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Armutsrisiko trotz boomendem Arbeitsmarkt hoch

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Studie der Bertelsmann-Stiftung - Armutsrisiko trotz boomendem Arbeitsmarkt hoch

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Seit Jahren geht es gesamtwirtschaftlich aufwärts in den meisten Staaten. Trotzdem ist einer Studie zufolge in den Industriestaaten der OECD das Armutsrisiko vielfach gestiegen.

Archiv: Eine Frau in einer Unterfuehrung an einer Plattenbau-Siedlung in Halle-Neustadt am 21.02.2016
Die Arbeitslosigkeit sinkt zwar in den meisten Ländern - doch der Niedriglohnsektor ist groß.
Quelle: Imago

Das Missverhältnis zwischen boomenden Arbeitsmärkten und dem Risiko, arm zu werden, sei auffallend. "Was man sicher sagen kann: Nicht alle gesellschaftlichen Gruppen profitieren vom Arbeitsmarktaufschwung", fasst Thorsten Hellmann von der Bertelsmann-Stiftung das Ergebnis seiner Studie zusammen. Er und seine Kollegen haben im Rahmen ihrer Studie zu sozialer Gerechtigkeit (Social Justice Index) die Teilhabechancen in 41 Industrieländern aus der EU und der OECD untersucht.

Großer Niedriglohnsektor

Die Quantität auf den Arbeitsmärkten stimmt, bei der Qualität ist sicher noch Luft nach oben.
Thorsten Hellmann, Bertelsmann-Stiftung

Zwar liegt die Arbeitslosenquote in den untersuchten Staaten mit 5,3 Prozent im Durchschnitt leicht unter dem Niveau vor der großen Wirtschafts- und Finanzkrise 2008. Dennoch ist das Armutsrisiko in 25 Staaten stagniert oder sogar gestiegen. "Wir sehen in vielen Ländern einen großen oder sogar noch zunehmenden Anteil atypischer Beschäftigung wie befristete Arbeitsverhältnisse. In vielen Ländern gibt es auch einen großen Niedriglohnsektor", sagt Hellmann. "Anders formuliert: Die Quantität auf den Arbeitsmärkten stimmt, bei der Qualität ist sicher noch Luft nach oben".

Und das birgt Probleme. Vor allem angesichts der Tatsache, dass gleichzeitig die Vermögen seit der Finanzkrise deutlich gestiegen sind. Laut jüngster Vermögensstudie der Allianz etwa um satte 50 Prozent. Nur sind Vermögen - auch hierzulande - ziemlich ungleich verteilt. In Bezug auf die Vermögensverteilung ist Deutschland im vergangenen Jahr um zwei Plätze auf Rang 20 abgerutscht.

Das Gefühl abgehängt zu sein

"Man muss sehr vorsichtig mit Kausalketten sein", sagt Allianz-Volkswirt Arne Holzhausen. "Aber das Gefühl, abgehängt zu sein, führt natürlich auch dazu, die Legitimität unseres freiheitlich-marktbasierten Wirtschaftssystems zu hinterfragen. Es stärkt sicherlich die Neigung, zu alternativen und radikalen Lösungen zu tendieren".

Als Beispiel führt Holzhausen in diesem Zusammenhang etwa den Brexit an oder auch die Wahl Donald Trumps in den USA. "Es gibt kaum ein Land, das eine größere Ungleichheit hat - abgesehen vielleicht von einigen korrupten Staaten Afrikas. Da muss man sich über die Polarisierung der Gesellschaft eben auch nicht mehr wundern".

USA zählt zu den Schlusslichtern

Die jüngsten Ergebnisse der Bertelsmann-Studie weisen in ähnliche Richtung. Zwar sind am stärksten und häufigsten von Armut bedroht die Menschen in Chile, Bulgarien, Rumänien, der Türkei und Mexiko. Zu den Schlusslichtern auf Platz 36 zählen aber auch die USA und Israel.

Die besten Teilhabechancen gibt es andererseits in nordischen Ländern wie Island, Norwegen, Dänemark und Finnland. Deutschland belegt in der Gerechtigkeits-Liste immerhin den zehnten Platz - vor allem dank gut laufendem Arbeitsmarkt und dem hohen Grad der Beschäftigung.

Altersarmut auf höchstem Stand

In zwei Dritteln der untersuchten Länder sei Kinderarmut das dringende Problem. In Deutschland dagegen steht das Armutsrisiko für Senioren im Vordergrund: Mit 9,7 Prozent ist das Armutsrisiko für Menschen über 65 auf den höchsten Stand der letzten 10 Jahre gestiegen. "Wir haben hier dringenden Handlungsbedarf in der Rentenpolitik. Insbesondere, weil wir jetzt schon einen der höchsten Altersquotienten haben", sagt Thorsten Hellmann. Der Druck werde noch steigen, weil ab Mitte der 2020-Jahre die Babyboomer-Generation verstärkt in Rente gehen werden.

Berücksichtigt haben die Volkswirte in ihrer Untersuchung statistische Daten seitens Eurostat oder der Industriestaatenorganisation OECD in sechs Themenfeldern: Armutsvermeidung, Beschäftigung, gerechte Bildungschancen, Generationen-Gerechtigkeit, Gesundheit und Soziale Inklusion oder Nicht-Diskriminierung. Eingeflossen sind aber auch Bewertungen und Analysen von Experten der Stiftung in den jeweiligen Ländern.

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