau auf 435 Millionen Euro. Aushängeschilder wie Philharmonie, Komische Oper oder Berliner Ensemble sind - technisch gesehen - Sanierungsfälle. Einige Häuser sind im Betrieb "sogar gefährdet" wie der Berliner Senat Ende Juli einräumte. Das wird und kann kosten. Frei nach Schiller: "Ach teure Musen, seid umschlungen." Berlin, arm aber sexy, muss nun zeigen, was es sich leisten kann.

Nicht nur ein deutsches Problem

Ein Blick nach Australien tröstet aber. Die weltberühmte Oper von Sydney verteuerte sich sage und schreibe um das Fünfzigfache. Aus geplanten acht Jahren Bauzeit wurden sechzehn. Der dänische Architekt Jørn Utzon erhielt Hausverbot und durfte sein Bauwerk nie mehr betreten. Dabei gilt seine Oper als Meilenstein der Moderne. Das Meisterwerk ist längst Weltkulturerbe. Wer will da noch kleinkrämerisch über Kosten reden?

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