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heute.de-Interview - "Bernstein war grausam gut, fast dämonisch"

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Vor 100 Jahren kam Leonard Bernstein auf die Welt. Er gilt als künstlerisches Ausnahme-Talent. Für den Jazz-Musiker Daniel Schnyder war Bernstein sogar ein Magier.

Leonard Bernstein
Leonard Bernstein 1977 in Paris Quelle: dpa

heute.de: Sie sind ein großer Bernstein-Fan. Nicht gerade originell: Alle lieben Bernstein, oder?

Daniel Schnyder
Daniel Schnyder stammt aus Zürich und lebt in New York. Der 57 Jahre alte Komponist und Jazzmusiker beschäftigt sich mit Jazz, klassischer und improvisierter Musik. Auf dem Jazz-Festival in St. Moritz präsentierte er zusammen mit Armin Brunner die Bernstein-Hommage "Musiker zwischen exzessiver Lebensgier und tiefer Depression". Quelle: Anja Tanner

Daniel Schnyder: Musikalisch ist und bleibt Bernstein ein Universal-Genie. Er war als Pianist erfolgreich, aber auch als Dirigent, Komponist und als Lehrperson, also als Vermittler von Musik. Bernstein war unglaublich charismatisch. Er hatte keine Berührungsängste und war offen für Neues.

heute.de: Und noch dazu ein sehr politischer Musiker.

Schnyder: Das hat ihm viel Ärger eingebracht. Sein Stück "Mass" ist stilistisch und politisch radikal. Der amerikanische Geheimdienst hatte Bernstein vorgeworfen, er wollte den damaligen Präsidenten Richard Nixon mit einer Anti-Kriegs-Komposition blamieren. Nach den FBI-Warnungen kam Nixon nicht zur Eröffnungsveranstaltung.

heute.de: Bernstein war Jude. Hat ihn das motiviert, gegen politische Missstände aufzubegehren?

Schnyder: Das hat sicher eine Rolle gespielt. Noch wichtiger war der jüdische Einfluss aber auf seine Musik. Ich würde so weit gehen zu sagen: Die jüdische Musik war für Bernsteins Stil wichtiger als der Jazz. Denken wir an die Klarinetten-Sonate mit dem letzten Satz im Fünf-Achtel-Rhythmus. Oder die Candide-Ouvertüre, die viele unregelmäßige Rhythmen hat.

heute.de: Die "West Side Story" wurde Bernsteins größter Erfolg. Viele sehen darin kein Musical, sondern eine moderne Oper. Warum?

Zum Geburtstag - pure Musik:

Dirigent, Pianist, Komponist: Schon früh brannte Leonard Bernstein für die Musik. Vor 100 Jahren wurde das Universalgenie geboren. Zum Fest: Nichts als pure Musik.

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Schnyder: Weil Bernstein in den Kategorien der klassischen Musik gedacht hat und nicht, wie die Musicals, in der Pop-Musik. Die "West Side Story" lebt vom schnellen überraschenden Wechsel der Tonarten, von polymetrischen und polyrhythmischen Strukturen, die in den üblichen Broadway-Musicals so nicht vorkommen. Die "West Side Story" ist eine Art Hybrid zwischen Ballett, Musical und Oper. Bernstein selbst wusste nicht recht, was er da kreiert hat.

heute.de: Eine Art musikalischer Cocktail?

Schnyder: Bernstein liebte es, afroamerikanische und afrokubanische Elemente zu adaptieren und in seine Musik zu integrieren, etwa bei dem legendären "I want to be in America". Klassik, Afro-American Jazz, Swing: Hier kommt alles zusammen. Das ist viel mehr, als das, was ein Musical normalerweise beinhaltet. Und Bernstein ist witzig.

heute.de: Passt das Attribut "witzig" zu einem Perfektionisten wie Bernstein?

Schnyder: Unbedingt. Der Bierernst der Klassik hat etwas Zerstörerisches. Viele Leute langweilen sich in Konzerten und denken sich: "Wäre ich doch besser zuhause geblieben." Bernstein hat das Unernste zelebriert, zum Beispiel komponierte er Kochrezepte und schrieb den Song: "I Hate Music". Auf der einen Seite hat er sich der Musik total hingegeben, auf der anderen Seite aber durch Witz Distanz genommen.

 heute.de: Sie finden, Youtube verhelfe Bernstein zu einer Auferstehung. Warum?

Schnyder: Weil schwer zugängliche, seltene Aufnahmen nur noch einen Mausklick entfernt sind. Zum Beispiel sein Schumann-Klavierquintett mit dem Juilliard Quartett, oder eben Candide. Man kann hören und auf Youtube sehen, wie Bernstein etwas machte, was nur wenige Dirigenten taten: Er durchdringt ein musikalisches Projekt komplett. Bernstein hat sich bei Platten-Aufnahmen nicht aufs Spielen oder Dirigieren konzentriert. Er hatte ein ganzheitliches Konzept von Musik, wie es kein anderer Musiker seiner Generation hatte: Klaviervirtuose, Dirigent, Komponist, Witzmensch, ultimativer Musikvermittler, Entdecker, Wiederentdecker, Schamane, Redner, Showmaster und Guru. Alles vereint er in sich. Er ist auch in den Kontroll-Raum gegangen und hat den Technikern reingeredet.

heute.de: Warum hat sich Bernstein auch in technische Fragen eingemischt?

Schnyder: Weil er eine genaue Vorstellung vom Klang hatte. "Etwas mehr von den Bass-Klarinetten, mehr Kontrafagott, etwas mehr Dreck" – so hat Bernstein mit den Audio-Technikern gesprochen. Ich kenne keinen großen Dirigenten, der sich so für die Details der Aufnahmen interessiert hat wie Bernstein außer Karajan.

heute.de: Bernstein ist tot, Karajan ist tot, Schlingensief ist tot. Wo sind sie geblieben, die künstlerischen Ausnahmetalente?

Schnyder: Ich denke nicht, dass wir heutzutage weniger Talente haben als früher. Wir müssen aber neue Wege finden, sie zu fördern. Und wir müssen aufpassen, dass die ambitionierte Musik nicht verliert.

heute.de: Worin besteht die Gefahr?

Schnyder: Ich warne vor einer Verflachung der Musik. Bernstein und Karajan konnten noch auf die Platten-Industrie setzen. Einen Großteil ihrer Karriere verdanken sie dem Verkauf von Schallplatten. Die Zeiten sind vorbei – mit gravierenden Konsequenzen. Große Orchester sind für viele Einrichtungen zu teuer. Der Trend geht hin zu kleinen Produktionen: Quartetts, Trios oder Duos. Alles schrumpft aus Kostengründen zu kleinen Formaten, als wären wir in einem Kammerkonzert der Barockzeit.

heute.de: Bei welchem Bernstein-Stück bekommen Sie Gänsehaut?

Schnyder: Auf Youtube ist zu sehen, wie Bernstein die Candide-Ouvertüre dirigiert. Das beeindruckt mich sehr, wie Bernstein das dirigiert. Und wie gut das Orchester ist! Grausam gut, fast schon dämonisch! Candide ist ein sehr schwieriges Stück. Beim ersten Hören denkt man vielleicht "Hopsasa". Aber das Stück hat es in sich. Die Aufnahme ist perfekt, gerade, weil sie authentisch ist, live, ungeschnitten, eins zu eins, und rasant. Das Tempo ist total rücksichtslos. Für mich ist das ein echter Wow-Effekt. Eine solche Einheit von Dirigent und Orchester gibt's kaum: Da offenbart sich Bernstein als Magier.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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